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Comic-Besprechung - Caravaggio: Mit Pinsel und Schwert

Geschichten:

Caravaggio: Mit Pinsel und Schwert

Text und Zeichnungen: Milo Manara

Farben: Simona und Milo Manara



Meinung:

Ein Comic über den italienischen Künstler Michelangelo Merisi (1571-1610), den man heute vor allem unter seinem Herkunftsnamen Caravaggio kennt, dürfte kein Bestseller werden. Dass Milo Manara ihn gezeichnet hat, ändert daran nur wenig. Denn Manaras Stammpublikum, das ihn seiner immergleichen lasziven und halbnackten Mädchen wegen bewundert, kommt hier kaum auf seine Kosten. Klar, es gibt auch in „Caravaggio“ die Manara-Lolita mit dem Stupsnäschen, den sinnlichen Lippen und den überlangen Beinen, und das - wie üblich - gleich mehrmals. Da ist etwa ein namenloses römisches Freudenmädchen, deren prachtvolles nacktes Gesäß dem jungen Caravaggio – so will es Manara – erstmals die Augen über das Verhältnis von Licht und Schatten öffnet. Ein ähnlich formschöner Hintern gehört der rothaarigen Hure Anna, und es ist genau dieser Hintern, mit dem Caravaggio später, in seinem Gemälde „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“, den im Vordergrund fiedelnden Engel ausstattet, weil ihm das schmale Derrière des posierenden Knaben nicht genügt. Nur leider besteht sein Mäzen, der feinsinnige Kardinal del Monte, darauf, das nicht gerade zur religiösen Kontemplation anstiftende Hinterteil zu übermalen. Caravaggio gibt sofort nach, nicht ohne anschließend, als sein Herr fort ist, auf den Po seines schönen weiblichen Modells zu klapsen und auszurufen: „Eine Schande, dass ich diesen hübschen Hintern übermalen musste!“ Auch diese Szene ist Manaras Erfindung, und sie dürfte seinen Stammlesern, die etwa den Bilderbogen „Die Kunst, den Hintern zu versohlen“ schätzten, wiederum sehr gefallen. Alles in allem aber ist „Caravaggio“ weder ein erotischer noch gar ein pornographischer Comic, auch wenn das Hinternversohlen ihn sozusagen leitmotivisch durchzieht. Nein, Manaras „Caravaggio“ hat den Anspruch, eine Künstlerbiographie oder, anders gesagt, ein historischer Comic zu sein.

Zugegeben, bei einem zeichnenden Erotomanen wie Manara macht einem dieser Vorsatz dann doch etwas Angst. Denn Manara ist so wenig ein historisch denkender Mensch wie Alejandro Jodorowsky, mit dem er vor rund zehn Jahren die vierbändige, prachtvoll illustrierte, inhaltlich aber besonders flache „Borgia“-Serie zustande gebracht hat, die mit der historischen Borgia-Familie nicht mehr als den Namen gemeinsam hatte. Auch Manaras letzter großer Ausflug in die Kunstgeschichte im Comic „Zu schaun die Sterne“ von 1999 war eher ein Reigen lustvoll inszenierter Verwandlungen des nackten Körpers der Hauptdarstellerin als eine tiefgründige Auseinandersetzungen mit den herbeizitierten und collagierten Kunstwerken. Ähnliches gilt für den sehr schönen Band „Mein Museum“, worin Manara seinen weiblichen Archetypen (man nenne sie Honey oder sonstwie) die Muse zahlreicher alter und neuer Meister darstellen lässt.

Man darf also nicht erwarten, in „Caravaggio“ auf historische Wahrheiten oder auch nur auf einigermaßen fundierte Fakten zu stoßen. Und trotzdem: Gleich schon im Vorwort des Bandes beteuert der italienische Kunsthistoriker Claudio Strinati – und zwar mehrmals und so, als müsste er einen Vorwurf entkräften, der noch gar nicht geäußert wurde –, dass Manaras Story die „historische Persönlichkeit [Caravaggios] perfekt widerspiegelt“. Man fragt sich, wie ein gebildeter und allem Anschein nach mit einem gesunden Urteilsvermögen begabter Mensch wie Strinati auf solch einen Humbug kommt. Denn was Manara über Caravaggio zu erzählen hat, entspricht im Grunde genommen weitgehend den landläufigen Caravaggio-Legenden aus der Mottenkiste der Kunstgeschichte, darunter zum Beispiel auch jener, Caravaggio habe als Modell für seinen „Tod Mariens“ eine im Tiber ertrunkene Prosituierte benutzt. Bei Manara ist diese tote Prostituierte nun – der geneigte Leser errät es vielleicht schon – das bereits bekannte Derrière-Modell Anna, deren historisches Vorbild übrigens Anna Annuccia Bianchini hieß und, so besagt es eine weitere Caravaggio-Legende, das Modell für Caravaggios Bildnis der Maria Magdalena gewesen sein soll. Kein Wunder, dass Manara dieser historisch kaum zu fassenden Figur im Comic einen schurkischen Zuhälter beigesellt, der – wie sollte es anders sein – den etwas temperamentvollen, aber friedfertigen Caravaggio auf den Tod nicht ausstehen kann. Die Antipathie beruht - natürlich - auf Gegenseitigkeit. Am Ende wird der Maler den schlechten Kerl mit seinem Degen tödlich verwunden – aus Rache dafür, dass der ihm sein liebstes Modell im Tiber ersäuft hat. Mit dieser (ebenfalls unhistorischen) Begebenheit und der Flucht Caravaggios aus Rom im Jahr 1606 endet der Comic.

