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Comic-Besprechung - Nachtstück

Geschichten:

Nachtstück

Autor / Zeichner: Jimmy Beaulieu



Story:
Zwei junge Frauen  haben mit einem männlichen Komplizen einen Raubzug erfolgreich unternommen. Auf der Flucht mussten sie sich allerdings trennen. Nun warten die Mädchen in einem Hotel auf ihren Komplizen und erzählen sich in der Zeit Geschichten.

Meinung:
Der kanadische Autor und Zeichner Jimmy Beaulieu fiel letztes Jahr mit seiner Graphic Novel Ein philosophisch-pornographischer Sommer mit Wucht auf dem deutschen Markt auf. Es war sein erstes auf Deutsch veröffentlichtes Werk und man rieb sich angesichts der hohen Qualität staunend die Augen. Völlig zu recht war der Band nicht nur bei den Kritikern, sondern auch beim Publikum ein großer Erfolg. Kein Wunder also, dass nun ein weiterer Beaulieu herausgebracht wird. Und was soll man sagen: man kann nur hoffen, dass noch viele, viele weitere folgen, denn auch Nachtstück überzeugt auf ganzer Ebene.

Dabei ist er trügerisch ruhig und scheint weniger spektakulär zu sein als der Vorgänger. Aber er hat es in sich. Nur die eigentliche Rahmenhandlung gibt dem ganzen etwas leicht behäbiges, denn auf der eigentlichen Storyebene tut sich ja so gut wie gar nichts: zwei Frauen warten in einem Hotelzimmer auf ihren männlichen Komplizen und erzählen sich aus Langeweile Geschichten. Ist diese eigentliche Story also ziemlich unaufgeregt, entwickelt sie dennoch eine ungeheure Spannung. Wobei es Beaulieu sehr geschickt macht. Denn die Spannung entsteht durch zwei vollkommen unterschiedliche Handlungsstränge. Da wäre zum einen das Schicksal des Komplizen der etwas Action heranbringt und zum anderen ist die Spannung auf der emotionalen Ebene zu finden. Beaulieu versteht es wie kaum ein zweiter, eine erotische Spannung zu erschaffen. Und das, ohne jemals vulgär oder obszön zu werden. Die Erotik, die sich zwischen den beiden Frauen entwickelt, knistert wahrlich auf den Seiten und auch wenn einzelne Sequenzen explizit sind, so das hat doch niemals etwas Pornographisches.

Aber als ob das noch nicht reichen würde, gibt es sogar noch eine dritte  spannungssteigernde Ebene.
Beaulieu spielt nämlich geschickt mit den Erwartungen der Leser und der Protagonisten. Nicht nur was die erotische Anziehungskraft anbelangt hält man den Atem an, sondern auch jede einzelne, von den Frauen erzählte, Geschichte hat ihre eigene Spannung, und der Autor spielt mit den Erwartungen und Kenntnissen der Leser. So strotzen die Anekdoten vor Anspielungen. Allein durch das Vorwissen des Betrachters spiegeln sie dann auch die jeweilige Befindlichkeit nicht nur der Erzählenden wieder, sondern auch den Status der sich verändernden Gesamtsituation. Mit dem Vorwissen des Lesers werden sie immer mit zusätzlicher Bedeutung angefüllt. So sind sie weit mehr als nur die Spiegelung der Emotionen und der Träume der Fantasierenden. Vor allem die erste Erzählung eröffnet einen Kreis, der mit dem letzten Panel symbolisch geschlossen wird. Der beschworene Riese ist ein Zyklop des antiken Sagenmilieus. Allein schon die Einäugigkeit liefert vielerlei Interpretationsmöglichkeiten in diesem Zusammenhang, aber wenn das letzte Panel gewisse Tiere zeigt, so können sie dann als der antike Cerberus angesehen werden. Somit wird nicht nur alles rund, sondern es verweist mit dem Rückgriff gar auf Traditionen. Nicht nur anhand des Erzählens an sich, sondern auch durch die  jeweilige Dramaturgie. Alle Erzählungen werden zu klassischen Sagen und man kann nichts erzählen, ohne Rückgriff auf etwas anderes vorzunehmen. Und seien es Genres oder Archetypen. So strotzt alles vor Verweisen. So gibt es etwa eine weibliche Diebin die über die Dächer huscht. Der geneigte Comicleser denkt dann natürlich an Catwoman, aber gleichzeitig an die französische Tradition des Abenteuerromans und man denkt dann Cartouche und Kumpanen. Gleichzeitig atmet die lüsterne Stadt Paris hier den Geist von Größen wie Henry Miller und Anais Nin. In einer weiteren Episode kommt ein feministischer Mad Max vor und, und, und. Wie die beiden Gangsterbräute an einer Stelle selber sagen, fungieren sie wie Scheherezade in den Märchen aus 1001 Nacht und geben somit einen generellen Kommentar zu den Comics ab.

Dabei werden die Erzählungen immer konterkariert von den realen Geschehnissen des eigentlichen Erzählstranges, wobei dann gerade das letzte Panel eine ungeheure Wucht entfaltet.

Nachtstück ist ein prall gefülltes Wunderhorn, dessen jede einzelne Seite so viel enthält, wie sonst kaum ganze Bände. Dieser toll gezeichnete Band ist ein wahres Meisterwerk und mit Beaulieu ist ein neuer Star am Himmel des Comics zu finden, der ganz in der Linie eines Bastien Vives steht und mit leichten Andeutungen und stark reduziertem Strich doch enorm viel ausdrücken kann. Ein moderner Klassiker.

Fazit:
Beaulieu legt mit seinem zweiten Band schon wieder ein Meisterwerk vor. Nachtstück ist ein prall gefülltes Wunderhorn, dessen jede einzelne Seite bisweilen mehr enthält als sonst ganze Bände. Scheinbar mit leichtem Strich hingeworfen und von der Story her unauffällig, strotzt doch der Band vor Anspielungen, Spannung und knisternder Atmosphäre. Fantastisch.

Nachtstück - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Nachtstück

Autor der Besprechung:
Jons Marek Schiemann

Verlag:
Schreiber und Leser

Preis:
€ 14,95

ISBN 10:
3943808114

ISBN 13:
978-3943808117

111 Seiten

Positiv aufgefallen
  • Spannung
  • knisternde Atmosphäre und Erotik
  • sehr gute Zeichnungen
  • viele Zitate und Anspielungen
  • geradezu ein Metatext, der dennoch zu unterhalten weiß
Negativ aufgefallen
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Rezension vom: 17.06.2013
Kategorie: Rezensionen
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