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Specials Eventspecials

Das "Siebenschläfer" Motiv

Die Legende des „Siebenschläfers“

Das Motiv des „Siebenschläfers“ stammt aus der Mythen- und Sagenwelt. Im Kern der Legende, die ihren Ursprung in der Antike hat, und seitdem in viele Kulturkreise tradiert wurde, geht es um eine täuschende Zeiterfahrung; denn eine lang andauernde Zeitspanne in der Realität wird persönlich, von den Helden, nur sehr kurz erlebt. (1) Die Legende vom „Siebenschläfer“ wird in der Comicwelt oft als Ursprungsmythos für die Geburt eines Helden hergenommen. Zeit spielt hier inhaltlich insofern eine Rolle, als dass die Titelfiguren nach einer langen Zeit (oft im Tiefschlaf) beim Aufwachen ihre Welt neu geordnet vorfinden. In einem für sie entfernt liegendem Zeitalter und in einer für sie meist ungewöhnlichen Umgebung müssen diese Protagonisten außergewöhnliche Abenteuer meistern.

„Buck Rogers“

„Buck Rogers“ (1929) vom Autor P. F. Nowlan und Zeichner Dick Calkins ist der erste Science-Fiction-Comicstrip überhaupt. Der Comic adaptierte die Story des ein Jahr zuvor erschienenen Romans „Armageddon 2419 A.D.“ desselben Autors. (2) Zunächst lautete der Titel der Serie „Buck Rogers in the Year 2429 A.D.“, später wurde die Reihe in „Buck Rogers in the 25th Century“ umbenannt. Inhaltlich erfüllte der Comicstrip die gewachsenen gesellschaftlichen eskapistischen Bedürfnisse, die durch eine veränderte Lebenswelt entstanden waren und in konventionellen humorvollen Comicstrips nicht ausreichend Beachtung fanden. Die gesellschaftlichen Umstände waren zu dieser Zeit von Charles Lindberghs Nonstopflug über den Atlantik geprägt, (3) was Nowlan in seinen Plot übertrug.

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Der Titelheld erwacht nach 500 Jahren nahe bei Pittsburgh, nachdem er in einer Mine verschüttet und wegen eines toxischen Gases in eine Art Koma gefallen war. Amerika ist steht inzwischen unter der despotischen Herrschaft bolschewistischer Mongolen. Lediglich eine kleine Hand voll Rebellen wagt den Widerstand gegen die kommunistischen Usurpatoren.

Zwar brillierte der Comicstrip nicht unbedingt mit ästhetischer Raffinesse, aber dafür nahm er inhaltlich bis dahin unbekannte phantastische Ausmaße an: „die Serie bot Tempo und erstmals im Comic sämtliche Versatzstücke der Science-Fiction: Luftschiffe mit Raketenantrieb, Strahlenpistolen, schwindelerregende Zukunftsstädte, Roboter, Marsmenschen, die mit fliegenden Untertassen auf der Erde landeten, und ab 1939 auch die Atombombe.“ (4)

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass der Held der Serie in einer Mine in einen komatösen Tiefschlaf verfällt, wonach er erst nach sehr langer Zeit in ferner Zukunft unter veränderten Umständen sein Bewusstsein zurück erlangt und sich in Abenteuer stürzt. Somit wird in diesem Comicstrip nicht nur das Genre „Science-Fiction“ eingeführt, sondern ebenfalls die „Siebenschläfer“-Legende erstmals in Comicform aufgegriffen.

„Captain America“

Nachdem die Veröffentlichung des Comichefts mit dem Superhelden „Captain America“ in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg eingestellt worden war, wurde sie 1964 Jahren unter Federführung von Jack Kirby und Stan Lee erneut publiziert. (5) Hierfür wurde ein neuer Mythos für den Helden geschaffen, der auf dem Siebenschläfer-Motiv aufbaut.

