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Comic-Besprechung - Neonomicon

Geschichten:
Alan Moore’s The Courtyard 1 – 2; Neonomicon 1 - 4
Autor:
Alan Moore
Zeichner: Jacen Burrows
Farben: Juanmar

Story:
Es geschehen grausige Ritualmorde, die alle auf die gleiche Weise, aber von vollkommen unterschiedlichen Personen begangen wurden. FBI- Agent Aldo Sax versucht diesen Vorkommnissen auf den Grund zu gehen und gerät dabei in eine Szene, die sich der Motive Lovecrafts bedient, vor allem des Cthulhu-Mythos. Ob er bereit ist in Welten einzutauchen, die ihn in den Wahnsinn treiben könnten?

Nach dem Verschwinden von Aldo Sax macht sich Agent Merril Brears mit ihrem Partner auf die Suche und versucht hinter die Geheimnisse zu kommen, die sich anscheinend um einen exzentrischen Drogenhändler namens Johnny Carcosa drehen. Um mit ihren Ermittlungen weiter zu kommen müssen die beiden Agents allerdings tiefer in die Szene eindringen. Dort erwarten sie jedoch Dinge, die sie in ihren schlimmsten Alpträumen nicht erwartet hatten. Für Merril beginnt eine Zeit der Angst und Torturen.


Meinung:

Hier kommt er nun der Lovecraft-Comic mit Tentakel-Sex. All dass, was sich der verklemmte und eigenwillige Autor zu seiner Zeit nicht traute vor dem inneren Auge des Lesers zu offenbaren, präsentiert uns nun Alan Moore in seiner ganzen Abscheulichkeit. Ein bisschen Voyeurismus spielt da natürlich auch mit, zumindest auf Seiten des Lesers. Aber welche Ausrede hat der Autor Moore selber?

Wenn es einen Autor gäbe, der H.P. Lovecraft in die Moderne interpretieren könnte, dann ist es jedenfalls Alan Moore. Natürlich immer vorausgesetzt Geschichten wie Der Fall des Charles Dexter Ward, Die Farben des Alls oder Berge des Wahnsinns benötigen in ihrem zeitlosen Horror überhaupt so etwas wie eine Neudefinition. Allzu sehr werden die Vorstellungswelten Lovecrafts bereits in die Moderne hinüber gewandert und zu so etwas wie Allgemeingut geworden sein. Wer könnte nicht etwas mit dem Necronomicon anfangen?

Neonomicon (ohne das „cr“) ist jedenfalls Alan Moores Herangehensweise, die sich eindeutig auf die blasphemischen Rituale stürzt, die Lovecraft zwar immer andeutet, aber niemals explizit von ihnen erzählt. Eine etwas einseitige Fixierung will man meinen und liegt damit gar nicht mal allzu falsch. Doch der Reihe nach, denn eigentlich besteht Neonomicon aus zwei Geschichten, die zwar zusammenhängen und aufeinander aufbauen, ansonsten aber durchaus Gegensätzliches des Konzeptes herauskehren.

Von blasphemischen Ritualen ist jedenfalls in den ersten beiden Kapiteln, die im Original die Geschichte Alan Moore’s The Courtyard umfassten, nicht allzu viel zu sehen. Recht so, umfassen sie doch gerade den eher klassisch gehaltenen Handlungsbogen, der stimmungsvoll die Motive Lovecrafts aufgreift. Wie so oft bei dessen Geschichten beginnt es mit den Nachforschungen einer Person, die hinter das Geheimnis merkwürdiger Vorkommnisse gelangen möchte. Viele Hinweise beschränken sich auf Andeutungen, die den großen Schrecken zwar flüchtig und unbewusst erahnen lassen, aber stets im Augenwinkel des Betrachters bleiben ohne ins Licht zu treten. Dadurch entwickelt sich eine spannende Atmosphäre, da man immer glaubt hinter den Schleier schauen zu können, dieser sich dem Enthüllen aber immer wieder entzieht.

