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Comic-Besprechung - Der Mini-Musketier Gesamtausgabe
Geschichten:Der Mini-Musketier Gesamtausgabe
Autor / Zeichner: Joann Sfar, Colorist: Delphine Chedru, Joann Sfar
Story:
Der Musketier wollte einfach nur ein bisschen Bauchspeck loswerden als er einen Schlankheitstrank zu sich nahm. Doch dann schrumpft er auf Däumlingsgröße. Als sei das noch nicht genug findet er sich in Klein-Frankreich wieder. Und dort herrschen die Frauen. So findet sich der stattliche Kämpfer als Liebhaber seiner Doktorin wieder und muss sein Geld als Akt-Modell verdienen. Alle Versuche wieder zum großen Kämpfer zu werden führen ihn zwar auch in exotische Länder, aber seien es nun mythologische Wesen, philosophiehungrige Frauen, Kriegerinnen wie Taras Bulba oder Südseeschönheiten: unser kleiner Held kommt immer vom Regen in die Traufe.
Meinung: Die Gesamtausgabe von Der Mini-Musketier beinhaltet alle vier Abenteuer. Wobei der vierte Teil recht rudimentär wirkt. Nicht inhaltlich, denn er bringt tatsächlich die Serie zu einem Ende und deswegen ist dieser Teil auch kein Fragment. Zeichnerisch wirkt er aber fast so, denn hier ist alles stark reduziert. Es gibt keine Farbe und teilweise ist er wohl in Bleistift gehalten worden, wirkt also teils ungetuscht. Er ist also stilistisch minimalistisch gehalten und auch recht kurz geworden. Hier vermisst man durchaus redaktionelle Beiträge. Hintergrundinformationen zu der Geschichte sind hier nicht vorhanden und man erfährt rein gar nichts.
Man kann vermuten, dass dieses deutliche zeichnerische Zurücknehmen durchaus von Star-Autor und Zeichner Joann Sfar gewollt war, denn jedes der Abenteuer ist zeichnerisch anders gestaltet. Nicht stilistisch, denn es ist zu jeder Zeit erkennbar das Sfar gezeichnet hat, sondern vielmehr die Techniken sind anders und manchmal sind die Zeichnungen reduziert, manchmal detailreich überladen, dann wieder nur schwarz-weiß und manchmal stark abgegrenzt, mal ineinander fließend. Mal gibt es Vignetten wie aus alten Buchillustrationen, mal strikten Panelaufbau, alles geht durcheinander, macht dabei aber auch einen großen Reiz aus. Man mag jetzt eine zeichnerische Entwicklung daraus ablesen, da die Geschichten in Abständen von einigen Jahren entstanden sind. Aber es trifft wohl eher zu wenn man bei Sfar von Phasen spricht, denn es ist immer unverkennbar er, der den Stift schwingt.
Auch thematisch ist es erkennbar Sfar. Es gibt philosophischen Tiefgang, Witz, Erotik, Drama, Action, Anspielungen welche die Serie schon postmodern machen, Einflüsse der griechischen Mythologie, Anleihen an Jonathan Swifts Gullivers Reisen, Daniel Defoes Robinson Crusoe und Alexandre Dumas Die drei Musketiere. Zudem leiht sich Sfar noch den Helden aus der Comicserie Der Skorpion aus und in einer Textblase wird auf Asterix angespielt. Es ist ein wilder Mix, alles scheint durcheinander zu geraten in einem surrealistischen Rausch voller Witz und Philosophie und inhaltlicher Absurdität. Aber das macht eben Sfar aus und gibt ihm den Rang den er innehat. Er ruht sich dabei nicht aus und ergibt sich den postmodernen Zitaten, um sie einfach aneinander zu kleben, sondern schafft damit etwas Eigenes und nutzt sie für sein übergeordnetes Thema.
Im Grunde ist dieses das Bild von Männlichkeit. Der Held ist ein Musketier und für ihn zählt nur der Kampf. Sei es gegen einen Feind, sei es um Frauen zu erobern, sei es seinen Bauchspeck loszuwerden. Im Grunde ein toxisches Männerbild. Aber er kommt damit nicht weit. Als er zu einem Däumling schrumpft und in Klein-Frankreich landet sind dort die Geschlechterrollen vertauscht und Frauen haben die Macht. In jeder Hinsicht. Hier sind überall starke Frauen zu finden. Auch wenn die Männer sich hier tatkräftig geben werden sie doch immer von Frauen gelenkt oder manipuliert. Alles Macho-Sein verläuft ins Leere und ist in einer Szene sind die Machos so selbstverliebt das es schon fast zu Homosexualität kommt. Selbst bei einer Vergewaltigungsszene ist der Mann eigentlich der manipulierte. Denn das Opfer ist ein mythologisches Wesen welches es eigentlich genoss da sich sonst niemand traut sich ihr erotisch zu nähern. Das kann man als eine Männerphantasie bloßstellen, aber danach kann der Mann sie nicht ansehen und sie hat die Fäden in der Hand und erniedrigt ihn. Auch wenn es dann poetisch versucht wird wie bei Cyrano de Bergerac: die Deutungshoheit liegt bei den Frauen und so hat man gegen Ende vor allem die weiblichen Charaktere im Gedächtnis eingebrannt.
Insgesamt ein hervorragender Band der nicht nur Sfar-Fans vollkommen erfüllen dürfte, sondern auch geeignet ist neue Sfar-Fans zu schaffen. Verdient hat er es und beweist hier zu Recht das er einer der besten Zeichner und Autoren ist, die Frankreichs Comics zu bieten hat. Einfach toll.
Fazit:
Eine irrwtzige surrealistische Reise die sich zwar Topoi des Abenteuer-Genres bedient, aber das Männlichkeitsbild des Genres ad absurdum führt. Philosophisch, witzig, intelligent, surreal, spannend, erotisch, actionreich und zeichnerisch vielseitig. Ein Klassiker.
Der Mini-Musketier Gesamtausgabe
Autor der Besprechung:
Jons Marek Schiemann
Verlag:
Avant Verlag
Preis:
€ 35,00
ISBN 10:
3964451363
ISBN 13:
978-3964451361
168 Seiten
Bewertungen unserer Redaktion und unserer Leser

- Topoi Abenteuergenre und Männlichkeitsbild demontiert
- wechselnde Zeichentechniken
- surreal, witzig, intelligent, unterhaltend und anregend

- keine redaktionelle Extras

| Die Bewertung unserer Leser für diesen Comic | ||
| Bewertung: | ||
![]() (8 Stimmen) | ||
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| Rezension vom: | 11.08.2025 | ||||||
| Kategorie: | Alben | ||||||
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