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Interview mit Guido Weißhahn

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Die folgenden Fragen stellte Christian Recklies, beantwortet wurden sie von Guido Weißhahn.

Hallo. Seit 2005 betreiben Sie den Holzhof-Verlag, welcher sich auf die Wiederveröffentlichung von DDR-Comics spezialisiert hat. Wie sind Sie auf diese (Geschäfts-) Idee gekommen, welche vergriffene Serie war vielleicht der Auslöser und wer unterstützt Sie bei der Verlagsarbeit?
Seit 2000 betreibe ich die Webseite www.DDR-Comics.de, die sich als illustrierte Bibliographie der Zeitungs- und Zeitschriftencomics der DDR versteht. Zunehmend häuften sich Anfragen der Besucher nach gedruckten Fassungen seltener, aber damals beliebter Bildgeschichten, und 2005 entschloss ich mich, mit Nachdrucken anzufangen. Es gibt keine konkrete Auslöser-Serie, aber ich hatte schon ziemlich genaue Vorstellungen, welche Serien ich auf jeden Fall dabei haben wollte. Der Verlag ist im Prinzip ein Ein-Mann-Projekt, aber mein Freund Michael Hebestreit, ebenfalls ausgewiesener DDR-Comic-Fan und langjähriger Redakteur des Fanzines mosaiker, macht das Layout und die Druckvorbereitung. Ohne das Sponsoring von Sebastian Röpke, Inhaber der Leipziger Comic Combo, und einiger privater Gönner hätte ich vermutlich nicht so lange durchgehalten. Befreundete Zeichner wie Jan Suski, Hagen Flemming und Ivo Kircheis halfen mit Titelbildern aus, und ich bekomme gelegentlich fehlende digitale Vorlagen von anderen Sammlern. Den Löwenanteil an Unterstützung leistet allerdings meine liebe Frau, die mit viel Geduld mein Freizeit-Engagement toleriert und mich auf Börsen begleitet.

Klassiker_24_250pxDie Edition "Klassiker der DDR-Bildgeschichte" bildet den Mittelpunkt der Holzhof-Veröffentlichungen. Stellen Sie diese Reihe dem Leser bitte kurz vor.
Es ist eine seit Ende 2005 erscheinende Heftreihe, die pro vierteljährlicher Ausgabe eine oder mehrere Zeitschriftencomics als Komplettfassung nachdruckt. Je nach Umfang des Originalmaterials schwankt der Umfang des A4 großen Heftes zwischen 16 und 44 Seiten. Es gibt zwischen den Heften keine Chronologie oder inhaltliche Verbindung. Auswahlkriterien für die Geschichten sind neben meiner persönlichen Bevorzugung auch noch künstlerische Qualität, Bekanntheit des Materials, Verfügbarkeit von Abdrucken oder gar Originalen und natürlich die Rechteklärung. Inzwischen habe ich drei Sonderausgaben produziert, deren Vorlagen nicht in in das übliche Serienformat passten.

Im Holzhof Gratis-Comic-Tag-Heft ist zu lesen, dass die Klassiker-Reihe demnächst seltener erscheinen wird. Woran liegt das? Wird gar über eine Einstellung nachgedacht?
Eine prinzipielle Einstellung habe ich derzeit nicht vor, aber der vierteljährliche Rhythmus wurde mir persönlich zu viel, außerdem dünnt das in diesem Format nachdruckbare Material zunehmend aus, und auch die Absatzzahlen gehen zurück – verständlich, wenn in den ersten Bänden jene Sachen erschienen sind, die am bekanntesten und beliebtesten waren und daher auch von Nicht-Sammlern aus Nostalgiegründen gekauft wurden, deren Interesse an Comics, zu denen sie keinen Bezug haben, gering ist. Künftig mache ich weitere Ausgaben der Reihe, wenn es passt.

