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Comic-Besprechung - Little Tulip

Geschichten:

Little Tulip
Autor: Jerome Charyn, Zeichner: François Boucq, Übersetzung: Tanja Krämling



Story:
Sieben Jahre ist Pawel alt, als er und seine Familie als Spione verhaftet werden. Sie werden in die sibirischen Gulags transportiert und voneinander getrennt. Für den Jungen beginnt damit eine Zeit, des Leidens und des Grauens. Nur eins rettet ihn: Sein Zeichentalent!

Meinung:

Josef Stalin war ein grausamer Mensch. Der Diktator, der die Sowjetunion beherrscht, hatte sein Land mit eiserner Faust unterdrückt. Wer ihm auch nur irgendwie verdächtig oder gefährlich vorkam oder unliebsam wurde, wurde entweder ermordet oder der Prozess gemacht. Viele Verurteilte wurden nach Sibirien, jenem kalten Norden des Landes, gebracht, wo sie in sogenannten Gulags genannten Lagern untergebracht wurden. Und wenn sie Glück hatten, starben sie schnell.

Auf diesem historischen Hintergrund baut das Comicalbum "Little Tulip" auf. Geschrieben wurde es von Jerome Charyn, während die Illustrationen von Francois Boucq beigesteuert wurden.

Charyn wurde 1937 in New York geboren. Die Stadt und ihre Licht- und Schattenseiten haben viele seiner Werke beeinflusst. Neben seinen Comicwerken wie "Teufelsmaul" oder "Die Frau des Magiers" hat er auch zahlreiche Romane geschrieben, wie zum Beispiel "Darlin' Bill".

Francois Boucq hat ursprünglich nichts mit Comics am Hut gehabt. Zunächst war er Pressezeichner für renommierte Zeitungen wie Le Point oder dem Playboy. Doch dann wandte er sich der Welt der bunten Bilder zu, wo er im Laufe der Zeit ein beeindruckendes Werk erschuf. So hat er unter anderem gemeinsam mit Jodorowsky den Westerncomic "Bouncer" erschaffen und illustriert.

Paul, auch Pawel genannt, ist ein Junge, der in einem Gulag aufwächst. Seine Eltern, von denen er bei Ankunft getrennt worden ist, wurden wegen angeblicher Spionage verhaftet und nach Sibirien transportiert. Der Gulag ist kein Ort für Schwächlinge, das begreift er schnell. Doch sein Zeichentalent hilft ihm, zu überleben. Und er erregt dadurch die Aufmerksamkeit der Klans, die die eigentliche Macht bilden. Sie werden für ihn eine Ersatzfamilie und fördern seine Fähigkeiten. Allerdings muss er bald feststellen, dass in den Gulags Gerechtigkeit rar ist.

Jahre später lebt der ehemalige Gefangene in New York. Er betreibt ein Tatoo-Studio und hilft der Polizei beim Zeichnen von Phantombildern. Denn er hat die Gabe , auf Grund der dürftigsten Beschreibungen detaillierte Zeichnungen anzufertigen. Und die werden auch benötigt. Ein Serienmörder namens Bad Santa treibt nämlich sein Unwesen. Und er hat es vor allem auf junge Frauen abgesehen, die er vergewaltigt und dann tötet.

Es ist ein merkwürdiges Album, das der Splitter-Verlag jetzt herausgebracht hat. Auf der einen Seite hat man die Lebenserinnerungen von Paul, als er sich an die Zeit im Gulag erinnert. Auf der anderen ist da die Handlungsebene in der Gegenwart, in der der ehemalige Junge als erwachsener Mann sich seinen Lebensunterhalt verdient. Also ein Erzählkonzept, wie es oft genug verwendet wird. Und doch hat man nach dem Durchlesen des Bandes das Gefühl, dass das Album weit hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Woran liegt das?

Auf jeden Fall nicht an den Erinnerungen an den Gulags. Hier können die Schöpfer der Geschichte überzeugen. Sie fangen von Beginn an die Brutalität der Umgebung perfekt ein. Da werden auf der Fahrt die Frauen von tätowierten Gefangenen vor den Augen der eingesperrten Männer vergewaltigt. Oder die nackten Toten werden ohne Rühren herausgetragen und wegtransportiert.

An diesem Ort eine Ersatzfamilie zu finden, ist schon enorm. Und doch sind die Männer des Kiril vor allem das! Der Anführer einer der zwei großen örtlichen Verbrecherclans nimmt den Jungen mit den künstlerischen Talenten unter die Fittiche und lässt ihn durch seinen persönlichen Leibtätowierer ausbilden.

