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Specials Eventspecials

Denis Bajram, ganz privat
bajram_kalish.jpgEin Interview mit Christian Marmonnier

Brüssel, Anfang Dezember [2005]. Die Stadt erstrahlt im vorweihnachtlichen Lichterglanz. Drei Steinwürfe vom berühmten Manneken Pis entfernt, das als Nikolaus kostümiert ist, befindet sich das Appartement von Denis Bajram und Valérie Mangin. Bücher, viele Bücher. Dazu Musik. Und ein warmer Empfang als Ausgleich für die jahreszeitliche Kälte. Nach der Besichtigung der Örtlichkeiten, die mit zahlreichen Zeichnungen von Freunden verziert sind, beginnt das Gespräch mit dem Autor von "Universal War One". 5, 4, 3, 2, 1...

Ich nehme an, dass du bisweilen an Deine Familie denkst, wenn Du Deine Comics schreibst?

Ja, es ist eigentlich überflüssig, das zu erwähnen, aber UW1 enthält autobiografische Züge: Teile meiner Persönlichkeit, so wie ich mich im Verlauf meiner Jugend entwickelt habe. Das sind sehr persönliche Dinge...

Und das findet sich wieder, verteilt auf die Charaktere Deiner Figuren?

Ja, und auch in einigen Ereignissen. Ich habe einen sehr intensiven Bezug zu dem, was ich tue, eine Art Enthusiasmus. Es heißt oft, ich würde enthusiastische Comics machen, mit ganzem Herzen. Ich stecke viel von mir selbst da hinein, sehr viel. Alle Figuren sind ein Teil von mir. Balti zum Beispiel, das bin ich, wenn ich den heldenhaften Idioten spiele.

Das ist verblüffend, ich hielt Dich eher für Kalish!

Kalish, das bin ich, wenn ich schlau bin. Und auch gewalttätig. Aber etwas von mir steckt in jeder Figur. Mario, wenn ich der Loser bin, wenn nichts mehr läuft... Ich fühle mich jedem von ihnen verbunden. Die fiese Hochzeitsszene von Mario beispielsweise ist etwas, das ich in meiner Umgebung erlebt habe.


Und die weiblichen Charaktere?

Eine von ihnen ähnelt einer meiner fünf Schwestern. Williamson besitzt Charakterzüge meiner Mutter. Allerdings habe ich keine Lust, das weiter zu vertiefen, zu analysieren. Ich kann das machen, wenn die Serie abgeschlossen ist.


Willst Du einen Teil davon im Unbewussten belassen?

Ja. Als ich anfing, darüber nachzudenken, sagte ich mir, dass das der Arbeit schaden würde. Hergé wäre wie gelähmt gewesen, wenn er bei seiner Arbeit an "Tim und Struppi" über den Einfluss seiner Familienlegende nachgedacht hätte, über den Umstand, dass er womöglich der Abkömmling eines unehelichen Königssohns gewesen ist. Unter den Autoren ist es gegenwärtig Mode, sich eine Menge Fragen zu stellen. Manchmal finde ich, sich dumm zu stellen ist auch eine gute Methode, um voranzukommen.


Du bist anscheinend der Künstler in der Familie. Hast du das Bedürfnis, ihr zu beweisen, dass das, was Du erzählst, "intelligent" ist?