Viele Ihrer Veröffentlichungen sind Nachdrucke von alten DDR-Serien bzw. Comicstrips. Wie sieht es mit den Rechten an den Serien aus? Wie aufwendig ist es, die zuständigen Personen zu ermitteln und wie gehen Sie diesbezüglich vor?
Ich hatte schon vor Verlagsgründung Kontakte zu vielen ehemaligen und noch aktiven Comicmachern und Zeichnern der DDR, oder eben ihren Rechtsnachfolgern, und habe einfach nur angefragt und eine Ausgabe des ersten Klassiker-Heftes mitgeschickt. Da öffneten sich fast alle Türen sofort, und ich bekam die Abdruckrechte der diversen Serien. Manchmal gegen einen Betrag pro gedrucktem Exemplar, manchmal sehr wohlwollend gegen Belegexemplare.

Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit dem Medium Comic und welche Serien haben Sie in der DDR gelesen? Worin ist für Sie die Mosaikboerse2009Faszination an den Ost-Comics begründet?
Ich lese Comics von Kindesbeinen an, damals natürlich vor allem Digedags, Abrafaxe und alles, was in Kinderzeitschriften und gelegentlich Illustrierten zu finden war. Klassenkameraden brachten mir ausgeschnittene Folgen mit oder ich plünderte die Bestände der Verwandschaft. Faszination ist zuviel gesagt – mich sprachen Comics einfach sehr an und ich las und sammelte, was mir in die Hände fiel in der DDR. Heute sind es Nostalgiegründe, aus denen heraus die Beschäftigung mit den DDR-Comics anhält, und sicher auch eine Mischung aus Ehrgeiz und Eitelkeit, dieses Feld forscherisch und verlegerisch in so großem Umfang besetzt zu haben.
Der Blick ändert sich natürlich unter dem Einfluss all der Sachen, die ich nach der Wende lesen konnte, zunächst die frankobelgischen Klassiker, später und bis heute vor allem US-Comics. Bestes Beispiel ist die Serie "Rolf und Robert" von Gerd Unterstein und Reiner Schwalme. Die erschien während meiner Schulzeit etwa einmal jährlich in der Pionierwochenzeitung TROMMEL. Damals Seite an Seite mit sehr gut gemachten ungarischem Adaptionen von Weltliteraturklassikern, die ich als Kind deutlich bevorzugte. Heute bin ich deutlich stärker angetan vom satirischen und doch sehr deutlich in der DDR-Alltagsrealität verankerten Stil in "Rolf und Robert", weshalb eine Staffel ihren Weg ins nächste Gratis-Comic-Tag-Heft finden wird.

Haben Sie einen Überblick wie viele Comicserien bzw. Comicstrips es in der DDR gab? Angesichts neuer Entdeckungen Ihrerseits, wie "Fritz & Kläre", scheint es immer noch eine gewisse Dunkelziffer zu geben.
Bezüglich der Anzahl von Serien und Strips kann ich nichts sagen, weil man diese Kategorien erst einmal genau definieren müsste, aber nach bisherigem Stand sind in der DDR etwa 25.000 Comicseiten und –folgen erschienen (inklusive MOSAIK).
Und ja, es sind sicher noch etwa 150 Strip-Serien aus Tages, Betriebs- und Kreiszeitungen bibliographisch nicht aufgearbeitet, und selbst manche Zufallsfunde können noch passieren. Das bleibt in den nächsten Jahren meiner Arbeit an www.DDR-Comics.de vorbehalten, wo jedes monatliche Update Gelegenheit bietet, mehr davon vorzustellen. Das ist allerdings qualitativ in der Regel nicht zum Nachdrucken auf Papier geeignet.

Klassiker_Klaus_und_Choko_250pxEinige Comicstrips und Serien waren damals ideologisch sehr aufgeladen. Haben Sie damals als Kind die Propaganda in den Comics miterlebt und vor allem, konnte man diese als Kind überhaupt so einordnen?
Als Leser fiel meine Wahl üblicherweise zunächst auf die am wenigsten ideologisch aufgeladenen Sachen. Die ATZE-Titelgeschichten und die langen, mit dogmatischen, holzhammerartigen Texten versehenen Comics in der FRÖSI der 80er Jahre haben sich vermutlich viele Leser geschenkt. Sobald man politisch bewusster wurde, und darum kümmerte sich das staatliche Erziehungs- und Bildungswesen bereits im Vorschulalter, ließ sich Propaganda als solche erkennen und einordnen. Sowas zu lesen macht schlichtweg wenig Spaß, und Kinder lassen das dann. Zunächst war es ja ganz schön, das Gefühl vermittelt zu bekommen, zu den "Siegern der Geschichte" zu gehören, auch wenn die Welt im Westen viel bunter war, aber irgendwann kam man in das Alter, wo die Widersprüche auffälliger wurden und man seine eigene Haltung finden musste.

