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Specials Eventspecials

Interview mit Giorgio Cavazzano
Wir hatten auf dem Comicsalon in Erlangen die Gelegenheit ein ausführliches Interview mit Giorgio Cavazzano zu führen. Das Original als MP3-Datei (geführt in Italienisch) findet Ihr in der Messeberichterstattung.

Splashcomics: Auch wenn ich da meine Zweifel habe, aber vielleicht gibt es jemanden, der nicht weiß, wer Sie sind. Wer sind Sie und was machen Sie?

Giorgio Cavazzano: Natürlich Disney. Ich habe das Glück, dieses lange Abenteuer fortzusetzen, und ich arbeite auch mit anderen Firmen zusammen. Erst kürzlich habe ich ein Projekt mit Tieren für Ferrero beendet für die "Kinder"-Produkte zur Weltmeisterschaft, die auch in Deutschland herauskommen. Sie werden derzeit verkauft, und ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden.

Splashcomics: Wann sind Sie geboren und wo leben Sie?

Giorgio Cavazzano: Ich bin an einem nebligen Tag im Jahr 1947 in Venedig geboren worden. Im Moment lebe ich etwa 20 Kilometer von dem Ort entfernt, an dem ich geboren wurde, also von meinem Kanal entfernt, und ich gehe dort auch immer wieder hin.

Splashcomics: Und was sehen Sie, wenn Sie aus dem Fenster sehen?

Giorgio Cavazzano: Mehr als ich dass ich etwas sehe, rieche ich den Salzgehalt der Luft. Das ist etwas, was mir immer Gedächtnis bleibt und was ich immer wieder antreffe, wenn ich nach Venedig komme. Andere riechen vielleicht etwas Anderes. Ich kann noch den Salzgehalt der Luft riechen.

Splashcomics: Sind Sie verheiratet?

Giorgio Cavazzano: Ich habe geheiratet, ich bin verheiratet, habe zwei Söhne, einer 33 Jahre alt und einer 31 Jahre alt. Sie wohnen noch zu Hause. Sie sind zwar verlobt, entscheiden sich aber nicht auszuziehen. Vielleicht entscheiden ich und meine Frau uns irgendwann selbst auszuziehen.

Splashcomics: Und Ihre Söhne sind auch im Comicgeschäft tätig?

Giorgio Cavazzano: Sie haben mir ab und zu schon bei ein paar Aufträgen geholfen, aber vor allem bei Aufträgen in der Werbebranche und nicht bei den Comics, denn einer ist Architekt und nachdem er in den USA war, arbeitet er nun einer großen Agentur in Venedig. Und der Andere macht Web-Design.

Splashcomics: Wie ich.

Giorgio Cavazzano: Ja, tut mir Leid für Dich, aber ich weiß, wie schwierig dieses Geschäft ist.

Splashcomics: Wann haben Sie mit dem Zeichnen angefangen? Und wer hat Sie beeinflusst?

Giorgio Cavazzano: Ich habe sehr früh angefangen. Ich bin mit eine gewissen Dosis an Glück geboren worden, denn in meiner Familie gab es bereits einen Comiczeichner und zwar mein Cousin Luciano Capitanio. Er zeigte mir, dass man damit erfolgreich sein konnte und ermöglichte mir einen Start, denn meine Familie war eine einfache Arbeiterfamilie. Und da jemanden zu haben, der über seine Zeit selbst verfügen konnte, war etwas Besonderes. Und für mich war es faszinierend, vor allem während der Schulferien, ihn besuchen zu können. Und dabei den Geruch - da haben wir wieder die Gerüche; Wir reden immer wieder von Gerüchen, denn die vergisst man nie - des Bleistifts und des Radiergummis zu riechen. Etwas was mich ebenfalls immer fasziniert hat. Ich habe ihm dann dabei geholfen die Seiten auszuradieren, die Bleistifte zu spitzen. Und nach und nach, mit den Jahren habe ich auch die Stifte in die Hand genommen und auf seinen Zeichnungen etwas hinzugefügt.
Ich hatte in der Familie einen Ingenieur, der für eine große Chemie-Firma gearbeitet hat, und aus der Familie meiner Mutter stammte, während der Cousin aus der Familie meines Vaters kam. Und meine Mutter wollte unbedingt, dass ich ein Chemiegutachter würde. Ich hätte eine sichere Arbeitsstelle gehabt. Mein Vater aber wollte aus mir einen Freigeist machen, also komplett andersherum als es sonst ist. Sonst sagt die Mutter "Mach was Du willst", und der Vater ist dagegen. Aber in meiner Familie war da diese eigenartige Situation. Irgendwann habe ich die Ausbildung als Chemiegutachter auch in Angriff genommen, aber das hat mir absolut nicht gefallen. Ich wollte eher Kunst studieren und zur Kunstschule in Venedig gehen, die zu der Zeit sehr wichtig war. Wenn ich an den Plätzen vorbei kam, an denen die Kunststudenten waren, mischte ich mich unter sie und konnte so daran teilhaben, Irgendwann habe ich dann mit meinem Studium aufgehört, um mich nur noch den Comics zu widmen. Nach meinem Cousin traf ich auf Romano Scarpa, der zu meinem wahren Lehrmeister wurde. Denn er hat mir beigebracht, wie ich den Bleistift halten mußte. Und er brachte mir bei, wie ich meiner Fantasie freien Lauf lassen konnte und sie gleichzeitig auf Papier übertragen konnte. Und so habe ich also angefangen.