In meiner Familie war es ein Skandal, dass ich nicht Mathematiker geworden bin. Ich habe ein Abi in mehreren Sprachen gemacht. Ich bin ein ziemlich guter Schüler gewesen, auch wenn ich nichts dafür getan habe. Wenn mich mein katholisches Gymnasium nicht angetrieben hätte... Danach habe ich die Vorbereitungsklasse für die Elite-Hochschulen sausen lassen und bin lieber an die Fakultät Jussieu der Pariser Uni gegangen, um Mathematik zu studieren. Dort habe ich alles Mögliche für mich entdeckt, die Informatik, und auch die Mädchen... Ich kann's ja zugeben, ich hab mit 17 Abi gemacht, was mir erlaubte, ziemlich früh an die Uni zu gehen, um mit 18 nicht mehr Jungfrau zu sein. Als ziemlich zurückhaltender Junge hatte ich gar keine andere Wahl als mein Elternhaus zu verlassen, ehe ich Bekanntschaft mit dem anderen Geschlecht machen konnte. Aber ich werfe meinen Eltern da nichts vor. Diese Erziehung war maßgeblich für das, was aus mir geworden ist. Ich sehe viele aus meiner Generation, die über gar keine Grundlagen verfügen. Meine dagegen sind enorm, geradezu riesig. Nicht ganz die, die ich mir gewünscht hätte, aber sie sind da. Heutzutage verstehe ich mich sehr gut mit meinen Eltern. Diesen Sommer haben wir darüber gesprochen. Auch sie haben sich gewaltig entwickelt, weil wir sie verändert haben, meine Schwestern und ich, mit unseren Entscheidungen beim Erwachsenwerden. All das ist letzten Endes sehr gut gelaufen... auch wenn mein Entschluss, an die Kunsthochschule zu wechseln, mit großen Spannungen verbunden und meine Eltern sehr beunruhigt gewesen waren. Heute ist mir klar, dass es nicht die schlechteste Idee gewesen ist, auf Kultur, Entertainment und Freizeit zu setzen. Und in diesem Bereich ist es auch wahrscheinlicher, einen Job zu finden, als in manchen anderen.

Diese kulturellen Wurzeln kommen Dir zugute. So paraphrasierst Du zum Beispiel in UW1 die Genesis.

Meine katholische Vergangenheit ist für mich ein kultureller Aspekt geworden. Mit 16, 17 Jahren und asexuell, wie schon erwähnt, dachte ich daran, Priester zu werden, und besuchte Theologie-Kurse... Ja, das ist schon ein enormes kulturelles Fundament. Und ich sehe die Welt auch weiterhin durch diese Brille. In UW1 erfährt man auf der allerletzten Seite, was es mit der Bibel von Kanaan auf sich hat. Das ist nicht nur oberflächliches Dekors zur Stimmungsmache, sondern der ultimative Puzzlestein in der Geschichte.


Diese moralischen oder theologischen Bezüge sind natürlich nicht die einzigen, die man Deinem Werk entnehmen kann...

Wenn ich mir meinen Werdegang vor Augen halte, dann sind da noch die Werte, die ich mit Nietzsche entdeckt habe und die mir die Kunsthochschule mit aller Gewalt um die Ohren gehauen hat. Als ich nach Caen kam in dieses "linke" Milieu, das eine Kunsthochschule nun einmal ist, war das ein riesiger Schock. Ich erinnere mich an endlose, heftige Streitereien. Das war eine radikale Befreiung. Den Glauben zu verlieren war von Vorteil, machte mich aber postwendend zum Selbstmordkandidaten. Gut, das war normal, ich musste meine Adoleszenzkrise[Pubertätskrise] nachholen, mit hübschen Selbstzerstörungsphantasien, selbst wenn man weit davon entfernt ist, es wirklich zu tun. Alles erschien sinnlos. Da ich an strikte Werte geglaubt und mich innerhalb von zwei Jahren radikal gewandelt hatte, erkannte ich, wie relativ jede Meinung, jede Vision oder jede Moral ist. Lediglich Mittel in Macht- und Verteilungskämpfen. Mit dieser zynischen Einsicht klarzukommen war sehr hart.


Du kannst Lügen nicht ertragen!

Aktuell gibt es im Comic viele Zeichner, die so tun, als könnten sie nicht zeichnen und als müssten sie neue Wege finden, um es zu tun. So etwas kann ich nicht, das wäre schamlos gelogen. Das wäre so, als hätte ich in UW1 überall den Hinweis einfließen lassen: "Wisst ihr, das habe ich mir alles selber ausgedacht!", nur um das Genre zu verleugnen, an das ich mich angehängt habe, die Sciencefiction. Ich habe immer geglaubt, dass man auch im Mainstream intelligente Sachen machen kann. So wie Alan Moore mit "Watchmen", Miller mit "Give Me Liberty". So wie seinerzeit Forest zusammen mit Gillon, und Pierre Christin sowieso... Auf unterschwellige Art hasse ich Selbstreferenz. Die Einbeziehung der Meta-Ebene in das Werk, dieses oberschlaue Getue.


