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Comic-Besprechung - Nach Mitternacht

Geschichten:

Nach Mitternacht

Autor und Zeichnungen: Gaëlle Geniller

Übersetzung: Tanja Krämling



Story:

Der junge Vater Guerlain ist mit seinem Sohn Nisse aufs Land gezogen, in die alte Villa seiner Familie. Seine Frau Daphne ist noch in London geblieben, will aber später nachkommen. So erkunden die beiden erst einmal allein das große Haus, an das sich Guerlain ursprünglich kaum erinnern konnte, obwohl er darin einen beträchtlichen Theil seiner Kindheit verbracht hat. Nach und nach kommen seine Erinnerungen zurück, zusammen mit Gespenstern und merkwürdigen Erscheinungen, die aber zumindest dem kleinen Nisse keine Angst zu machen scheinen. Doch Guerlain lassen die Schatten keine wirkliche Ruhe, und er beginnt, nicht nur das Haus näher zu untersuchen, sondern auch sich selbst und seine Gefühlswelt eingehender zu betrachten.



Meinung:

Der vorliegende Band erzählt in mehrfacher Hinsicht eine zauberhafte Geschichte. Zuerst einmal ist die zärtliche Beziehung der beiden Hauptpersonen dieser Geschichte, Vater und Sohn, wirklich sehr ergreifend und in einer fantastischen und einfühlsamen Weise dargestellt. Zum anderen handelt es sich streng genommen um eine Gespenstergeschichte — aber diesmal um eine, die zwar ein klein wenig gruselig ist, aber eben nicht zu einer dieser Horrorgeschichten mutiert, wie man es sonst kennt, sondern durchgehend zu bezaubern weiß. Und das nicht nur durch die ruhige, stimmungsvolle und ein bisschen geheimnisvolle Erzählweise an sich, sondern vor allem auch durch die fantastischen Zeichnungen, die uns Gaëlle Geniller hier schenkt. Wenn man bedenkt, dass sie erst seit 2019 Comics („Bandes Dessinnées”) veröffentlicht, ist sie im Prinzip noch ein „Newcomer”, auch wenn dieses Buch technisch gesehen bereits ihre vierte Veröffentlichung darstellt. Doch neben ihrem Erstlingswerk „Les fleurs de Grand Frère” und ihrem Beitrag mit einem Band zur Anthologie-Nebenserie „Les Légendaires - Stories” ist das vorliegende Album, nach „Le Jardin, Paris” erst ihre zweite, lange Arbeit. Und die ist wieder wirklich gelungen, wie ich finde.

Gaëlle versteht es meisterhaft, das Gleichgewicht zwischen Melancholie, kindlicher Freude und einer leichten Anspannung zu halten, die dadurch aufkommt, dass man nicht so recht weiß, wohin die Geschichte führen soll, was wahr ist, und was vielleicht nur Fantasie, und wieweit sich der Spuk entwickeln wird. So wie man nicht weiß, ob der Vater nicht doch noch innerlich Kind geblieben ist. Und so, wie Nisse völlig unbeeindruckt einfach alle Geschehnisse akzeptiert, ohne jemals Angst zu empfinden, wird auch der Leser durch die Handlung geführt, kann ein bisschen in den farbenfrohen Panels verweilen, und sich dann wieder der Handlung widmen, kann selbst fantasieren, um herauszufinden, was dort eigentlich wirklich passiert, und was vielleicht nur im Traum. Doch er wird nie allein gelassen — die eigentliche Handlung hat immerhin rund 180 Seiten (!) — denn die Autorin hat den Erzählfluss jederzeit fest im Griff. Und das beweist ein gleich hohes Niveau an Erzählkunst wie an Zeichenkunst.

Und ihre Zeichnungen sind wirklich meisterhaft. Die Seitenaufteilungen sind abwechslungsreich, teilweise dem Art Déco oder dem Jugendstil entlehnt, dann wieder ganzseitig oder einfach klassische BD, und das ganze zwar einerseits sehr bunt eingefärbt, aber nicht poppig oder kitschig, sondern in leicht pastellfarbenen Tönen immer der Szene entsprechend. Einfach zauberhaft. Dabei stimmen die Proportionen, die Perspektivwechsel sind spannend, aber unaufdringlich, und die Gesichtszüge sind grandios. Ich bin wirklich gespannt, was als nächstes von ihr kommen wird, denn dieser Band macht absolut Lust auf mehr!

Ergänzt wird auch dieser Splitter-Band wieder durch ein Dossier mit einem Blick hinter die Kulissen, also mit Skizzen, Entwürfen und Grafiken zu diesem Album, das beinahe 30 Seiten umfasst.



Fazit:

Eine einfühlsame, teils melancholische, aber nie bedrückende Gespenstergeschichte über eine Vater und seinen kleinen Sohn, die eine alte Villa erkunden und mit seltsamen Spukereignissen konfrontiert werden. Charmant erzählt führen die fantastischen Zeichnungen den Leser durch eine Traumwelt, die verzaubert und den Leser einfach selbst träumen lässt. Ein absoluter Tipp!



Nach Mitternacht - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Nach Mitternacht

Autor der Besprechung:
Uwe Roth

Verlag:
Splitter Verlag

Preis:
€ 29,80

ISBN 10:
3967920194

ISBN 13:
978-3967920192

208 Seiten

Bewertungen unserer Redaktion und unserer Leser

Positiv aufgefallen
  • Fantastische Zeichnungen dieser noch jungen Künstlerin.
  • Charmant erzählt, mit Leichtigkeit und doch mitreißend zugleich.
Negativ aufgefallen
Die Bewertung unserer Leser für diesen Comic
Bewertung:
1
(1 Stimme)
Bewertung
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Rezension vom: 15.10.2025
Kategorie: Alben
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