Splashcomics: Wenn ihre Mutter noch leben würde, was würde sie wohl sagen?

Giorgio Cavazzano: Meine Mutter konnte irgendwann sehen, wie zufrieden ich war und sie hat auch teilweise meinen Erfolg mitbekommen, den ich als Zeichner hatte. Einmal hat sie auch gesagt: "Dein Vater hatte Recht". Und sie war dann mit meiner Wahl sehr zufrieden.

Splashcomics: 40 Jahre mit Mäusen und Enten. Haben Sie jemals ihre Wahl für Disney zu zeichnen bedauert?

Giorgio Cavazzano: Nein, überhaupt nicht. Disney hat eine große Anziehungskraft für jeden Autor. Ich spreche jetzt nicht von der Firma selbst, sondern von den Charakteren. Auch wenn die Firma sehr gut aufgestellt ist und viele sehr fähige Menschen beschäftigt. Die Charaktere verjüngen sich ständig. Und deswegen ist es so schön die Seiten zu füllen und die Charaktere und deren Umgebung weiter zu entwickeln. Es sind wirklich unsterbliche Charaktere.
Für einen Zeichner ist es fundamental immer wieder etwas Neues zu machen und den Leser beständig mit neuen Reizen zu versorgen.

Splashcomics: Was zeichnen Sie im Moment?

Giorgio Cavazzano: Im Moment zeichne ich eine Geschichte der Ducks. Aber die Geschichte, mit der ich erst vor kurzem fertig geworden bin, war eine sehr aufwändige Geschichte mit Micky Maus. Vor einiger Zeit habe ich mich mit der Chefin von Topolino Claretta Mucci unterhalten und mir kam die Idee eine Geschichte zu entwickeln, die wie die berühmte Fernsehserie CSI aufgebaut ist. Und uns standen dafür zwei Charaktere zur Verfügung, die dafür bestens geeignet waren und die durch ihre wissenschaftliche Arbeit eine Serie an Katastrophen auslösen. Und diese Geschichte habe ich gerade erst fertig gestellt und sie hat mich ziemlich in Anspruch genommen, vor allem aufgrund der Zeichnungen und ich mußte auch einiges recherchieren und ich habe neue Charaktere eingeführt. Und daran denke ich dann gerne zurück, auch wenn es anstrengend war.

Splashcomics: Wann kommt die Geschichte heraus und wo?

Giorgio Cavazzano: In Topolino und ich denke sie wird im September oder Oktober herauskommen.

Splashcomics: Da werde ich sicher reinschauen. Und wissen Sie vielleicht auch schon, wann die Geschichte in Deutschland erscheinen wird?

Giorgio Cavazzano: Leider nein, das sind Redaktions-Angelegenheiten, mit denen ich mich nicht auskenne. Oft bin ich überrascht neue Geschichten zu sehen und dann wieder Geschichten, die ich vor zwanzig Jahren gezeichnet habe. (lacht)

Splashcomics: In Deutschland gibt es nur wenige Zeichner, die von ihrer Arbeit leben können. Sind die Zeichner in Italien in derselben Situation, oder schaffen Sie es von ihrer Arbeit zu leben?