Im Zweiten Weltkrieg fällt der Held bei einer Kampfaktion in der Luft aus einem Flugzeug und landet im Wasser. Prinz Namor, ein übernatürliches Meereswesen, entdeckt Jahrzehnte später in der Arktiks Eskimos, wie sie einen in Eis eingeschlossenen Mann als Götzen verehren. Verärgert darüber, wirft Namor den Eisblock mit Steve Rogers alias Captain America in das wärmere Wasser, wo er auftaut. Schließlich entdeckt ihn die Superheldengruppe „Die Rächer“. Der Erwachte schließt sich den Rächern im Kampf gegen das Böse an. Dabei erschien der Titelheld in einem Kostüm und mit einem unzerstörbaren Schild – beides im „stars and stripes“-Motiv gestaltet –, sowie mit einem „A“ für Amerika auf der Stirn seiner Maske.

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Der Held von einst muss sich an die für ihn veränderten Gegenwart anpassen, wobei er persönliche Ansichten in die neue Zeit überträgt: „Wie ein Zeitreisender war er nun immer wieder Sprachrohr für die moralischen Zweifel […]: Er wurde als Held aus einer simpleren Zeit dargestellt, in der es einfacher gewesen sein soll, zwischen Freund und Feind und gut und böse zu unterscheiden. Im Kontrast zu seinen Erwartungen traten die Grauzonen der Gegenwart ins Rampenlicht“ (6). Auch der Gegner änderte sich für den patriotischen Helden: Er zog nicht mehr gegen Faschisten in den Krieg, wie in früheren Episoden, vielmehr jagte er nun kommunistische Spione in seiner Heimat. Das Eis, in dem der Superheld über Jahrzehnte eingeschlossen war, kann auch als Anspielung auf den „Kalten Krieg“ oder den „Eisernen Vorhang“ interpretiert werden.

Das Motiv „Zeit“ spielt in der Neuauflage von „Captain America“ insofern eine Rolle, als dass der Held im Zweiten Weltkrieg durch Eis eingefroren wurde und in den 1960er Jahren wieder aufgetaut wurde, was mit einem Tiefschlaf vergleichbar ist. Auch der Held „Captain America“ findet sich ähnlich wie bereits „Buck Rogers“ in einer veränderten Welt vor und muss neuen Herausforderungen trotzen. Doch im Fall von „Captain America“ führen dessen, ihm aus alter Zeit vertrauten Werte und Normen in seiner neuen Umwelt zu Zweifeln.

„Alexander Nikopol“

Mit dem Comic-Album „Die Geschäfte der Unsterblichen“ (1984) von Enki Bilal erschien der erste Teil der „Alexander Nikopol“-Trilogie. Der Handlungsort ist in der Zukunft angesiedelt. Unsterbliche Götter tauchen mit ihrem Raumschiff, einer Pyramide, aus dem Nichts über dem Paris des Jahres 2023 auf. Parallel dazu kehrt eine Raumkapsel nach dreißig Jahren Verbannung im All auf die Erde zurück. Ihr Insasse, Alexander Nikopol, verbrachte darin die letzen drei Jahrzehnte im Kältetiefschlaf. Der unsterbliche Gott Horus birgt den Verstoßenen und heilt seine Verletzungen mit seinen überirdischen Kräften. Fortan begleitet Horus Nikopol auf seinen Abenteuern.

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(c) 1981 Castermann

Andreas Knigge bezeichnet das futuristische Paris als „faschistische[n] Stadtstaat, der in zwei getrennte Bezirke unterteilt ist: das von der privilegierten Klasse bewohnte Zentrum und einen Teil, der von Verelendung, Müll und Entartung geprägt ist“ (7). Im Verlauf der Science-Fiction-Trilogie besteht das Abenteuer von Nikopol in einer „Sinnsuche innerhalb einer entmenschlichten und degenerierten Welt“ (8). Der Comic bringt den damals vorherrschenden Zeitgeist zum Ausdruck: In diesem Zusammenhang wurde der Begriff „Zitadellenkultur“ geprägt. Dieser apokalyptisch anmutende Begriff verweist auf „die künstlerische und intellektuelle Kultur der demokratischen Industriegesellschaft in den achtziger Jahren, die sich in einem permanenten Krisenbewußtsein [sic!] ausdrückt, doch nicht um diese klären zu helfen, sondern nur, um Schocks, Besorgnisse, Verzweiflung zu registrieren“ (9).

