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Interview mit Walter Pfau und Christopher Bünte
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Titel

Hallo Walter und Christopher,
mit Sir Gawain und der Grüne Ritter habt ihr Euch eine alte Geschichte rund um die Arthus-Saga herausgesucht. Wie seid Ihr auf dieses Thema gestoßen? Und wie leicht bzw. wie schwer muss man sich die Umsetzung des Stoffes in Comicform vorstellen?


Christopher: Eine besondere Schwierigkeit war, die Figur des Gawain zu gestalten. Im Original ist dieser Charakter sehr blass, weil er schematisch entworfen ist. Er dient dazu, das Rittertum aufs Korn zunehmen – und die damit verbundene ideologische Grundordnung. Er ist der perfekte Ritter, der innerhalb seines Denksystems keine Fehler macht und trotzdem in die Bredouille kommt. Das alles ist in unserer Variante der Geschichte immer noch da, aber wir wollten Akzente setzen, um ihn etwas vertrauter und nahbarer zu machen. Bei uns ist er anfangs ein Bücherwurm, dem es schwerfällt, mit Frauen zu sprechen. Andere Ritter machen sich über ihn lustig. Mit dem Beginn seiner Queste setzt dann langsam eine Veränderung ein. Ich glaube, dass dieser persönlichere Zugang dem Leser hilft, sich mit Gawain zu identifizieren.

Wie sahen Eure Recherche bzw. Eure Vorarbeiten aus? Ich habe gesehen, dass Ihr sogar das sagenumwobene Camelot besucht habt...

Walter: Camelot gibt es nicht. Viele Gemeinden und Regionen in Süd- und Mittelengland beanspruchen die Echtheit ihrer Orte aus der Artus Mythologie. Überall begegnen Reisende in Cornwall, Wales und auch Schottland Schildern, die darauf hinweisen, dass die Ritter der Tafelrunde hier dies und jenes getan haben und Ortsnamen, die in Verbindung mit den Helden stehen. Gleichwohl hat sich eine Reise dorthin für das Projekt allemal gelohnt. Um die nordische Luft zu atmen, und um zwischen den Ruinen in den Wäldern umher zu streifen und um viele erste Skizzen anzulegen. Daneben gab und gibt es ja schon unendlich viel künstlerische Verarbeitung zu diesem Stoff in Bildern, Texten und Musik - da war es schwer endlich einen Schlusspunkt für die Recherche zu finden. Empfehlen möchte ich vor allem das hochkarätige Hörspiel König Artus und die Ritter der Tafelrunde von Karlheinz Koinegg. Ohne dieses Stück würde es unsere Graphic Novel nicht geben.

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Lebende Bäume, verwandelte Steinhaufen, Drachen und Trolle fanden den Weg in den Comic. Mit dieser mystischen Komponente weicht Ihr von der historischen Vorlage ab. Dennoch sind dies die einzigen Änderungen am Kontext. Wie nah wolltet Ihr am Original bleiben bzw. habt ihr mal über eine eher lose Orientierung nachgedacht?

Verfuehrung_IChristopher:
Im Prinzip sind alle Varianten, die man landläufig so kennt, mehr oder minder freie Interpretationen. Vermutlich gibt es hierzulande ein paar Anglisten, die sich mit dem Originaltext auseinandergesetzt haben, aber das war’s dann auch. Der Film mit Sean Connery oder das Buch von Hans J. Schütz, mit dem wir hauptsächlich gearbeitet haben, dürften weitaus bekannter sein als das Original. Wir wollten immer unseren eigenen Ritter Gawain machen. Wir wollten ein tolles Buch, das unseren Sound hat und in dem wir uns wiedererkennen. Eine Rittergeschichte, die sich modern und frisch anfühlt. Wer genau hinsieht, wird feststellen, dass wir immer wieder versucht haben, den Leser zu überraschen und ihm etwas Neues zu bieten. Das passiert grafisch oder über den Text oder indem man die Erzählperspektive verändert. Wenn der Leser am Ende das Gefühl hat, er hätte die originäre Story gelesen, und Spaß dabei hatte, ist das ein wunderbares Kompliment. Denn das heißt, dass wir das Original in unsere Zeit und in ein anderes Medium übertragen haben, ohne dass es beim Lesen knirscht oder holpert.

Ich kenne die historische Vorlage nur oberflächlich, aber wenn ich mich nicht irre, fehlt im Comic das letzte Kapitel, wo Gawain wieder in Camelot ankommt. Warum habt ihr auf die zeichnerische Umsetzung dieses Abschnittes verzichtet?