Giorgio Cavazzano: Es gibt viele Zeichner, die von ihrer Arbeit leben können. Für Autoren oder Szenaristen sieht es schon wieder anders aus. Denen geht es ähnlich wie den Zeichnern in Deutschland. Sie haben eine normale Arbeit, die ihnen erlaubt einen freien Kopf zu haben und darüber hinaus schreiben sie dann Geschichten. Aber ich kenne es so, dass es gar nicht möglich ist zu zeichnen und eine andere Arbeit zu haben. Ich spreche jetzt für mich, aber ich könnte es mir gar nicht erlauben drei Stunden zu zeichnen und sechs Stunden irgendetwas anderes zu arbeiten. Genauso wenig, wie ich jemals fest angestellter Zeichner in einem Verlag sein könnte. Das würde ich nie machen.

Splashcomics: Sie waren also immer ein freier Zeichner?

Giorgio Cavazzano: Ja, ich war immer ein freier Zeichner. Die Einzige, die mich einfangen konnte, war meine Frau. Sie hat mich eingefangen, es war die klassische Liebe auf den ersten Blick. Wir sind jetzt seit 36 Jahren verheiratet und wir sind noch immer glücklich.

Splashcomics: Sie haben auch Comics für Marvel gezeichnet, eines davon ist jetzt in Deutschland erschienen. Haben Sie davon immer geträumt?

Giorgio Cavazzano: Ja. Und auch hier ist es so, dass die Freunde Einfluss auf Deine Entscheidungen haben. Meine Frau ist auf Murano geboren worden, eine Insel, auf der man viel mit Glas arbeitet und meine Schwägerin erzählte mir von dieser wahren Geschichte. Die venezianischen Dogen hatten Killer zu ihrer Verfügung, die dafür sorgten, dass Menschen, die das Wissen über die Glasherstellung erlernt hatten, nicht nach Frankreich, Deutschland oder in die Tschechei auswanderten. Von diesem Punkt aus hat sich eigentlich alles entwickelt. Ich habe mit Tito Faracci gesprochen und der war gleich Feuer und Flamme, meinte klar, machen wir daraus eine große Geschichte. Danach haben wir mit den Verantwortlichen von Panini bzw. Marvel in Italien gesprochen und Enrico Funaroli wurde dann zum Redakteur auserkoren. Die Geschichte hat den Amerikanern auch gefallen und so haben wir uns an die Arbeit gemacht. Spider-Man ist ein Charakter, der uns allen ähnelt und sein Erfolg ist sicher verdient. Er hat eben so seine Probleme und ist psychisch sehr zerbrechlich, ganz wie wir. Und deswegen hat es mir auch so sehr gefallen ihm meinen ganz eigenen Stil aufzudrücken. Alles ist etwas runder. Was ich aber sehr schwierig fand, war meine Stadt zu zeichnen. Ich kenne meine Stadt sehr gut, ganz klar. Aber mir ist aufgefallen, dass anderen Zeichner es sehr viel einfacher gefallen ist die Stadt zu beschreiben. Ein bisschen wie Buchautoren, die Venedig so wie nur wenige beschreiben. Nur mal so als Beispiel: Joseph Brodski hat ein Buch über Venedig geschrieben, das nicht sehr dick, aber dafür unglaublich gut geschrieben ist. Wenn man es liest, weiß man, dass man zwar immer dort gelebt hat, aber nie ganz begriffen hat, was die Stadt ausmacht - außer vielleicht der Duft des Salzes.

Splashcomics: Was ist besonders schwierig in Venedig zu zeichnen?

Giorgio Cavazzano: Die Teile, die nicht vom Tourismus erschlossen sind, die Teile, die normaler sind. Es ist sehr schwierig die Dekadenz Venedigs und den Reichtum der Paläste zu zeichnen. Es ist sehr schwierig den typischen Veniziano zu zeichnen und eine Person, die nur zu Besuch ist. Venedig ist eine gekenterte Stadt, eine Stadt, die einen ständig verwirrt und die einem zwischen den Fingern zerrinnt, die nie gleich ist und für mich ist das sehr kompliziert.

Splashcomics: Man kann natürlich nicht alle Venezianer als Gondoliere zeichnen...