Der Protagonist Alexander Nikopol erwacht aus einem Kältetiefschlaf und findet seine Welt gesellschaftlich verändert sowie von unsterblichen Göttern heimgesucht vor. Somit wird hier, wie auch schon bei „Buck Rogers“ und „Captain America“, die Legende des „Siebenschläfers“ thematisiert. Doch im Unterschied zu „Buck Rogers“ oder „Captain America“ begibt sich der Titelheld aus der „Alexander Nikopol“-Trilogie in keinen physischen Kampf. Vielmehr hat sein Abenteuer eine metaphysische Komponente angenommen. Diese Entwicklung, hin zu einer Vergeistigung, findet sich auch bei den Gralsrittern wieder: Im Gegensatz zu ihren Vorgängern – den Artusrittern – müssen sie sich nicht mehr im Kampf, sondern mit der Suche nach Erkenntnis oder Erleuchtung auszeichnen.

„Die Schiffbrüchigen der Zeit“

Die Comicserie „Die Schiffbrüchigen der Zeit“ entstammt aus der Feder des Zeichners Paul Gillon und des Autors Jean-Claude Forest. Im ersten Teil („Der schlafende Stern“, 1988) der Reihe wird mittels des „Siebenschläfer“-Motivs der Grundstein für die weitere Story gelegt.
Zwei Raumfahrer, eine Frau und ein Mann werden gegen Ende des 20. Jahrhunderts in einen 1000 Jahre andauernden Tiefschlaf versetzt. Der Grund für diese außergewöhnliche Maßnahme ist eine andauernde tödliche Seuche, die die Menschheit auszurotten bedroht und gegen die kein Wissenschaftler ein wirksames Gegenmittel finden kann. Die beiden Außerwählten werden in Raumkapseln in das All befördert, wo sie im Tiefschlaf solange überleben sollen, bis die Erde wieder bewohnbar ist. Im Jahre 2990 wird Christophers Kapsel geborgen, doch von seiner Begleiterin fehlt jede Spur.

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Bei „Buck Rogers“ und „Captain America“ ist es jeweils ein Unfall, der zum Tiefschlaf führt. Bei „Alexander Nikopol“ und „Die Schiffbrüchigen der Zeit“ ist es dagegen wissenschaftliches Kalkül, der die Protagonisten in Raumkapseln einschläfert lässt. Nur bei Bilal ist es eine Strafe, während es bei Gillon eine Auszeichnung ist, möglicherweise die Menschheit zu überleben. In „Die Schiffbrüchigen der Zeit“ wird noch einmal mehr deutlich, wie stark der Zeitgeist vor dem Mauerfall von einem möglichen Atomkrieg geprägt war. Denn die Seuche kann als Synonym für den radioaktiven Gau verstanden werden.

„Der Fischer und die Prinzessin des Meeres“

„Der Fischer und die Prinzessin des Meeres“ (10) ist eine Kurzgeschichte aus der Comicanthologie „Little Lit. Sagen und Märchen“ (2001), die von Art Spiegelman und Fran Mouly herausgegeben wurde. Der Autor und Zeichner David Mazzucchelli greift bei seiner Erzählung auf ein japanisches Märchen zurück, das im Kern die Legende des „Siebenschläfers“ enthält.
Der Fischer Taro Urashima rettet eine Schildkröte. Ein Tag später nimmt das Meerestier seinen Erretter aus Dankbarkeit mit in die Meerestiefen. Ziel ist der königliche Drachenpalast des Meereskönigs, Herrscher über das Meer und seine Bewohner. Dort angekommen, verlieben sich der Fischer und Prinzessin Oto ineinander und heiraten bald darauf. Nachdem drei Jahren vergangenen sind vermisst Taro seine Freunde und seine Familie, worauf die Prinzessin ihm einen Besuch an die Oberfläche gewährt, aber nur unter der Bedingung, dass er zur Erinnerung und zum Schutz ein Kästchen von ihr mitnimmt. Taro gibt ihr sein Wort, doch an der Oberfläche angekommen, wundert er sich, dass sich an Land so viel verändert hat, obwohl er lediglich drei Jahre unter dem Meer gewesen ist. Bei Erkundigungen erfährt er, dass sein Verschwinden 300 Jahre her ist. Aus Neugier bricht er sein Wort und öffnet das geheime Kästchen. Das wird ihm zum Verhängnis. Denn unter dem Meer verging die Zeit langsamer, der Zauber des Königs hatte ihn vor dem Altern bewahrt. Durch das Öffnen des Kästchens ist der Zauber verloschen und der Fischer gealtert.