The Courtyard greift auch sehr genau die asozialen Tendenzen Lovecrafts auf und seinen auch in den Werken durchscheinenden Rassismus. Denn Hand aufs Herz, der gute Mann war alles andere als ein Hedonist und Menschenfreund. Selbst für seine Zeit befand er sich in einem äußerst einseitigen und auf eine innere Verkrampftheit schließendem Denken. Für den Anbruch der Neuzeit sowie für Städte im Besonderen hegte er eine Verachtung, die ans Irrationale grenzte. Wer einmal manche seiner Beschreibungen der Menschen von New York (insbesondere der Einwanderer) gelesen hat, der versteht, was gemeint ist. Unglaublich intensive Texte, in denen sein Hass jedoch unverhohlen zum Ausdruck kommt. The Courtyard traut sich nicht ganz so viel in diese Richtung, aber der allgemeine Tenor wird unterstrichen.

Für den langen Spannugsaufbau wird man schlussendlich mit Sequenzen belohnt, die tief in den Kosmos der großen Alten greifen und eine Welt aufreißen, die hinter der unseren liegt. Die flüchtigen Ausblicke überzeugen und wirken durch den zuvor sparsamen Umgang mit dem Fantastischen noch fremdartiger und bedrohlicher. Zeichner Jacen Burrows setzt diese Wahnsinn gebierenden Szenen mit echter Freude um, nachdem er einen Stil zuvor betont nüchtern hielt. Die Absonderlichkeiten stechen wie kleine glühende Kohlen heraus, folgen also genau der Stimmung. Wunderlich nur, dass sein Stil manchmal an Steve Dillon erinnert. Folgerichtig entwickelt sich die Handlung danach weiter und schließt formgültig den Kreis zum Beginn.

Die folgende und vielleicht umstrittenere Geschichte Neonomicon ist dagegen zwar auf mehr Teile angelegt, schafft es allerdings nicht diesen Raum auch adäquat mit der Story zu füllen. Zuviel Zeit wird auf die anrüchigen Abschnitte gelegt, allen voran die Vergewaltigungsszene, mit der auf dem Back-Cover so geworben wurde. Ob dies schon unappetitlich ist, mag jemand anderes entscheiden. Kritikpunkte wirft die ganze Geschichte bei anderen Aspekten auf. Zum einen bietet die Handlung wie gesagt nicht viel. Erst auf den letzten Seiten scheint sie erst richtig loszugehen. Aber da wo Lovecraft eigentlich erst ansetzen würde, hört Moore schon auf. Zum anderen verbreiten die blasphemischen Rituale und ihre Teilnehmer den Charme von Swingerclubgänger aus der Vorstadt. Wenn die Verehrungen für Cthulhu so aussehen sollen, dann gute Nacht Große Alten. Solche Fans braucht und will keiner.

Schließlich und am kritikwürdigsten fällt der absolut oberflächliche und wenig sensible Umgang mit der Vergewaltigung einer Frau auf. Dass das Thema für einen Comic nicht tabu sein soll oder darf ist klar. Doch man sollte sich die Situation vor Augen führen. Die Hauptfigur Merril Brears handelt im Comic teilweise, wie in einem schlechten Porno. Immer wieder kommt sie auf ihre Sexsucht zu sprechen und trägt ihre damit einhergehende Oberflächlichkeit streckenweise unangenehm vor sich her. Dann wird sie von einem Fischwesen mehrfach vergewaltigt und wieder reagiert sie, wie man es eher bei einem Porno erwarten würde. Kaum ein Anzeichen von Schock, schnelles Einfügen in die Lage und Halluzinationen, in denen sie so schlaue Sachen sagt, wie: „Ich bin echt eine dreckige Hure. Meine Möse ist selbst jetzt nass.“ Die Vergewaltigung nimmt sie also relativ gelassen hin und kümmert sich letztlich sogar um einen zünftigen Handjob für den Fischmann, als ihre Vagina versagt. Man schlägt beim Lesen die Hände über dem Kopf zusammen bei so wenig Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. So etwas vom Autor der Watchmen, der Liga der außergewöhnlichen Gentleman und Lost Girls, um nur einige zu nennen??