Giorgio Cavazzano: Nein, natürlich nicht. Es ist wirklich kompliziert. Viele Menschen erwarten vielleicht, dass ein Veneziano es in einer besonderen Manier fertig bekommt seine Stadt zu zeichnen. Aber das ist nicht einfach. Viele haben das besser hinbekommen als ich, zum Beispiel einige Franzosen.

Splashcomics: Aber die leben nicht in Venedig...

Giorgio Cavazzano: Siehst Du. Sie sehen die Stadt in der richtigen Art und Weise, vielleicht sind sie aufmerksamer. Für uns ist es eben normal den Marmor zu sehen oder den Rost, aber man muss einfach wissen, wo man diese Versatzstücke richtig einsetzt.

Splashcomics: Einmal von den Comics für Marvel abgesehen, was haben Sie sonst so außerhalb der Disney-Welt veröffentlicht?

Giorgio Cavazzano: Also ich habe gleichzeitig bei Disney angefangen und habe auch meine eigenen Charaktere erfunden. Natürlich erinnere ich mich an meine ersten Charaktere, denn die vergißt man nie. Die hießen Oscar und Tango und es waren zwei Hunde, die ziemlich einfach gezeichnet waren und ich habe sie für einen kleinen Verleger in der Nähe von Padova - Padovana - gezeichnet. Dann bin ich zum "Corriere dei piccoli" gekommen, wieder mit neuen Charakteren. Dann kam der "Corriere dei ragazzi" zusammen mit Tiziano Sclavi und Natalia Johnson. Parallel dazu habe ich Capitan Rogers für "Giornalino" erfunden und auch etwas erotisches für den Playboy...

Splashcomics: Für den Playboy?

Giorgio Cavazzano: Ja, aber für den italienischen Playboy. Das war aber am Ende der Veröffentlichung durch Rizzoli. Die haben mir also den Auftrag dafür gegeben. Es war eine sehr fordernde Arbeit in Farbe. Ich habe die ersten vier Seiten gemacht und abgegeben und sollte jeden Monat eine Seite zeichnen. Und genau da hat sich Hugh Hefner dazu entschieden Rizzoli die Lizenz zu entziehen und an Mondadori abzugeben. Und alles was schon produziert worden war, wurde erst einmal blockiert.

Splashcomics: Gibt es die Seiten noch, wurden sie irgendwann veröffentlicht?

Giorgio Cavazzano: Ja, in einer anderen Erwachsenenzeitung und die Seiten sollen jetzt in einem Sammelband erscheinen, der den Titel "Erotik in Italien" trägt. Darin sind alle Zeichner enthalten, die irgendetwas in diese Richtung gemacht haben. Und da werden dann auch meine Zeichnungen mit dabei sein.

Splashcomics: Sind ihre ersten Charaktere irgendwann noch einmal herausgekommen?

Giorgio Cavazzano: Nein, das sind alte Sachen und ehrlich gesagt und ich sehe sie mit ein wenig Zärtlichkeit, mit der man Kreationen betrachtet, die 40 Jahre alt sind. Und es ist besser, sie dort zu lassen.

Splashcomics: Ich hatte ja auch Kontakt mit Massimo Fecchi, wie ich Ihnen ja schon gesagt hatte. Und er hat seinen ersten Charakter, den Globulo Rosso irgendwann neu gezeichnet. Haben Sie darüber im Zusammenhang mit Oscar und Tango auch schon nachgedacht?


Giorgio Cavazzano: Nein, ich glaube, dass die Charaktere ein Eigenleben führen. Sie neu aufzulegen wäre falsch, wäre - auch wenn mir der Ausdruck nicht gefällt - wie das Aufwärmen einer Suppe. (lacht)

Splashcomics: Welcher Charakter aus der Welt der Ducks und der Mäuse gefällt Ihnen am Besten?

