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Comic-Besprechung - Fort Wheeling — Erster Teil (Farbausgabe)

Geschichten:

Fort Wheeling — Erster Teil (Farbausgabe)

Autor und Zeichner: Hugo Pratt

Übersetzerin: Resel Rebiersch



Story:

Als sich zu Beginn der 1770er Jahre immer mehr Provinzen in Kolonial-Nordamerika von der britischen Krone lossagen, kommt es im Zuge dieses Konfliktes zu einem Krieg zwischen den Siedlern und der herrschenden Großmacht England, den wir inzwischen als den „Unabhängigkeitskrieg” der späteren USA kennen. Zwei siebzehnjährige Jungen, der britische Adelsspross Patrick Fitzgerald und der verwaiste Siedlersohn Criss Kenton, schließen kurz vor diesem Konflikt als Angehörige der britischen Kolonialtruppen Freundschaft miteinander und erleben gemeinsam eine Reihe von Abenteuern in der nordamerikanischen Wildnis, bis es großflächig zu Aufständen der Amerikaner kommt, die die beiden aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunft auseinander reißen. Trotz alledem versuchen sie, sich ihre Menschlichkeit zu bewahren und an ihrer Freundschaft festzuhalten, was bei den folgenden wirren Kriegsereignissen auch ausgiebig auf die Probe gestellt wird.



Meinung:

„Fort Wheeling” ist die letzte Geschichte, die Hugo Pratt im Jahr 1962 in Argentinien veröffentlicht hat, bevor er wieder nach Italien zurückkehrte. Vorher hatte er zuletzt „Ernie Pike” und „Ticonderoga” nach Szenarien von Hector Oesterheld veröffentlicht. Diese beiden Klassiker liegen inzwischen auch auf deutsch vor. Wie in den vorhergehenden Werken orientiert sich Pratt auch diesmal an historischen Ereignissen und baut zahlreiche bekannte Figuren in seine Geschichte ein, wie nochmals am Rande James Moorey Flint „Ticonderoga”, Colonel Lewis, Daniel Boone und Andere, die man bereits aus Geschichtsbüchern oder ähnlich gelagerten Erzählungen kennen kann. Die Handlung spielt im Gebiet des Ohio River, südlich der großen Seen an der Grenze zum heutigen Kanada in der Nähe von Pittsburg. Dabei konzentriert sich die Handlung weitestgehend auf Kampfhandlungen im weitesten Sinne: Überfälle, Ermordungen, Hinterhalte und direkte Kriegshandlung bilden neben einer Liebesgeschichte zwischen den beiden Helden und einer von Indianern verschleppten Weißen namens Mohena den Mittelpunkt der Story, und man bekommt den Eindruck, dass damals nicht anderes geschah als die Taten blutrünstiger Massenmörder und Psychopathen. Dies ist sicherlich vor dem Hintergrund zu sehen, dass die Geschichte ursprünglich als Fortsetzung in einem argentinischen Jugendmagazin kreiert wurde: diese Dramatik war für den Verkauf des Magazins sicherlich notwendig. Doch trotz des in diesem „Sammelband” erkennbaren Umfangs des Werkes kommen die Figuren nie wirklich zur Ruhe, Zwischenepisoden werden geschickt übersprungen oder ausgelassen und so die Spannung für die damaligen Leser hoch gehalten — doch für Selbstreflexion bleibt den Figuren kaum Zeit, höchstens mal ein paar Gedanken in ein oder zwei Panels, das wirkt heute nicht mehr ganz zeitgemäß bzw. ist eben ein bisschen „altbacken” und entspricht nicht den modernen Erzählstilen unserer Zeit. Doch zugleich ist gerade dieses Schicksal der indigenen Bevölkerung historisch korrekt dargestellt, und für die damalige Zeit eher ungewöhnlich (und dadurch wieder „modern”), wenn man „Fort Wheeling” an den damals noch in großer Zahl produzierten Westernfilmen misst, die alle völlig unkritisch mit der Siedlungsgeschichte Nordamerikas umgegangen sind. Das sollte man wissen, damit man nicht enttäuscht wird, aber es gehört natürlich zu diesem Werk dazu: es ist ein Produkt im Geist der sechziger Jahre, nicht mehr und nicht weniger.