Wie hast Du das Szenario von UW1 entwickelt?

In gewisser Weise ist es die Wiederverwertung des Szenarios zu der Serie "L'Arche", die ich Guy Delcourt vorgeschlagen hatte. Nachdem ich diesem Verlag den Rücken gekehrt hatte, obwohl noch ein Projekt am Laufen war, akzeptierte Mourad Boudjellal, der Verleger von Soleil, das Konzept und unterschrieb es blind. Ich hatte einen Vertrag, in dem stand: "Titel wird vom Autor festgelegt". Ich weiß nicht, woher er so viel Vertrauen hatte. Auf jeden Fall habe ich die Zusammenfassung der Geschichte innerhalb einer Woche geschrieben. Das war ein Abriss von all dem, wozu ich damals Lust hatte, es zu machen. Aber wie alles unter einen Hut bringen? Als guter Mathematiker hatte ich die Gleichung schnell gelöst, und ich habe seither praktisch keine Abstriche davon gemacht. Lediglich ein einziger Punkt dieser Synopsis wurde vor ein paar Jahren noch mal überarbeitet. Was nichts änderte und gleichzeitig alles. Das Ende ist das ursprüngliche. Nur die Nebenschlüsse wurden modifiziert... Ich hasse offene Enden. Ich lese sie gern, aber bei mir soll alles in sich geschlossen sein. Der Braten muss ordentlich gewürzt, gut durch und tischfertig serviert sein.

Ist anders zu arbeiten schwierig für Dich?

Ich könnte mich entscheiden, so wie Moebius meinen "Arzach" zu machen und einfach drauflos zu erzählen. Das wäre lustig, ist aber auch derzeit ein bisschen zu modisch. Ich beherrsche mein Handwerk außerdem nicht so gut, wie Moebius-Giraud es damals tat, aber ich bekomme es allmählich in den Griff... Vielleicht ist es hochmütig, das zu sagen, aber ganz offen: es scheint mir einfacher zu sein, "Herrn Hase" zu machen, als "Watchmen". Was kein Werturteil ist. Es geht mir nur um die Einfachheit. Schließlich sind manche einfache Geschichten Meisterwerke und manche sehr ausgefeilte einfach nur Mist.


Hast du bei so einem ausgefeilten Szenario wie UW1 nicht manchmal das Gefühl gehabt, dass Dich die Realität einholt?

Ja, der 11. September ist nicht leicht gewesen. Genau genommen sind in jenem Jahr zwei Dinge passiert. Zuerst musste ich mir in einem Internet-Forum die Eier ablatten lassen, wie Kartman es in South Park nennen würde. Ein früher Fall von öffentlichem Autoren-Lynchen. Man bezichtigte mich als Macho und Faschist. Ich fragte mich, warum, und geriet in helle Panik. Das ging so weit, dass ich meine Geschichten anzweifelte. Enthielt das, was ich erzählte, reaktionäre Wertvorstellungen? Inzwischen habe ich kapiert: man nehme irgendeinen Comic, bei dem unter den Figuren ein Araber und Frauen auftauchen, und die Irritationen sind garantiert. Darüber hinaus war ich gerade dabei, die Zerstörung von New York zu skizzieren, als die Bilder vom 11. September hereinbrachen. Peinlich... Es war sehr aufregend gewesen, diese Art von Massaker in Szene zu setzen, und plötzlich wurde aus dem Spaß blutiger Ernst, live im Fernsehen. In den Tagen darauf rechnete man sogar damit, dass der Dritte Weltkrieg ausbrechen könnte. Da habe ich mir neue Fragen gestellt, über meine Verantwortung als Autor... Und das hat mir wirklich Kopf und Hände blockiert. Anderthalb Jahre lang habe ich mich ins Computerprogrammieren vertieft. Um zu vergessen.


In UW1 findet man alle möglichen Aspekte von Pervertierung: die Barbarei des Krieges, den Wahnsinn eines überzogenen Kapitalismus und Liberalismus, das Versagen der Ideologien, die Fragwürdigkeit der Wissenschaft, und so weiter. Aber eines der großen Themen, die zur Eroberung des Alls gehören, wird nicht angesprochen: das der Außerirdischen...