Hätte er auf diesen ganzen Sex-Klimbim verzichtet oder etwas weniger betont, hätte eigentlich eine ganz solide Geschichte entstehen können, doch vermutlich um die Hälfte kürzer. Und es hätte dem Ganzen gut getan. Einige Elemente passen nämlich. Moore spielt mal wieder mit der Vierten Wand und schafft es allein mit Andeutungen das Grauen und die Fremdartigkeit der Großen Alten auf subtilen Wegen zum Leser zu transportieren. So wie er jedoch ist, scheint der Comic (zumindest der zweite Handlungsbogen) höchstens eine Ausrede gewesen zu sein, um besagten Sex mit großen, schleimigen Monstern darzustellen. Erheblich zu wenig als Existenzberechtigung.

Selten wird also etwas so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Bei allem Gefallen oder Nichtgefallen kann man der Geschichte wenigstens eines attestieren. Lovecraft gewinnt nahezu nichts durch eine expliziertere Darstellung von Teilaspekten. Im Gegenteil geht einiges von der außerweltlichen Atmossphäre verloren, die seine Arbeiten, insbesondere im Cthulhu-Mythos, aus jeder fiebrig-schwitzenden Pore verströmten. Wer wirklich mal mehr über den Autor erfahren möchte, der kann sich das kleine Büchlein Gegen die Welt, gegen das Leben: H. P. Lovecraft von Michel Houllebecq zu Gemüte führen und wird sicherlich einen besseren Einblick in das Denken und das Werk dieses Autors bekommen. Im Englischen gibt es eine verdammt schick aufgemachte Ausgabe davon, zusammen mit zweien seiner Geschichten: Call of the Cthulhu und The Whisperer in Darkness.



Fazit:
Eine Annäherung an Lovecraft hat man schöner und konsequenter bei Hellboy oder B.U.A.P. aus dem von Mignola erdachten Kosmos ersehen. Während die erste Geschichte noch sehr stimmungsvoll Motive von Lovecraft aufweist, dient der Cthulhu-Mythos bei der zweiten lediglich als mal mehr, mal weniger dünner Rahmen für eine Vergewaltigungsszene, die in ihren Konsequenzen erschreckend naiv dargestellt ist. Nur für Interessierte oder Voyeuristen.


Neonomicon - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Neonomicon

Autor der Besprechung:
Alexander Smolan

Verlag:
Paninicomics

Preis:
€ 16,95

ISBN 13:
978-3-86201-191-9

160 Seiten

Positiv aufgefallen
  • schicke Lovecraft-Motive
  • guter Auftakt mit The Courtyard
Negativ aufgefallen
  • Vergewaltigung als Selbstzweck
  • Autor beweist wenig Fingerspitzengefühl
Die Bewertung unserer Leser für diesen Comic
Bewertung:
3
(1 Stimme)
Bewertung
Du kannst diesen Comic hier benoten.

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Rezension vom: 16.10.2011
Kategorie: One Shots
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Unser Leser gabe schreibt dazu:Note: 3
Hatte null Ahnung was mich erwarten würde...
Ohne Kenntnisse der Handlung kaufte ich dieses Machwerk für magere 2,30 Euro.

Der Einstieg ist für meinen Geschmack echt super gelungen. Bis zum Zeitpunkt der Swingerparty fühlte ich mich toll unterhalten. Dann fragte man sich aber des Öfteren ob man das wirklich braucht.

Wie auch in der Rezension von splashcomics.de geschrieben wurde ist das Verhalten nach der Vergewaltigung zu keinem Zeitpunkt nachvollziehbar. Auch das Ende war nicht wirklich zufriedenstellend. So bleibt am Ende ein okayes Lesevergnügen. Aber hey, ich wäre enttäuschter wenn ich den Vollpreis gezahlt hätte. ;)