Little_Lit

(c) RAW Junior / Joanna Cotler 2000

„Zeit“ ist hier Motiv ganz im Sinne der Legende des „Siebenschläfers“. Denn während die Zeit für den Fischer unter dem Meer langsam verging, ist auf dem Land ein sehr langer Zeitraum verstrichen. Urashima erlebt eine tatsächlich lange Zeitspanne subjektiv als kurze Zeit. Die Zauberkraft des Meereskönigs hielt den Fischer so lang vom Älterwerden ab bis dieser Zweifel bekam und die Schatulle mit dem Geheimnis öffnete. Dadurch ist er nicht nur schlagartig gealtert, weil der Zauber seine Wirkung verloren hat, sondern seine Prinzessin ist ihm ebenfalls für immer versagt.
Vergleich

Die Kurzgeschichte „Der Fischer und die Prinzessin des Meeres“ unterscheidet sich von allen anderen Comics in einem grundlegenden Punkt: Bei den restlichen Comics ermöglicht ein Tiefschlaf die Überbrückung einer längeren Zeitspanne, während in „Der Fischer und die Prinzessin des Meeres“ der lange Zeitraum mit Hilfe eines Zaubers überwunden wird. Außerdem beginnen die Abenteuer bei „Buck Rogers“, „Captain America“, „Alexander Nikopol“ und die „Schiffbrüchigen“ erst richtig nach dem überbrückten Zeitraum, wohingegen bei Mazzucchellis Comic die Geschichte mit der Erkenntnis der Zeittäuschung bereits endet. Zudem beinhalten alle Geschichten außer „Der Fischer und die Prinzessin des Meeres“ Anspielungen, Verweise oder direkte Bezüge zur Bedrohung durch den Kommunismus.

Das „Siebenschläfer“-Motiv kann als Ausdruck für Zukunftsängste oder -hoffnungen verstanden werden. Der typische Ausspruch „Wie die Zeit vergeht!“ findet sich hier in Gestalt von Comicgeschichten wieder. Das Empfinden vieler Menschen, dass die Zeit auf dem Zifferblatt schneller vergeht als dies subjektiv erfahren wird, was im Zuge der Globalisierung zugenommen haben dürfte, wird hier somit narrativ aufgegriffen.


(1) Vgl. Kandler, H.: Siebenschläfer. In: R. W. Brednich et al. (Hg.): Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung; Bd. 12, Lief. 2. Berlin (de Gruyter) 2006, S. 662-666.
(2) Vgl. Knigge, A. C.: Comics. Vom Massenblatt ins multimediale Abenteuer. Hamburg (Rowohlt) 1996, S. 65; auch Fuchs, W. J.; R. C. Reitberger: Comics. Anatomie eines Massenmediums. München 1971, S. 68-69.
(3) Vgl. Knigge, A. C.: Comics (wie Anm. 2), S. 64-65.
(4) Ebd.; vgl. auch Fuchs, W. J./ R. C. Reitberger: Comics. Anatomie eines Massenmediums. München (Moos) 1971, S. 69.
(5) Vgl. ebd., S. 69, 106; auch Knigge, A. C.: Comics (wie Anm. 2), S. 130.
(6) Packard, S.: Anatomie des Comics. Psychosemiotische Medienanalyse (=Reihe: Münchener Universitätsschriften Münchener Komparatistische Studien, hrsg. v. H. Birus und E. Greber; Bd. 9). Göttingen (Wallstein) 2006, S. 318.
(7) Knigge, A. C.: Comics (wie Anm. 2), S. 269.
(8) Ebd.
(9) Werckmeister, O. K. zit. nach ebd.
(10) Mazzucchelli, D.: der Fischer und die Prinzessin des Meeres. In: A. Spiegelman; F. Mouly (Hg.): Little Lit. Märchen und Sagen. Hamburg (Carlsen) 2001, S. 28-33.



Special vom: 30.11.2009
Autor dieses Specials: Marco Behringer
Die weiteren Unterseiten dieses Specials:
Zeitreisen
Zeitanomalien
Zeit als Schicksal
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