Kann man die politischen Einflüsse auf das Medium Comic vergleichen mit den Comics aus den Vereinigten Staaten, wo der Kalte Krieg ebenfalls seine Spuren hinterlassen hat und auch heutzutage noch teilweise Meinungsmache betrieben wird? Wie versteckt war die Ideologie im DDR-Comic?
Sie war in den Comics nicht irgendwie geschickt verpackt und konnte unterbewusst wirksam werden, sondern plakativ und dick aufgetragen, mit nuancenfreier Schwarz-Weiß-Zeichnung politischer Lager. Das hatte natürlich damit zu tun, dass jede Kunstform in den Dienst der staatstragenden Ideologie gestellt wurde. Die Versuche, Mitte der 60er Jahre eigenständige Propaganda-Comics zu veröffentlichen, waren ein wirtschaftliches Desaster. Sie konnten eh nur an der Seite von weitgehend unpolitischen, unterhaltsamen Comics existieren, vornehmlich in den Kinderzeitschriften ATZE und FRÖSI.
Die Schund-und-Schmutz-Diskussion war zunächst ja ein gesamtdeutsches Phänomen, dem man in der DDR letztlich mit der Idee begegnete, dann eben Bildgeschichten im "sozialistischen Gewand" zu schaffen, denn das Medium an sich war zu beliebt bei Kindern, um es ungenutzt zu lassen. Die konkrete Einflussnahme geschah durch die Umsetzung der Beschlüsse der Partei und der FDJ durch die jeweiligen Chefredakteure der Zeitschriften, und je nachdem, wie diese den Auftrag verstanden, gab es mehr oder weniger Ideologie in den Comics ihrer Blätter. Die Details sind allerdings hinreichend dokumentiert in "Deutsche Comicforschung" und dem letztjährig erschienenen Buch über das MOSAIK von Mark Lehmstedt.

Sind Sie bei Ihren Recherchen auch auf Künstler getroffen, welche die politische Linie ganz bewusst umgesetzt haben oder waren die DD_Comicfestdamaligen Autoren und Zeichner eher unfreiwillige Zulieferer?
Der konsequenteste Umsetzer war sicher der Görlitzer Künstler Günter Hain, ein bescheidener, hoch begabter Mann, der leider bereits vor vielen Jahren verstorben ist. Er war sicher kein unfreiwilliger Zulieferer von 1.200 Seiten Propaganda-Comics für ATZE und FRÖSI; für ein solch umfangreiches Oeuvre ist auch politische Überzeugung nötig, vermute ich. Aber mit Comics ließ sich gutes Geld verdienen in der DDR, und die künstlerische Qualität seiner Bilder ist unbestritten.
Ich bin aber wiederholt auf Zeichner getroffen, die Serien einstellten, wenn die Versuche der politischen Einflussnahme überhand nahmen, wie Jürgen Günther bei Otto und Alwin. Letztlich musste der Künstler für sich entscheiden, wie weit er sich den Vorgaben unterwerfen wollte oder nicht.

Eine letzte Frage zum Thema Politik im Comic: Dass das Mosaik damals knapp an einer Einstellung vorbei geschrammt ist, weil es nicht auf Linie war, ist bekannt. Sind in der DDR andere Serien aufgrund genannter Ursachen eingestellt bzw. zum Kurswechsel gezwungen wurden?
Das in dieser Hinsicht spektakulärste Beispiel um den Detektiv Dick Dickson aus der FRÖSI von 1968 diskutiere ich ausführlich in "Deutsche Comicforschung 2012", ansonsten gibt nur es wenige Einzelfälle, bei denen es zu überraschenden redaktionellen Einstellungen kam, und über deren Ursachen kann man nur spekulieren; sicher waren sie nicht immer politisch motiviert.

