Comic-Besprechung - Die Plastikmadonna
Geschichten:
Plastik-Madonna Autor: Pascal Rabaté, Zeichner, Inker: David Prudhomme, Colorist: David Prudhomme, Isabelle Merlet & Jean-Jaques Rouget
Story:
Bei Familie Garnier hängt der Haussegen schief. Großmutter Émilie und Großvater Édouard sind schon an gewöhnlichen Tagen wie Katz und Hund, doch als die abergläubische Katholikin Émilie von einer Wallfahrt eine Marienfigur ins Haus bringt und diese demonstrativ auf dem Fernsehgerät platziert, erklärt der atheistische Kommunist Édouard den Familienfrieden sehr zum Leidwesen der Kinder und Enkel endgültig für beendet. Während die beiden sich nach allen Regeln der Kunst beschimpfen und bekriegen, fängt die Plastikmadonna auf ihrem Fernseher urplötzlich an blutige Tränen zu vergießen. Ob es sich dabei um ein „echtes Wunder“ handelt soll zunächst der lokale Pfarrer und dann sogar Analysten aus dem Vatikan überprüfen.
Meinung:
Die Plastikmadonna – so lautet der Titel der neuen Graphic Novel von Carlsen. David Prudhomme (Rembetiko; Reprodukt) und Pascal Rabaté (Bäche und Flüsse; Reprodukt) präsentieren eine aberwitzige Satire. Der Autor Rabaté richtet sein Vergrößerungsglas, das mindestens die Stärke von Édouards Brillengläsern aufweist, schonungslos auf die französische Mittelschichtfamilie. Das Tohuwabohu um das religiöse Mitbringsel von einer weiteren Wallfahrt Émilies ist nur der Katalysator oder der Durchlauferhitzer für die Konfliktlinien innerhalb der Familie Garnier.
Die gegensätzlichen Großeltern –Kommunist gegen Katholikin – sind sich schon länger spinnefeind und das, auf Kosten vom Rest der Familie, die die ständigen Tiraden der beiden über sich ergehen lassen müssen. In den gewöhnlichen Alltagssituationen offenbaren sich skurrile Verhaltensmuster und Marotten. Rabaté beweist ein hohes Maß an Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen, wenn er die Alltagswelt der Familie, vom spielenden Kleinkind bis zum grummelnden Opa nachzeichnet.
Darüber hinaus verschont er auch die eingefahrenen Strukturen innerhalb einer französischen Provinzstadt nicht: die Neugierde und das Verbreiten von Sensationen wie ein Lauffeuer nimmt der Autor dabei genauso aufs Korn wie die abergläubische Fußballmannschaft oder die lokale Schule. Inhaltlich dreht sich die Geschichte natürlich auch sehr viel um die Themen „(Aber-)Glauben“ und „Wunder“. Zwar wird die Institution des Glaubens im Ansatz karikiert, aber der Autor belässt im Schwebezustand, ob er nun selbst an Wunder glaubt.
Prudhommes graziler Strich passt perfekt zu der skurrilen Geschichte. Die filigranen Zeichnungen schwanken zwischen Eleganz und Ausdruckskraft. Die Figuren sehen so aus, als könnten sei um die Ecke wohnen. Der Zeichner beweist ein großartiges Talent dafür, die entscheidenden Merkmale zu betonen und andere wiederum wegzulassen. Auch die flächige Kolorierung von Pudhomme, Isabelle Merlet und Jean-Jaques Rouget fängt die Atmosphäre der Geschichte in herrlich-dezenten Farbtönen auf.
Fazit:
Die Plastikmadonna unterstreicht die Ausnahmestellung der beiden französischen Comickünstler. Sie stehen mit ihren Arbeiten für dasselbe, was einst die Nouvelle Vague für das Kino bedeutet hat: sie bringen die Realität und den Alltag in die Comicwelt. Das Buch von Prudhomme und Rabaté ist eine witzige und genial bebilderte Graphic Novel.
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