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Comic-Besprechung - Eine orientalische Erziehung

Geschichten:

Eine orientalische Erziehung

Autor und Zeichner: Charles Berberian

Übersetzer: Ulrich Pröfrock



Story:

Der Autor der auch in Deutschland erfolgreichen Serie „Monsieur Jean” erzählt in diesem Band über einen Teil seiner Jugend in Beirut, über seine Familie und über seine späteren Eindrücke während mehrerer Besuche als Erwachsener in seiner alten Heimatstadt.



Meinung:

Wer, wie ich, Charles Berberian hauptsächlich aus seiner Zusammenarbeit mit Philippe Dupuy für die Serie „Monsieur Jean” kannte, wird wahrscheinlich genauso überrascht sein, dass diesmal ein völlig anderes Werk vor ihm liegt, als er erwartet hätte. Eine kurze Recherche zu Vorschauseiten der anderen seiner Werke, die bei Reprodukt zwischenzeitlich erschienen sind, hat mit gezeigt, dass dieser neue Zeichenstil wohl schon länger von ihm präferiert wird — ich muss sagen, dass ich mich damit nicht wirklich anfreunden kann. Während oben genannte Serie tatsächlich wie ein Comic strukturiert und gezeichnet ist, legt sich Berberian im vorliegenden Band absolut nicht auf eine Richtung fest: im Stile eines Tage- oder Skizzenbuchs reiht er Spielszenen, Collagen, Fotos, Skizzen und Aquarelle aneinander, das Ganze wirkt fahrig und ohne wirkliches Konzept, Schwarz-Weiß und Farbe wechseln einander ab, vieles ist monochrom, anderes aquarelliert — ein völliges Durcheinander. Es wirkt eher wie ein persönliches Tagebuch, das sich dem Leser aber leider nicht so richtig erschließt, denn es bleibt so intim und geheimnisvoll, dass man nicht mehr versteht, was an den Bildern den Autor denn damals wohl berührt haben mag. Und das geht für mich an der (von mir unterstellten) Intention der Veröffentlichung eines Tagebuches leider weit vorbei.

Inhaltlich ist es leider genau dasselbe: Berberian erzählt zwar von sich und seiner Kindheit (in Beirut), von seinen fast durchgehend abwesenden Eltern, seinem Bruder, seiner Großmutter, doch all das bleibt ohne weitere Hintergründe, ohne Erklärungen, und damit: ohne Tiefgang. Bis zur Hälfte des Buches sind für mich mehr Fragen aufgekommen, als Antworten vorhanden waren. Ein paar Sachen wurden dann später noch beantwortet, doch oberflächlich und im Prinzip unbefriedigend. Ich weiß inzwischen nicht viel mehr über Charles Berberian, als vor dieser Lektüre. Und das ist schade.

Man hat den Eindruck, Charles selbst hat als Kind nicht so recht verstanden, was um ihn herum passierte, was seine Eltern antrieb oder warum seine Großeltern getrennt lebten. Die Familie war polyglott, man lebte zwischendurch in Israel, Ägypten, dem Libanon, dem Irak — und kein Mensch weiß, warum. Später landete der ganze Clan in Frankreich, man sollte meinen, um sich vor dem Bürgerkrieg in Beirut in Sicherheit zu bringen: doch warum sind alle einzeln gereist? Mehr Fragen, als Antworten. Das macht dieses Buch zu einer sehr seltsamen, und einer seltsam distanzierten Biografie, eben so, als wüsste Berberian selbst nicht, was damals passiert ist, oder hätte es zumindest nicht verstanden. Doch, warum dann ein Comic darüber schreiben? Weil Covid-Lockdown war, und ihm sonst nichts einfiel, wie die ersten Seiten andeuten? Scheint fast so.

Dieses Buch ist leider nicht zu vergleichen mit so gelungenen Werken wie Zerocalcares „Vergiss meinen Namen” und „Die Krake im Nacken”, oder „Das Tagebuch der Unruhe” von Ersin Karabulut, die in einem Funny-Stil über ihre Jugend berichten, ohne das es peinlich würde — das geht, und auch Berberian (und Dupuy) haben das ja bereits im „Monsieur Jean” gezeigt, der sicherlich autobiografische Züge hat, wie auch die Werke anderer Autoren wie zum Beispiel Manu Larcenet. Doch „Eine Orientalische Erziehung” bleibt seltsam blutleer, distanziert und beliebig. Schade.



Fazit:

Dieser Versuch einer Autobiografie des Erfolgsautors Charles Berberian über seine Jugend in Beirut geht leider nicht sehr tief und hinterlässt mehr Fragen als Antworten. Die collagenartige Aneinanderreihung von Stilen und die dauernden Stilwechsel in der Darstellung tun ihr übriges, um den Leser endgültig zu verwirren und irgendwie auch von diesem Buch zu entfremden — was der Lektüre nicht wirklich zuträglich  und dem Sinn einer Biografie ebenso abträglich ist. Für absolute Fans von Charles Berberian vielleicht noch zu empfehlen, ansonsten eher eine schwache Veröffentlichung. Leider.



Eine orientalische Erziehung - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Eine orientalische Erziehung

Autor der Besprechung:
Uwe Roth

Verlag:
Reprodukt

Preis:
€ 25,00

ISBN 10:
3956404653

ISBN 13:
978-3956404658

136 Seiten

Bewertungen unserer Redaktion und unserer Leser

Positiv aufgefallen
Negativ aufgefallen
  • Eine Biografie ohne echten Inhalt.
  • Zeichnerisch ein echtes Durcheinander.
Die Bewertung unserer Leser für diesen Comic
Bewertung:
2
(1 Stimme)
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Rezension vom: 16.07.2025
Kategorie: Alben
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