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Der Meister der Groteske - Ein Nachruf auf Daniel Hulet

Der Meister der Groteske
Ein Nachruf auf Daniel Hulet (1945-2011)


Daniel_HurletDaniel Hulet wird oft als der "belgische Bilal" bezeichnet. Wie Enki Bilal zählt Hulet tatsächlich zu den wenigen Künstlern, die eine Direktkolorierung verwenden. Beide bevorzugen zudem phantastische Genres. Die Umschreibung wird ihm trotzdem nicht gerecht. Denn Hulets Werk ist weder eine Kopie von Bilals Arbeiten, noch hat es eine "Aufwertung" durch ein derartiges "name dropping" nötig. Denn seine Comics stehen inhaltlich und grafisch für sich. Einen Vergleich mit großen Comicautoren brauchte Hulet deshalb gar nicht zu scheuen. Trotzdem wurde er nicht so bekannt wie seine Kollegen. Das lag daran, dass sich der Belgier auf groteske Stoffe spezialisiert hat, als dessen großer Meister er sich erwiesen hat.
Das Werk von Daniel Hulet ist inhaltlich durch zwei wesentliche Aspekte geprägt:  Genrespezifisch legte der Belgier einen Schwerpunkt auf die Groteske und thematisch wählte er sehr gerne morbide Motive. Grafisch steht Hulet in der Tradition realistischer belgischer Zeichner wie Liliane und Fred Funcken, William Vance und vor allem Hermann. Zudem hat er seine Zeichnungen direkt koloriert. In seinem Frühwerk war Hulet nur Illustrator. Es dauerte, bis der Belgier auch die Szenarien seiner Werke schrieb. Doch dann gelangen ihm unverwechselbare surreale Geschichten, meist phantastisch angehaucht, die tief in die menschlichen Abgründe blicken.
Daniel Hulet wurde am 25. August 1945 in Etterbeek geboren. Der Belgier durchlief seine künstlerische Ausbildung in der Académie des Arts d’Ixelles – die Stadt, in der auch Audrey Hepburn geboren wurde. Zum Comic fand Hulet allerdings erst sehr spät. Seine ersten Comicarbeiten wurden ab 1975 im belgischen Magazin Tintin abgedruckt. Im Alter von 30 Jahren zeichnete der "Spätzünder" nach einem Szenario von Christian Blareau zunächst die satirische Funny-Serie Chat Charabia, die sich um eine gleichnamige Katze dreht und bis 1978 unregelmäßig abgedruckt wurde. Der pointierte Funny debütierte am 30. Dezember 1977 im ZACK-Magazin Nr. 1 unter dem Titel Pascha und lief dort mit einigen Unterbrechungen bis zur Ausgabe Nr. 16/1977. Die Zeichnungen entsprechen ganz dem typischen Funny-Stil. Vergleicht man die späteren Arbeiten damit, dürfte Hulet nicht gerade zufrieden gewesen sein mit dieser Serie. Aber vielleicht stammt von Chat Charabia der satirische Humor, der auch noch in seinem Spätwerk durchklingt.
Darüber hinaus kollaborierte Hulet mit diversen Autoren für Tintin an realistischen Geschichten. 1975 realisierte er mit dem Szenaristen Yves Duval für eine Serie über historische Ereignisse, Trente ans d’histoire, die Folge Le miracle japonais, die im besetzten Japan nach dem Zweiten Weltkrieg spielt. Im gleichen Jahr folgte nach einem Szenario von Daniël für die Reihe Mini–récit dans un maxi–format die Geschichte La vache de Zebulon Pike. Mit Duval entstanden außerdem für andere Publikationen weitere authentische Geschichten: Seul face au chrono (1975), A la recherche des mammouths (1976), Le combat des suffragettes (1976), Authentique (L’enquête des 40 momies, La maison de la dernière cartouche, Le trésor des nazis und L’agonie de L’U–99; 1977-1978) und L’incendie du bazar de la charité (1983).
Ab 1977 konnte Hulet mit Leo Gwenn seine erste Abenteuergeschichte für Tintin verwirklichen. Nach einem Szenario von Vicq entstand die erste Folge Les pirates de l’or noir, der weitere bis 1979 folgen sollten. Für denselben Autor zeichnete Hulet 1978 mit La bête fabuleuse de l’UB–28 auch eine weitere realistische Geschichte. Unter eigener Regie entstand für die Tintin-Reihe Histoires et légendes darüber hinaus die Folge L’agonie de L’U–99, was sein letzter Beitrag für Tintin werden sollte. Hulet hatte wohl genug von realistischen Geschichtscomics und war durch Leo Gwenn auf Tuchfühlung mit dem Abenteuergenre gegangen. Hulet arbeitete fortan für verschiedene Magazine.
Mit dem Comicautor André-Paul Duchâteau startete er 1980 die Spionage-Serie Pharaon für Super-As. Pharaon begann mit dem Auftakt Cadeau Panel_aus_der_Serie_Pharaonempoisonné pour Pharaon. Insgesamt kreierten die beiden 1980 vier Folgen für das Magazin. Zwischen 1981 und 1985 folgten bei Novedi Albumveröffentlichungen der Serie. Darin inszenieren Hulet und Duchâteau ihren gleichnamigen Titelhelden, der über paranormale Fähigkeiten wie Telepathie oder antizipierende Visionen verfügt. Pharaon ist auf den ersten Blick zwar eine geradlinige Agentenserie, aber sie wird immer wieder durch phantastisch angehauchte Elemente durchbrochen. Das ansatzweise übernatürliche Setting, das dennoch in der "Wirklichkeit" verankert ist, bietet Hulet nun die Möglichkeit, sein Faible für groteske und morbide Motive zu illustrieren. Bereits hier entstanden die für Hulet typisch surrealen Zeichnungen, die verschiedene Ebenen von Realitäten auszuloten scheinen.
Auf Deutsch erschien Pharaon im selben Jahr wie in Frankreich im ZACK-Magazin. Teile der Serie wurden 1980 abgedruckt. Bei der Albumveröffentlichung auf Deutsch wird es konfus. Im Reiner-Feest-Verlag erschienen von 1989 bis 1990 die Bände Dossier Anti, Philtre pour l‘enfer (dt. Liebestrank aus der Hölle) und Le cerveau de glace (dt. Tödliche Kälte) mit dem ursprünglichen Serientitel. Der Ehapa Verlag veröffentlichte in seiner Reihe Detektive, Gauner und Agenten den Band Philtre pour l‘enfer unter dem Titel Parfum des Todes (Band 12) und 1984 L’Incarnation de Seth (dt. Die Pyramide des Bösen). Ein weiterer Band, Promenade des solitudes (dt. Invasion der Eisberge) wurde 1987 von Ehapa in der Reihe Comics Unlimited veröffentlicht. Der Band Des Ombres sur le sable wurde bisher nicht auf Deutsch verlegt.
Dafür erschienen bei Arboris 1996 und 1999 die Bände Les Feux de la mer (dt. Die Feuer des Meeres) und Le Géant englouti (dt. Der versunkene Riese) auf Deutsch. Darin zeigen Hulet und Duchâteau den gealterten Titelhelden als Aussteiger, der wider Willen noch einmal in die Spionagewelt eintauchen muss. Der letzte Band wird zudem in bester Jules Verne-Manier mit SF-Elementen angereichert. Zwar erreichen die Autoren nicht mehr den Charme, den Pharaon einst durch ein verschmitztes Augenzwinkern auszeichnete, aber dafür verknüpfen die beiden noch einmal auf der Grundlage der griechischen Mythologie ein surreales Szenario mit dem Spionage-Genre.