Damit sind wir auch schon beim größten erzählerischen Fehlgriff Manaras angelangt. Es ist die Liebesgeschichte, die keine ist. Manaras Caravaggio ist - oder soll es sein - ein Künstler mit Leib und Seele, ein ästhetisch Besessener, der beides, das höchste Glück und das tiefste Leid, aus dem künstlerischen Schaffen (und dessen Scheitern) bezieht. Aber Manara gibt sich keine Mühe, diese ambivalente Verstrickung des jungen Künstlers zu analysieren oder für den Leser nachfühlbar zu machen. Stattdessen erliegt er der rothaarigen Versuchung namens Anna, in die er selbst (und sein Zeichenstift) weit mehr verliebt zu sein scheint als sein historischer Protagonist, der wie besinnungslos (oder sollte man sagen: wie am Fließband) ein Bild nach dem nächsten pinselt (der Comic wird denn auch nicht ohne Grund durch die Widmung "Für Annuccia" eingeleitet). Warum Caravaggio derart zu Anna hingezogen ist, warum er am Ende sogar ihretwegen sein Leben und seine geliebte Kunst in Gefahr bringt, bleibt psychologisch völlig unschlüssig. Es gibt schlechterdings kein erotisches Knistern zwischen den beiden, keinen Kuss und nicht die geringste Andeutung körperlicher Nähe. Nur einmal umarmt die nackte Anna ihn von hinten, während er vor der Leinwand steht und malt, aber auch da fehlt jede Leidenschaft, die über die bloße Koketterie einer Prostituierten hinausginge. Der leidigen Frage nach Caravaggios sexueller Orientierung, die in der Caravaggio-Forschung ebenso häufig wie ergebnislos gestellt wurde, geht Manara dadurch aus dem Weg, dass er Caravaggios Sexualität einfach zum Verschwinden bringt. Dies aber nimmt dem Comic im Vorhinein ein wichtiges und notwendiges Spannungselement, nämlich eben jenes Spannungsmoment, dass durch die erotische Anziehung und Annäherung zwischen Mann und Frau oder Mann und Mann wie von selbst eintritt. Es ist schon paradox: Manara, der Großmeister des erotischen Comics, hat einen Comic gezeichnet, dessen Hauptfigur in erotischer Hinsicht vollkommen unenmpfänglich und - Genie hin oder her - uninteressant ist. Dass er Kunst fürs Volk machen wollte, 'wahre' Kunst, und an diesem Anspruch schwer und immer schwerer zu knabbern hat - wen juckt das schon, wenn er ansonsten eine sterbenslangweilige Figur ist?



Fazit:

Erzählerisch und figurenpsychologisch, so muss man leider resümieren, ist Manaras „Caravaggio“ schon in diesem ersten Band deutlich neben der Spur. Die Zeichnungen allerdings sind – wie fast immer bei Manara – wunderschön anzusehen, auch wenn sie für seine Verhältnisse eher sparsam koloriert sind (seine Tochter Simona hat die von ihm mit Kugelschreiber und Füllhalter gezeichneten und mit grauer Aquarellfarbe ausgemalten Panels digital eingefärbt). Wer also Manara mehr als Illustrator denn als Comiczeichner bewundert, kann hier bedenkenlos zugreifen und ein reizvolles Artbook erwerben, in dem zu blättern immer wieder Freude bereitet. Wer hingegen einen guten Comic lesen will, sollte sich die Sache vorher gründlich durch den Kopf gehen lassen. Ein guter Erzähler ist der Künstler Milo Manara nämlich auch mit diesem Comic nicht geworden.



Caravaggio: Mit Pinsel und Schwert - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Caravaggio: Mit Pinsel und Schwert

Autor der Besprechung:
Marco Schüller

Verlag:
Paninicomics

Preis:
€ 16.99

ISBN 10:
395798386X

ISBN 13:
978-3957983862

60 Seiten

Caravaggio: Mit Pinsel und Schwert bei Comic Combo Leipzig online bestellen
Positiv aufgefallen
  • Die hinreißenden Zeichnungen Manaras, die jedem Freund des frühbarocken Roms das Herz höher schlagen lassen
Negativ aufgefallen
  • Der psychologisch und erzählerisch schlecht motivierte Plot, der richtungslos vor sich hin dümpelt
  • Das Recycling längst vermüllter Caravaggio-Legenden
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Rezension vom: 18.09.2015
Kategorie: Alben
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