Sie haben in den letzten Jahren mit vielen Helfern den FRÖSI-Index im Internet aufgebaut. Was verbirgt sich dahinter (für die Leser, welche die Zeitschrift nicht kennen) und wird diese sehr umfangreiche Arbeit auch einmal den Weg aufs Papier finden, sprich ist ein Fachbuch dazu geplant?
Die FRÖSI (kurz für „Fröhlich sein und singen“) war eine Monatszeitschrift für Kinder zwischen 9 und 14, die von 1953 bis 1991 erschien. Sie hatte in der Regel einen losen äußeren Umschlag und diverse Beilagen, wie Kunstdrucke, Blumensamen, Bastelbögen, Piccolo-Hefte, Aufbügler, Spielzeuge, industrielle Plasikabfälle zum Rätsellösen usw. Es gibt keine katalogartige Übersicht darüber, und die Redaktion selbst hat nie Buch geführt. Also kam die Idee auf, primär für uns als Sammler einen möglichst kompletten Index der Beilagen zu schaffen, illustriert mit Abbildungen derselben und der Umschläge und Titelbilder sowie einer Auflistung der in den Heften enthaltenen Comics. Da es fast 450 Ausgaben gibt, ist daraus durch den Kreuzvergleich von fünf größeren Sammlungen ein sehr umfangreicher Online-Fundus geworden, mit 2.300 Abbildungen. Ein Fachbuch wird es sicher nicht geben, das wäre viel zu teuer in der Produktion bei einer zu geringen Zielgruppe. Über eine Loseblattsammlung mit Ergänzungslieferungen denken wir allerdings bereits nach, da immer noch neue Beilagen auftauchen und Zuordnungen korrigiert werden müssen.

Klassiker_23b_250pxWoher kommt Ihre Käuferschicht? Ist diese aufgrund der Thematik auf den neuen Bundesländern begrenzt, oder gibt es Interessenten im gesamten deutschsprachigen Raum?
Da es sich in erster Linie um ein Nostalgieprodukt handelt, finde ich meine Kundschaft in Ostdeutschland, Bestellungen aus dem Westen sind nicht selten von "Ausgewanderten", oder von Comicforschern, die sich für das unbekannte Terrain DDR-Comics interessieren. Das Interesse hat nach dem Gratis Comic Tag spürbar zugenommen.

Welche (Wieder-) Veröffentlichungen sind für die Zukunft geplant?
Ich plane eine terminlich noch unbestimmte aufwändigere Gesamtausgabe der Polit-Satire "Waputa, die Geierkralle" von Herbert Rescke von 1954, die aufgrund des Auftretens von Adenauer und Konsorten in der ersten Staffel sowie der für den Westen produzierten zweiten Staffel, die den Bundestagswahlkampf 1969 begleitet (Wehner, Strauß und Brandt haben diverse Auftritte), auch in Westdeutschland interessant sein dürfte. Für die nächste Klassiker-Ausgabe recherchiere ich aktuell die Rechtesituation, und das Holzhof-Heft zum nächsten Gratis Comic Tag steckt bereits mitten in den Vorbereitungen.


Guido Weißhahn (Jahrgang 1970) lebt und arbeitet als Psychotherapeut in Dresden. Leser und Sammler von Comics seit früher Kindheit, soweit das in der comicmäßig schwach besiedelten DDR möglich war. Seit 2000 Betreiber der Webseite www.DDR-Comics.de, die sich der illustrierten Dokumentation der Bildgeschichten und Comics der DDR widmet. Aufgrund zunehmender Nachfrage nach Printfassungen ging aus ihr 2005 der Holzhof Verlag (www.holzhof-verlag.de) hervor, der in mittlerweile 28 Ausgaben der Reihe "Klassiker der DDR-Bildgeschichte" lang verschollene Comics ans Licht brachte. Autor diverser Sekundärbeiträge über DDR-Comics in der Jahrbuchreihe Deutsche Comicforschung (comicplus+) sowie in einschlägigen Fanzines der ostdeutschen Szene.
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Special vom: 13.12.2011
Autor dieses Specials: Christian Recklies
Die weiteren Unterseiten dieses Specials:
Klassiker der DDR-Bildgeschichte: Ein Überblick
Infos zum Holzhof-Verlag
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