Mit Absicht. Und ein zweites Thema fehlt auch total: das der künstlichen Intelligenz. Ich werde das zu Beginn von UW2 erläutern. Im Universum von UW1 haben die Menschen ein Moratorium beschlossen. Sie haben Angst davor, neue Formen künstlichen Lebens zu entwickeln, die effizienter sind und kompetenter als sie selbst, und darum haben sie eine Kontrolle der K. I. eingeführt. Was das andere angeht, so denke ich, dass die Außerirdischen uns nicht kontaktieren, weil wir unser kosmisches Stadium noch nicht erreicht haben. Was das ist? Um es kurz zu machen, das ist die künstliche Intelligenz. Das einzige Wesen, das zu den Sternen reisen und ewig leben kann, das ist eine Maschine. Ich glaube nach wie vor, dass unsere biologische Lebensform eine Etappe ist auf dem Weg zur Bewusstwerdung. Wenn ich also in UW1 nicht von künstlicher Intelligenz spreche, dann auch nicht von Außerirdischen. Der Kontakt findet statt in UW2.

Du lässt Dich manchmal zu mathematischen Beweisführungen hinreißen, so zum Beispiel, wenn Du ein Wurmloch beschreibst...

Ich bin Mathematiker von Natur aus. Ich habe eine natürliche mathematische Weltsicht. Selbst wenn ich zeichne, zeichne ich räumlich, auf sehr rationale Art.


Das heißt?

Ich kann zum Beispiel sehr gut Licht einsetzen, denn die Art und Weise, wie das Licht auf einen dreidimensionalen Körper fällt, ist etwas Rationales. Viele denken deshalb, ich würde nach Modellen arbeiten. Kein bisschen. Für die Raumschiffe zum Beispiel entwickle ich nicht mal die Perspektiven, ich zeichne sie frei Hand, wie von selbst. Weil ich in physikalischen Räumen denke. Aber diese Stärke hat auch ihre Nachteile. Ich beneide das psychologische Einfließenlassen, so wie bei Moebius in seiner freiesten Phase.

Um bei den Modellen zu bleiben, gab es welche für Dich im Bereich der Sciencefiction?

Das große Vorbild, so mit 7, 8 Jahren, das war "Cosmos 1999" gewesen. In dieser Serie hieß die Raumstation im Orbit "Alpha". Das Lustige ist, dass auch die Internationale Raumstation so hieß, bevor sie in ISS umbenannt wurde. Deshalb habe ich sie auch in UW1 verwendet. Es war ein Mittel, um Geschichte und Fiktion miteinander zu verknüpfen. UW1 wurde 1998 gestartet und die Internationale Raumstation schließlich anders genannt. Damit geriet UW1 in eine amüsante Parallelhistorie. Eine andere Anspielung an "Cosmos 1999": die Sonde, die ganz am Anfang von UW1 in die Mauer eindringt, ist eng an den "Eagle" aus "Cosmos" angelehnt.

"Star Wars" hat Dich nicht beeinflusst?

Nicht wirklich. "Star Wars" ist keine Sciencefiction. Das ist eine Gralssuche, bei der die Pferde gegen Raumschiffe ausgetauscht worden sind. Lucas wollte anfangs ein Märchen schreiben. Sein erstes Szenario war die Geschichte von der Prinzessin und den Robotern. Für mich ist Sciencefiction zuallererst ein gesellschaftliches und politisches Genre. Das ist jedenfalls das, was ich vorziehe. Ich bin gegen Vance und für Herbert, Asimov und Huxley.

Zum Abspann: Was ist das Wichtigste für Dich in Deinem Leben?

Zwei Sachen. Vor allem dieser Beruf und die Person, mit der ich 24 Stunden am Tag verbringe: Valérie. Wir machen beide denselben Job und reden darüber von morgens bis abends und bis in die Nacht... Wir sind eins miteinander im Beruf und als Paar. Mit anderen Worten, wir sind wirklich glücklich.


Special vom: 08.02.2008
Autor dieses Specials: Christian Marmonnier
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