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Comic-Besprechung - Inexistenzen
Geschichten:Inexistenzen
Autor und Zeichner: Christophe Bec
Übersetzer: Harald Sachse
Story:
Jahrhunderte nach einem alles verheerenden Krieg haben sich die letzten Reste der Menschheit immer noch in die hohen Gebirge zurückgezogen. Organisiert in einzelne Clans bekriegen sie sich weiterhin, nun im simplen Kampf ums nackte Überleben. Die Gründe und Ursachen für den Krieg sind nicht länger bekannt, Technologien weitestgehend verloren und die Geschichte der Menschheit vergessen. Doch ein Gerücht besagt, dass es außerhalb der üblichen Wanderwege ein geheimnisvolles blaues Kind geben soll, dass die Geheimnisse der Menschheit bewahrt hat. Und so macht sich ein Mann auf die Suche nach der Wahrheit…
Meinung:
Ein neuer Band von Christophe Bec ist erschienen. Das wäre für sich noch nichts besonderes, denn von diesem sehr erfolgreichen Vielschreiber wird gefühlt beinahe jede Woche ein neues Buch veröffentlicht. Selbst die Liste der bei Splitter erschienenen Werke kommt bereits auf stattliche 112 Exemplare. Doch die kleine Sensation besteht darin, dass Bec zurück an den Zeichentisch gekommen ist, wie ganz am Anfang seiner Karriere, bevor er der große Zulieferer an seine Kollegen wurde, und wie zuletzt vor acht Jahren — das lässt Großes erwarten. Ein Werk, dass ihm so am Herzen liegt, dass er die Zeichnungen selbst ausführen muss, ein ganz persönliches Werk also. Na, dann schauen wir einmal.
Bereits im Vorwort, verfasst vom überaus bekannten und berühmten Numa Sadoul, dem wohl meistgeschätzten Comickritiker und -journalisten Frankreichs erfahren wir, was uns erwarten wird: Eine Sammlung von Arbeiten rund um das Thema, das Bec Zeit seines Lebens am meisten interessiert zu haben scheint — die Apokalypse des Menschen, erlebt in bergiger, menschenfeindlicher Umgebung. Das Thema wurde bereits in der Serie „Bunker” (mit Becs liebstem Hauptzeichner, Stefano Raffaele) verwendet, aber viele Elemente der bedrohlichen Bergwelt finden sich auch in „Olympus Mons”, „Heiligtum” (das er noch selbst zeichnete nach einem Szenario von Xavier Dorison) oder „Siberia 56”. Er hat auch anderes gemacht, doch die dunklen und bedrohlichen Themen sind einfach sein Ding. Und so macht er eben „Inexistenzen” wieder ganz allein.
Doch was bekommen wir hier zu sehen? Zumindest kann man sagen, dass es ein ambivalentes Werk ist, über das man durchaus diskutieren kann. Es ist kein klassischer Comic, zumindest nicht durchgehend. Einzelne, teilweise recht kurze Passagen im klassischen Stil (sozusagen) lösen sich mit ganzseitigen, teilweise mehrseitigen und sogar ausklappbaren Illustrationen ab, von Sadoul als Gemälde bezeichnet — was mir ein bisschen zu hoch gegriffen scheint — und sogar einem Kapitel als illustrierte Erzählung in Prosaform. Eine wilde Mischung, die nach Aussagen des Autors auch erst in mehrjähriger Arbeit zusammen gekommen ist. Und das merkt man deutlich, denn das Ergebnis inkohärent zu nennen, wäre aus meiner Sicht bereits geschmeichelt. Es ist eine Sammlung von Arbeiten, die von ähnlichem Flair sind, aber erst durch die gesammelte Veröffentlichung in einem Buch zueinander finden. Und das ohne großen Zusammenhang, außer dem formalen.
Denn eine wirkliche Handlung hat diese Erzählung nicht. Es sind Standbilder, Eindrücke, Momentaufnahmen — allesamt bedrückend in ihrer Aussage, aber wieder aussagelos in ihrer Wirkung. Horror um des Horrors willen, könnte man sagen, ein stiller Schrecken der über allem schwebt. Aber keine Geschichte, die erzählt würde. Selbst die Comickapitel haben keine echten Dialoge, eher Reflexionen und Monologe. Erinnert mich ein bisschen an „Der Killer” von Jacamon und Matz — doch da hatte es System, war es die Seele der Erzählung. Hier nicht.
In fünf Kapitel unterteilt, zeigt uns Bec, was er zeichnerisch kann, und gerade das letzte Kapitel mit zahlreichen Impressionen aus der (lange zurückliegenden) Geschichte der Welt ist zeichnerisch hervorragend. Doch gerade das Kapitel mit einer echten, kurzen Handlung, ist das Prosakapitel, die spärlichen Illustrationen hier wirken beinahe wahllos, haben mit der Handlung wenig zu tun. Eine verpasste Chance, wie ich finde, zumal ein reines Prosakapitel im allgemeinen selbst für die aufgeschlossensten Comicfans schwer zu verdauen sein wird, denn bei aller Liebe: Comics sind die Kunst der seriellen, zeichnerischen Erzählung. Der Profi schreibt alternativ ein Buch. Das ist meine Meinung, aber kann man natürlich so machen, wie es hier ist.
Auf mich wirkt dieses Buch, bei aller zeichnerischen Größe, die durch Bec bewiesen wird, wie der Versuch eines Starautors, herauszufinden, was er seinem Verlag andrehen kann, bevor dieser wagt, abzuwinken. Man hat sich nicht getraut, ihn zu vergrämen, und hier ist: „Inexistenzen”. Ein Titel, der Programm ist, denn ein wirklicher Comic ist dies nicht, und eine wirkliche Handlung gibt es auch nicht. Ist alles inexistent. Schade.
Fazit:
Ein ambivalentes Werk um den Untergang der Menschheit und das Grauen des Überlebens, in opulenten Bildern und erstmals seit acht Jahren wieder einmal von Christophe Bec selbst gezeichnet und vom Splitter Verlag ebenso opulent herausgegeben, mit mehreren Ausklappseiten und in gewohnt hoher Herstellqualität. Die fehlende Handlung macht mir hier zu schaffen, der künstlerische Anspruch als Collagearbeit aus Comic, Illustrationen und Prosatext wirkt leider genau so: künstlich. Eine vertane Chance, aus meiner Sicht, doch Fans des Genres und vor allem von Christophe Bec mögen trotzdem ihre Freude an diesem Band haben. Dann einfach mal hineinschauen.
Inexistenzen
Autor der Besprechung:
Uwe Roth
Verlag:
Splitter Verlag
Preis:
€ 39,80
ISBN 10:
3987214597
ISBN 13:
978-3987214592
152 Seiten
Bewertungen unserer Redaktion und unserer Leser

- Opulent gezeichnet.

- Die fehlende Handlung irritiert.
- Der Inhalt wirkt allzu beliebig in seiner Zusammenstellung.

| Die Bewertung unserer Leser für diesen Comic | ||
| Bewertung: | ||
![]() (3 Stimmen) | ||
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| Rezension vom: | 19.03.2025 | ||||||
| Kategorie: | Alben | ||||||
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