Das man diese Figur so gut findet liegt auch am Kontrast. Der "Graf" wie er ebenfalls genannt wird ist das Gegenteil des alten Kiril. Er ist groß, beleibt und brutal. Und damit der geeignete Antagonist im Leben von Pawel, da dieser wiederholt dieser dominant dargestellten Figur und ihrer Taten begegnet. Und jedes Mal wird dem Protagonisten und dem Leser förmlich eingehämmert, dass Gerechtigkeit in den Gulags wirklich nicht existiert.

Die Vergangenheitsebene funktioniert also perfekt! Liebend gerne hätte man sich gewünscht, dass es noch etwas Zusatzmaterial geben würde, in dem über die Recherchearbeit zu diesem Album geschrieben werden würde. Doch leider gibt es da nichts, abgesehen von den Kurzporträts der Beteiligten Künstler.

Und leider muss man auch sagen, wurde die Gegenwartsebene eingefügt. Und ausgerechnet diese ist es, die einem das ganze Vergnügen an dem Comic verdirbt. Denn hier haben sich die Macher entschlossen, ein zusätzliches Handlungselement einzufügen, das sich mit der Vergangenheit beißt!

Denn auf einmal taucht Mystik in der Handlung auf. Peter kann die Gesichter von Verbrechern praktisch erfühlen, anhand von Eindrücken, die er von den Opfern aufnimmt. Und dieses Element wird im Laufe des Albums immer mehr in den Vordergrund gerückt, bis zum Finale, das absolut hanebüchen ist und dem positiven Gesamteindruck sogar schadet.

Das Problem ist, dass diese Mystik überhaupt nicht zu der brutal realistisch dargestellten Vergangenheitsebene passt und auch nicht auftaucht. Einmal wird eine Andeutung diesbezüglich gemacht, doch das ist es dann auch. Man hat deshalb den Eindruck, dass hier zwei Ebenen vorhanden sind, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben, abgesehen von dem Protagonisten.

Auch die "Bad Santa"-Mordserie kann nicht überzeugen. Da der Fokus von "Little Tulip" primär auf der Vergangenheit liegt, kann sie nicht so gut ausgebaut werden, wie man es sich wünschen würde. Mit dem Ergebnis dass es hier und da ein paar hingeworfene Szenen gibt, die sich den kostbaren Platz in der Handlungsgegenwart zusätzlich noch mit den persönlichen Momenten von Paul teilen müssen.

Immerhin sind die Illustrationen von Francois Boucq einen Hingucker wert. Er versteht sich darauf, seine Panels mit Details anzureichern, ohne dass es zu viel wird. Er findet exakt die richtige Balance, um den Leser ausreichend Elemente zum Hinschauen zu liefern, ohne dass dieser davon überfordert wird. Gleichzeitig sind seine Figuren keine Schönheiten. Charaktere wie Paul zum Beispiel haben schon fast Segelohren. Das ist jedoch ebenfalls Teil der Faszination, die die Illustrationen ausstrahlen. Denn dadurch wirkt die Umgebung, in der die Story stattfindet, wohltuend realistisch.

Der Comic hat gute Ansätze, doch er macht nichts draus. Er ist mehr mittelmäßig und erhält dementsprechend die Bewertung "Ganz nett".


Fazit:
"Little Tulip" hat dann seine starken Momente, wenn sich die Handlung auf die Vergangenheit konzentriert. Wenn man die Ereignisse im russischen Gulag liest, schafft es das Kreativteam von dem Autor Jerome Charyn und dem Künstler Francois Boucq, den Leser zu fesseln. Sie verschonen ihn nicht, sie zeigen ihm die grausamen Kosten, die das Überleben in jener Zeit an diesem Ort, verursacht hat. Doch die Gegenwartsebene ist es dann, die enttäuscht. Es wird versucht, ein mystisches Element in die Handlung einzuführen, die aber überhaupt nicht funktioniert. Auch erfährt man zu wenig über die Nebencharaktere. Die müssen sich den Handlungsplatz mit einem Kriminalfall teilen und werden dementsprechend wenig ausgebaut. Schade, bei den guten Illustrationen des Künstlers.

Little Tulip - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Little Tulip

Autor der Besprechung:
Götz Piesbergen

Verlag:
Splitter

Preis:
€ 19,80

ISBN 13:
978-3-95839-135-2

88 Seiten

Positiv aufgefallen
  • Wunderbare Zeichnungen
  • Gelungene Vergangenheitsebene
  • Interessantes Szenario
Negativ aufgefallen
  • Gegenwartsebene ist schwach
  • Mystizismus ist störendes Element
Die Bewertung unserer Leser für diesen Comic
Bewertung:
1
(1 Stimme)
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Rezension vom: 22.09.2015
Kategorie: One Shots
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