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Comic erregt Politikergemüter
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Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Dieter Asbrock. Der nachfolgende Artikel erschien am 30.01.2013 in der Lippischen Landes-Zeitung.

Abschlussarbeit einer Studentin wird im Kulturausschuss als „sexistisch“ bezeichnet


Von Dieter Asbrock

Eine Bildergeschichte ist im Kulturausschuss stark kritisiert worden: „Der Hexenrichter“ von der Lemgoer Studentin Luisa Preißler. Politiker finden den Comic gar nicht komisch.

Lemgo.
Die Bielefelderin hat an der Hochschule OWL studiert und am Fachbereich Medienproduktion 2011 ihre Bache- lorarbeit in Form einer Comic- Geschichte abgeliefert – Note 1. Dafür hat sie sich aus der Stadtgeschichte bedient und das Wirken des „Hexenrich ters“ Hermann Cothmann im 17. Jahrhundert frei interpretiert. Ihre Geschichte soll nun verfilmt werden.

Der LZ-Bericht vom 23. Januar über die Studentin hat Liesel Kochsiek-Jakobfeuerborn, Vorsitzende des Kulturauschusses, derart aufgeschreckt, dass sie das Thema kurzfristig auf die Tagesordnung setzte. Erst habe sie das Ganze als belanglos eingestuft, doch beim Stadtführertreffen in St. Nicolai sei ihr eine Welle der Empörung entgegengeschlagen. Der Comic sei „sexistisch aufgemacht“ und „unterste Schublade“, fand sie.

Dr. Harald Pohlmann (CDU) schlug in die gleiche Kerbe. Das „Machwerk“ sei „misslungen und eine Katastrophe“, aber vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt. Weil es aber eine Abschlussarbeit an der Hochschule OWL sei, habe das eine andere Qualität: „Dafür muss der Prüfungsausschuss sich gegenüber dem Rat rechtfertigen“, verlangte er.

Vorsitzende Kochsiek-Jakobfeuerborn brachte die geplante Verfilmung des Comics an Originalschauplätzen ins Spiel. Aufnahmen im Rathaus dürfe es nicht geben, forderte sie. Annette Paschke-Lehmann vom Geschäftsbereich Kultur der Verwaltung beeilte sich, zu versichern, dass die Stadt keinesfalls Drehgenehmigungen für Innenaufnahmen ausstellen werde. Sie kreidete der Hochschule an, bei dieser Bachelorarbeit ihren Bildungsauftrag verletzt zu haben.

Luisa Preißler selbst kommentierte die Ausschuss-Sitzung mit einem amüsierten „sehr schön“. Dass Kritik an ihrem Comic geübt wird, überrascht sie nicht: „Da habe ich wohl einen wunden Punkt getroffen.“ Sie findet, dass ihr Werk der Stadt Lemgo durchaus nützlich sein könnte. Der Verfilmung ihrer Geschichte ist sie einen bedeutenden Schritt näher gekommen: Über das Internet wurden mehr als 5000 Euro an Sponsorengeldern eingeworben – damit ist der Eigenanteil gesichert, der für die Beantragung von Fördermitteln gebraucht wird.

Dr. Oliver Herrmann, Präsident der Hochschule OWL, erklärte, man respektiere die Meinung des Kulturausschusses. Prüfungsangelegenheiten seien aber allein Sache des zu- ständigen Prüfungsausschusses. Die Studentin habe ihr Grundrecht auf Kunst-, Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit ausgeübt. Der Bildungsauftrag der Hochschule sei, junge Menschen zu befähigen, sich in diesem Sinne kreativ und kritisch – auch in Form eines Comics – mit Themen ihrer Wahl auseinanderzusetzen.

Kommentar: Übers Ziel hinaus geschossen

Von Dieter Asbrock

Es kommt nicht alle Tage vor, dass eine studentische Abschlussarbeit die Politik beschäftigt. 2011 hat Luisa Preißler ihre Bache- lorarbeit im Fach Medien- produktion der Hochschule OWL in Lemgo abgeliefert – doch erst ein Bericht in der LZ machte örtliche Politiker darauf aufmerksam, dass da ein unschönes Stück Stadtgeschichte in die Form eines Comics mit markanten Bildern gegossen wurde.

Und prompt kam die Betroffenheitsmaschinerie auf Touren. Der Kulturausschuss feuerte mit großem Kaliber: Als sexistisch, gewaltverherrlichend, ein übles Machwerk wurde der „Hexenrichter“-Comic diffamiert, nicht ohne gleichzeitig das Recht auf freie Meinungsäußerung zu betonen. Das ist scheinheilig. Und es darf bezweifelt werden, ob die Kritiker Preißlers Comic tatsächlich gelesen und verstanden haben. Denn dann hätte ihnen aufgehen müssen, dass es in dem Comic um die Mechanismen von Macht und Gewalt geht. Mit Sexismus und Gewaltverherrlichung hat das nicht das Geringste zu tun.

Luisa Preißler hat das Sakrileg begangen, die Deutungshoheit über die Hexenverbrennungen gestört zu haben. Dass ausgerechnet Kulturpolitiker mit der Freiheit der Kunst nicht klar kommen, hat ein Geschmäckle. Jemand mit Weitblick würde das Potenzial sehen, das im „Hexenrichter“ liegt. Hoffentlich, bevor die Hansestadt sich mit dieser Provinzposse über Lippe hinaus blamiert.

dasbrock AT lz-online.de
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Special vom: 15.02.2013
Autor dieses Specials: Dieter Asbrock
Die weiteren Unterseiten dieses Specials:
Interview mit Dr. Harald Pohlmann, Fraktionsvorsitzender der CDU in Lemgo
Interview mit Dr. Oliver Herrmann, Präsident der Hochschule Ostwestfalen-Lippe
Interview mit Luisa Preißler, Autorin des Comics Hexenrichter
Der Skandal, der keiner war - Ein Kommentar
Gastbeitrag: Szene eines tödlichen Gerichtsverfahrens
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