Giorgio Cavazzano: Bis vor kurzem haben mir vor allem Donald oder sein trotteliger Vetter besonders gefallen und sie gefallen mir noch immer. Aber vielleicht liegt es an meinem Alter - ich bin ja schon recht alt - jetzt ist es Micky Maus. Die Zeichner sollten sich viel mehr um diesen unglaublichen Charakter kümmern. Er versprüht eine besondere Poesie und ist ein sehr schwieriger Charakter und deswegen sollten seine Geschichten vor allem Zeichnern anvertraut werden, die schon ein paar Jahre auf dem Buckel und eine kreative Kapazität erreicht haben, die anders ist. Er ist kein Charakter, der einfach so über den Haufen geworfen werden sollte. Ich gebe Dir ein Beispiel: Wenn der Schnabel von Donald etwas breiter ist, weil die Zeichner etwas übertreiben ist das eine Sache. Wenn Du dasselbe mit Micky probierst, dann wäre er nicht mehr er selbst. Und das ist eben das Schwierige an ihm. Er ist ein wenig wie ein Schauspieler. Die großen Schauspieler übertreiben ihre Darstellung nicht, bewegen sich nicht ständig oder schneiden Grimassen. Sie haben ihren eigenen Charakter. Und genauso ist Micky.

Splashcomics: Wie viele Seiten zeichnen Sie jeden Tag?

Giorgio Cavazzano: Durchschnittlich zwei Bleistiftseiten am Tag. Ich zeichne nur zwei, ich könnte mehr zeichnen. Aber wenn man am Zeichentisch übertreibt, dann wären die dritte oder vierte Seite etwas was man erzwingt und auch grafisch gesehen würde es mir nicht gefallen. Und daher ziehe ich es vor aufzuhören, wenn ich noch wach genug bin.

Splashcomics: Und wie viele Seiten haben Sie bisher gezeichnet?

Giorgio Cavazzano: Oh je, das weiß ich nicht. Im Moment sind es durchschnittlich 300 bis 350 Seiten im Jahr. Ich zeichne jetzt seit fast vierzig Jahren. Das ist also schon ganz schön viel. (Anmerkung der Redaktion: bei 325 Seiten im Jahr dürften das inzwischen 13.000 Seiten sein)

Splashcomics: Wenn Sie ein Comic zeichnen, was wird von Ihnen gemacht und was von Anderen?

Giorgio Cavazzano: Was die Geschichten für Disney anbelangt, also nicht die Cover, sondern nur die Geschichten, habe ich einen Mitarbeiter, Alessandro Gemolin, der mein Assistent ist. Er löst kleinere Probleme in den Zeichnungen, auch bei Zeichnungen, die zu schnell entstanden und noch nicht fertig sind. Er ist nicht kreativ tätig, aber er ist ein unglaublich professioneller Zeichner.

Splashcomics: Massimo Fecchi hat ein eigenes Zeichnerstudio. Haben Sie jemals dran gedacht selber ein solches Studio auf zumachen?

Giorgio Cavazzano: Nein, ich bin ein Solist. Ich würde es nie fertig bekommen mit jemandem an meiner Seite zu zeichnen. Das würde die Intimität zerstören, die ich benötige um zu zeichnen. Mein Zeichenraum ist drei mal drei Meter groß, vollgestopft mit Büchern, Geschenken und anderen Dingen. Deswegen muß ich auch schlank bleiben, sonst würde ich gar nicht mehr rein kommen. Ich liebe diese Intimität.

Splashcomics: Gibt es irgendeinen Zeichner bei Disney, der einen Einfluss auf ihre Arbeit hatte?

Giorgio Cavazzano: Romano Scarpa auf jeden Fall. Mir gefiel auch immer Tagliaferro und was Micky Maus anbelangt, rate ich allen jungen Zeichnern, die anfangen, sich Pulmuri anzusehen. Pulmuri ist ein großer Meister, der vielleicht wenig wiedererkannt wird.

Splashcomics: 2005 haben Sie bei einem Rekordversuch auf der Comicmesse in Lucca teilgenommen, bei dem drei Szenaristen und gut 35 Disneyzeichner den längsten Comicstrip der Welt gezeichnet haben. Das waren 240 Panels mit einer Länge von über 200 Metern Länge. Erzählen Sie uns ein bisschen von dieser Geschichte.