Die Geschichtstreue ist dann auch für mich bereits die einzige Stelle, an der es bei diesem Buch tatsächlich ein bisschen mehr hakt: Pratt versucht anfangs, mit ungeheurer Akkuratesse die historischen Begebenheiten einzuordnen und den Leser quasi „einzunorden”, was ein wenig Oberlehrerhaft rüber kommt und die Erzählung zunächst holprig erscheinen lässt, mit abgehackt aufeinander folgenden Szenen und etwas gestelzt wirkenden Dialogen. Auch die Zeichnungen wirken auf mich auf den ersten Seiten von „Fort Wheeling” viel unbeholfener in der Ausführung, als man es von Pratt sonst gewohnt ist. Doch man darf nicht vergessen, dass diese Geschichte durchaus noch zum Frühwerk des Autors gezählt werden muss: der erste „Corto Maltese” erschien zum Beispiel erst fünf Jahre später, im Jahr 1967, hiermit sollte man „Fort Wheeling” noch nicht messen müssen. Und nach und nach findet Pratt auf den folgenden Seiten doch bereits seinen Stil, die Zeichnungen bekommen den gewohnten Charme, er arbeitet dann bereits viel mit den bekannten Schattenwürfen und den extradicken Tuschelinien.

Witzig fand ich, dass Pratt sein eigenes Porträt für den „weißen Indianer” Simon Girty benutzt; auch ähnelt Criss Kenton in manchen Panels verblüffend einem jüngeren Corto, und auch die junge Pandora aus der „Südseeballade” meine ich bereits in manchen Frauenfiguren von „Fort Wheeling” wiedererkannt zu haben. 

Insgesamt sind die Zeichnungen als gelungen zu bezeichnen, viele Elemente aus seiner späteren Glanzzeit sind bereits zu erkennen oder deuten sich bereits an. Ob das dieses Werk bereits zu einem Meisterwerk macht, wie auf dem Rückentext vermerkt, sehe ich etwas kritischer, aber nichts desto trotz ist dies ein vielversprechendes Frühwerk des großen Hugo Pratt, dass ich dem interessierten Leser durchaus empfehlen kann.

Rezensiert wurde hier die gebundene Farbausgabe, der Verlag Schreiber & Leser legt, wie bei Pratt inzwischen gewohnt, zeitgleich auch eine schwarz-weiß-Ausgabe auf, die möglicherweise optisch eine ganz andere Wirkung auf den Betrachter haben mag — vielleicht hat der Leser die Möglichkeit, vor dem Kauf in beide Bände hineinzuschauen, um sich „seine” Version auszusuchen. Das Buch hat einen ausführlichen Dossier- und Skizzenteil vorangestellt, in dem übrigens unter anderem auch nochmal die vollständige Zeichnung des wunderschönen Covermotivs enthalten ist.



Fazit:

Eine sehr schöne Ausgabe des Klassikers aus den sechziger Jahren, mit ausführlichem Dossier, und alternativ in zwei Versionen verlegt: Farbe oder s/w. Trotz seines Schwerpunkts auf kriegerischen und sonstigen Mordtaten insgesamt eine nette Abenteuergeschichte, die man durchaus weiterempfehlen kann. Man darf gespannt sein, wie die Geschichte im zweiten Band zu Ende geht.



Fort Wheeling — Erster Teil (Farbausgabe) - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Fort Wheeling — Erster Teil (Farbausgabe)

Autor der Besprechung:
Uwe Roth

Verlag:
Schreiber und Leser

Preis:
€ 29,80

ISBN 10:
3965821245

ISBN 13:
978-3965821248

136 Seiten

Bewertungen unserer Redaktion und unserer Leser

Positiv aufgefallen
  • Ein schöner erster Teil des Klassikers.
  • Wahlweise in Farbe oder s/w.
Negativ aufgefallen
  • Man muss sich mit dem sehr blutrünstigen Inhalt dieses Frühwerks aus den 60ern anfreunden können.
Die Bewertung unserer Leser für diesen Comic
Bewertung:
1
(5 Stimmen)
Bewertung
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Rezension vom: 10.10.2023
Kategorie: Alben
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