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Jons Marek sinniert über Qualität nach
Je mehr sich das Comicjahr dem Ende zuneigt, desto mehr kommen einem die Gedanken über die Qualität der diesjährigen Erscheinungen. Und ich frage mich, wie dieses Jahr zu bewerten ist. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass die großen Höhepunkte nicht sonderlich zahlreich waren. Es gab zwar viele gute Bände, die spannend und unterhaltsam waren, aber haben sie mich wirklich begeistert? Da gibt es eher wenige. Es herrschte eine hohe Qualität vor, ja. Aber irgendwie waren die wirklich guten graphischen Ideen eher selten.

Bei den Flops des Jahres ist die Wahl um einiges einfacher. Da fallen mir sofort zwei Erscheinungen in das Auge. Da wäre zum einen der offenbar unaufhaltsame Niedergang der „Wonderland“-Saga. Der Band mit der Rotkäppchenadaption war zwar nicht gerade innovativ, aber immerhin noch ein ordentliches Genrestück mit Spannung, Atmosphäre und Gore. Aber die anderen, vor allem die „Traumfressersaga“, waren ein absoluter Tiefpunkt da selbst einfache dramaturgische Regeln ignoriert worden waren. Die weitere Enttäuschung ist gleichzeitig eine Überraschung. „Holy Terror“ von Frank Miller ist graphisch ein Meisterwerk. Aber in ebensolchem Maße ist der Band inhaltlich eine Katastrophe: rassistisch, undifferenziert, ein einziges großes Selbstzitat mit einer Story die auf einen Bierdeckel passt und insgesamt den Eindruck erweckt, als ob es bei einem Stammtisch der Tea Party Bewegung geschrieben worden ist. Inhaltlich ungenießbar, obwohl ein Augenschmaus.

Was sind nun die Tops? Da gibt es schon einige die mich begeistert haben. „Sasmira“ etwa ist wahre graphische Poesie (zumindest im ersten Band), wenn die Zeichnungen kongenial die Stimmung bereiten und immer ein bisschen mehr erzählen als die Story. Eben wie es sein soll. Auch „Kililana Song“ ist ein kleines Meisterwerk und es ist erstaunlich, dass der Autor und Zeichner Benjamin Flao bislang in Deutschland nicht vertreten war (abgesehen von einem Anthologie-Beitrag). Aber auch die „Punisher“-Strecke von Jason Aaron ist ein kleines Meisterwerk. Nach dem Weggang von Garth Ennis hatte ich so meine Zweifel, ob man der Figur etwas Neues abgewinnen können würde. Und das hat Aaron geschafft (wann kommt endlich seine Serie „Scalps“ auf Deutsch heraus?). „Helldorado“ war ebenso gelungen. Inhaltlich zwar nichts für Zartbesaitete, aber hier waren immerhin einige sehr gute graphische Ideen zu finden und Szenen, die man nicht so schnell vergisst.

Und je länger ich die Erscheinungen Revue passieren lasse, umso mehr fallen mir doch einige sehr gute Bände ein, die mich verzaubert haben und teilweise wahre Meisterwerke sind. Hier seien nur ein paar erwähnt: „Powers“ (zumindest der erste Band, der zweite ließ deutlich nach), „Das Zeichen des Mondes“ und „Stiche“ sind zwei der wenigen Bände mit herausragenden graphischen Ideen, „Hera zum Ruhm“, „Las Rosas“, „Tango de la Mort“, „Rosalie Blum“, „Hicksville“, aber auch der Band „Pandämonium“, der es schaffte, und das als Genrearbeit, mich zu schockieren und zu bewegen, was, zugegeben, nicht gerade einfach ist. Generell sind doch mehr Meisterwerke in diesem Jahr zu finden, als ich bislang dachte. Wie so oft scheinen sie in der Flut der Veröffentlichungen etwas unterzugehen. Womit ich bei dem Punkt wäre, was ich mir so gekauft habe. Wenn ich es mir recht überlege, waren das größtenteils ältere Bände, die nicht in diesem Jahr erschienen sind und dementsprechend hier nichts zu suchen haben. Es sei denn, es sind englischsprachige Ausgaben die ihren Weg, meines Wissens nach, noch nicht nach Deutschland gefunden haben. Da wäre vor allem „Girls“ erwähnenswert. Die Serie stammt von den Luna Brothers, die in diesem Jahr mit „Das Schwert“ von sich reden machten. „Girls“ ist spannend, intelligent, actionreich und voll ironischem Witz. Auf jeden Fall ein Blick wert. „Jinx“ ist ein Frühwerk von Brian Michael Bendis und ebnete seinen Ruhm. Insofern ein Blick wert, wenngleich die Qualität späterer Arbeiten noch nicht erreicht wird (wie etwa bei „Scarlet“ oder „Torso“). „Scars“ von Warren Ellis ist auch einen Blick wert, sowie „Borderline“, wobei es mir hier hauptsächlich die Zeichnungen von Eduardo Risso angetan haben (wie auch in „100 Bullets“, „Vampire Boy“ und allen seinen Serien). Leider schwächelt da die Story. Ansonsten ist mir wohltuend „Ein philosophisch pornographischer Sommer“ im Gedächtnis geblieben. Und bei den relativ neuen US-Heftserien ist vor allem „Revival“ von Tim Seeley („Hack/Slash“) äußerst vielversprechend.

Hier sind nur einige wenige erwähnt. Aber jeder Band ist einen Blick wert. Und das Fazit für dieses Jahr: es gab mehr Meisterwerke als einem spontan einfällt. Ein Hinweis darauf, dass die wirklich guten Bände in der Veröffentlichungsflut unterzugehen drohen. Dennoch sollte man sich über die große Anzahl von Veröffentlichungen freuen, spricht das doch für die immer weiter wachsende Akzeptanz des Mediums. Auf ein Neues Jahr.


Special vom: 29.12.2012
Autor dieses Specials: Jons Marek Schiemann
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