Giorgio Cavazzano: Das ist ganz lustig entstanden. Aldo Ragazzi, der der Verantwortliche bei Walt Disney Italien ist, träumte davon etwas Schönes und Unterhaltendes zu erschaffen. Über den Guinessrekord hinaus, hat er es geschafft sehr viele Zeichner wieder einmal zusammenzubringen und diese auch noch viel Spaß haben zu lassen, die sich sonst nur sehr selten sehen und oft auch sehr weit auseinander wohnen. Einmal im Jahr trifft man sich zu einem großen Redaktionsmeeting. Hier haben wir alle eine besondere Situation miterlebt und das in einer sehr lockeren und fröhlichen Atmosphäre. Wenn einer der Zeichner mit seiner Zeichnung fertig war, ging er zu den anderen Zeichnern an seiner Seite und half ihnen bei der Fertigstellung oder gab einen Tipp oder kümmerte sich um die Bleistiftzeichnung oder inkte die Zeichnung. Eine wundervolle Zusammenarbeit ist dabei entstanden, die neben dem Guinessrekord, der sicher wichtig ist, etwas einzigartiges geschaffen hat. Etwas was wohl nicht so schnell noch einmal erreicht werden kann.

Splashcomics: Aber die Intimität, die Sie ja lieben, die gab es da nicht.

Giorgio Cavazzano: (lacht) Nein, in dem Fall nicht. Wir waren alle im Hof der Messe. Ein bisschen kam es mir wie in einer Arena vor. Natürlich mit Zuschauern, denn die sind da an uns vorbei gegangen und konnten das Blatt, auf dem Du gezeichnet hast, direkt berühren. Manchmal ist der Kontakt mit den Leuten notwendig. Besonders bei solche einer Arbeit, bei der Du autonom arbeitest. Da hast Du keine Ahnung davon, wer das ließt. Wie ist Dein Leser gestrickt, was denkt jemand, der diese Comics liest? Und vor allem der noch dafür bezahlt, in die Bücherei geht und sich Deine Arbeit kauft. Die Zufriedenheit des Lesers, des Fans, ist die Motivation für meine Arbeit. Und daher ist es auch fundamental wichtig den Fans ab und zu zu begegnen. Deswegen mache ich auch gerne an diesen "Tour de France" mit, auch wenn sie anstrengend sind. Es ist einfach schön die leuchtenden Augen, den Ausdruck im Gesicht zu sehen, die dabei zusehen, wenn Du eine Figur erschaffst.

Splashcomics: Wie vorhin, als Sie am Ehapa-Stand den Donald mit dem Fußballbauch gezeichnet haben...

Giorgio Cavazzano: Gott sei Dank ist mir eine Idee dazu gekommen. Das ist gar nicht so einfach, denn jeder will ja eigentlich eine Zeichnung für sich, die ganz speziell etwas für ihn bedeutet. Da kannst Du nicht immer dasselbe wiederholen. Das wäre einfach, das wäre zu einfach. Gerade das ist dann anstrengend. Mal gelingen einem die Figuren besser, mal schlechter. Wichtig ist alle zufrieden zu stellen.

Splashcomics: Welche Fans sind enthusiastischer? Die von Marvel oder die von Disney?

Giorgio Cavazzano: Klar sind die Disneyfans die Wichtigsten. Aber ich würde sagen das Verhältnis liegt bei 60:40 für die Disneyfans.

Splashcomics: Wenn Sie in die Vergangenheit zurückkehren könnten, wäre da irgendwas, was Sie gerne ändern würden?

Giorgio Cavazzano: In meiner Arbeit?

Splashcomics: Arbeit, Leben, vollkommen egal.

Giorgio Cavazzano: Ich wäre in meiner Jugend gerne in die USA gegangen. Ich hatte immer eine Passion für ein Comicmagazin: Mad Magazine. Und vor vielen Jahren habe ich einen Verantwortlichen des Mad Magazin kennen gelernt und habe ihm meine Zeichnungen gezeigt. Der meinte, dass ich vermutlich ohne Probleme für das Magazin zeichnen könnte, aber natürlich hätte mich noch die Redaktion akzeptieren müssen - der schwierige Part bei der Sache. Als ich das meiner Mutter gesagt habe, kamen dabei große Probleme heraus und ich habe mich dafür entschieden in Italien zu bleiben. Wenn ich also zurückgehen könnte, würde ich diese Reise auf mich nehmen. Aber trotzdem würde ich immer nach Italien zurückkehren, da ich mich hier wirklich wohl fühle.

Splashcomics: Wann war das?

Giorgio Cavazzano: Oh, ich war da so um die 18 Jahre alt, also es ist sehr lange her.

Splashcomics: Ich bedanke mich ganz herzlich bei Ihnen für dieses ausführliche Interview, es war wirklich sehr schön.


Special vom: 03.07.2006
Autor dieses Specials: Bernd Glasstetter
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