Christopher:
Die Entscheidung, Gawain nicht nach Camelot zurückkehren zu lassen, fiel sehr spät. Uns erschien das einfach konsequent. Als ein logischer Schritt, der sich auf Gawains gewonnener Erfahrung gründet: Die Welt ist größer als Camelot. Gawain hat am Ende seinen Horizont erweitert. Warum also sofort zurückkehren? Außerdem hat es Spaß gemacht, ihn zu Beginn vor König und Königin im Brustton der Überzeugung erklären zu lassen, er werde nach Camelot zurückkehren – und es dann doch nicht zu tun.

Verfuehrung_II

Bei den Zeichnungen sind die Bleistiftstriche aus den Scribbles noch klar erkennbar. Warum habt ihr diesen auf den ersten Blick etwas "unsauberen" Weg gewählt?

Walter:
Ich denke, weil es zum einen in der Gesamtschau sehr gut zum Inhalt passt. Das Hochmittelalter war schlussendlich eine recht dreckige Zeit. Und zum anderen ist es schön, wenn eine gestalterische Arbeit ihren Stallgeruch nicht verliert! Diese Arbeit sollte einfach ihren handwerklichen Charakter behalten und sich nicht seiner Wurzeln schämen. Eine Rittergeschichte im makellos perfekten Hochglanz kann doch gar nicht funktionieren!

WaldlichtungUngewohnte Blickwinkel, viele versteckte Details, gesprengte Panelgrenzen … Walter, Du probierst viel bei der grafischen Umsetzung aus und setzt damit Sir Gawain merklich vom Groß der eher statisch gezeichneten Ritter-Comics ab. War Dir das wichtig oder ist dies eher nur ein ungewolltes Ergebnis des Ganzen?

Walter:
Ich komme von der Buchillustration. Nicht zuletzt war es für mich deswegen entscheidend und notwendig, einen Autor an meiner Seite zu haben. Sozialisiert wurde ich nahezu ausschließlich vom amerikanischen Superheldencomic und ich wollte diese Geschichte so zeichnen dass sie beim Lesen vor allem Spaß macht! „Ich zeichne um zu sehen was ich denke.“ ist hierbei stets mein Credo gewesen und demnach … vielleicht doch in der Tat ein ungewolltes Ergebnis.

Für die Veröffentlichung habt ihr ein handliches Buchformat gewählt. Wie sah hier der Entscheidungsprozess aus? Habt Ihr Euch Dummys gefertigt und warum habt Ihr Euch nicht für ein Standard-Albenformat entschieden?

Christopher:
Uns gefiel das Format, das das Buch jetzt hat, beiden auf Anhieb sehr gut. Das stand schon sehr früh fest, was nicht zuletzt auch deshalb eine Notwendigkeit war, weil diese Entscheidung festlegt, auf welcher Größe Walter als Zeichner arbeitet. Wir haben uns bei diesem Format gar nicht so sehr an französischen Alben oder anderen gängigen Comic-Formaten orientiert, sondern eher nach illustrierten Bücher geguckt, die uns gefielen (z. B. Die schwarzen Brüder von Hannes Binder und Lisa Tetzner oder Wilde Reise durch die Nacht von Walter Moers).

Für die Graphic Novel habt Ihr Euch keinen Verlag gesucht, sondern das ganze einfach in Eigenregie veröffentlicht. Wobei so einfach wird es wohl nicht gewesen sein. Erzählt mal bitte, warum Ihr diesen Weg gegangen seid und wie Ihr dies nun mit etwas Abstand beurteilt.

ReiterWalter: Die Wahrheit ist: Die Verlage an welche wir herangetreten sind, wollten uns nicht. Und zu den Verlagen welche sich angeboten haben wollten wir nicht. So war es folgerichtig für uns, die Produktion in den eigenen Händen zu behalten. Im Rückblick freut mich daran, dass wir unsere Graphic Novel nun GENAU so in Händen halten können, wie wir uns das vorgestellt haben - und das weiß ich sehr zu schätzen. Ein Wermutstropfen bleibt: die Vermarktung und das Drumherum hält mich leider viel zu oft vom Zeichentisch fern …

Was folgt nach Sir Gawain? Habt Ihr schon weitere Pläne für die Zukunft geschmiedet?

Christopher:
Ich werde der Comic-Welt in Zukunft nur noch als Leser erhalten bleiben. Zumindest ist das im Augenblick meine Entscheidung. Ich möchte Bücher schreiben. Mein erstes werde ich im September 2017 veröffentlichen. Im Moment möchte ich dazu aber noch nichts verraten.

Walter:
Da Christopher sich elegant aus der Comic-Welt verabschiedet bin ich immer noch auf der Suche nach einem Comicautor / Comicautorin. Otfried Preußler hat einmal gesagt: “Wer eine gute Geschichte erzählen möchte muss etwas zu erzählen haben!“ Aber ich bin halt nur ein Zeichner … und habe mich noch nicht festgelegt.

Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen.


Weitere Infos: https://the-green-knight.com/
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Special vom: 21.05.2017
Autor dieses Specials: Christian Recklies
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