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Nach Pharaon folgte 1981 zusammen mit Duchâteau Chris Melville für das Magazin Spirou. Der gleichnamige Titelheld ist ein Surfer, der es in der Karibik mit zwielichtigen Gestalten zu tun bekommt.
Bis auf ein Paar Unterwasserskelette birgt die Abenteuerserie über Drogenschmuggler keine morbiden Elemente. Auch sonst wirkt Chris Melville aus heutiger Sicht eher trashig als kultig.
Dennoch wurde der Comic 1987 bei Jonas als Album unter dem Titel Chris Melville – Trafic Caraibes veröffentlicht.Hulet arbeitete danach für das Glénat-Magazin Vécu. Dafür illustrierte er von 1985 bis 1986 nach einem Szenario von Jan Bucquoy die ersten Bände der Serie Les Chemins de la gloire, Le Temps de innocents (dt. Das Ende der Unschuld) und Un jeune homme ambitieux (dt. Ein Mann mit Ambitionen), die Hulet bei einem größeren Publikum bekannt machte. Der dritte Band La Kermesse ensablée (dt. Unter Legionären) folgte 1990 als Album. Beim vierten Band La Valse à l‘envers hatte Hulet 1994 auch das Szenario übernommen. Die Abenteuerserie wurde nie abgeschlossen. Les Chemins de la gloire dreht sich um den Profiboxer Raymond Lécluse, der lieber Schriftsteller werden will, aber letztlich als Legionär endet. Hier blitzt Hulets Faszination des Surrealen in allegorischen Zwischenszenen auf.
Auf Deutsch sind zwischen 1988 und 1992 drei der vier Bände bei Carlsen Comics unter dem Titel Der Weg zum Ruhm erschienen.

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Special vom: 23.07.2012
Autor dieses Specials: Marco Behringer
Die weiteren Unterseiten dieses Specials:
Editorial von Georg F.W. Tempel
Interview mit Erik Svane und Dan Greenberg
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