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Comic-Besprechung - SPUNK

Geschichten:
Autor: Gabriel S. Moses, Zeichner: Gabriel S. Moses, Inker: Gabriel S. Moses, Colorist: Gabriel S. Moses

Story:
B lebt in der israelischen Vorstadt Maccabim, zwischen Tel Aviv und Jerusalem, und ist Teil einer kleinen, aber feinen örtlichen Hardcore-Punk-Szene; diese besteht aus jungen Leuten, die gemeinsam ihrer Leidenschaft in allen Ausprägungen nachgehen, Musik hören, sich entsprechende Outfits zulegen, Parties organisieren und Drogen konsumieren. All das, was ihre Altersgenossen in anderen Ländern auch tun, nur daß sie in Israel zu einer besonders obskuren Gruppe zählen. Für B und seine Freunde G und K ist die Szene ein way of life. B ist zudem Fotograf und hält seine Welt in Bildern fest. Beflügelt wird er dabei durch die Liebe zu der 15jährigen JJ, die ihn aufgrund ihrer unkomplizierten Radikalität fasziniert. Doch was JJ anfangs nur ahnt, nämlich daß hinter der äußeren Fassade ein zutiefst unsicheres Wesen steckt, wird schließlich bittere Realität, als sie ihrem Leben selbst ein abruptes Ende setzt.

Meinung:
SPUNK ist weniger eine Graphic Novel im herkömmlichen Sinne als vielmehr „ein ausgesprochen verwirrender und desinformativer Fashion-Katalog ohne sichtbare Etiketten und Preise“ – um es einmal mit den eigenen Worten des 28 Jahre jungen Künstlers Gabriel Moses auszudrücken. Moses, der selbst aus Maccabim stammt, dort großgeworden ist und heute in Berlin lebt, macht es dem Leser nicht gerade leicht. In einer verrückten Mischung aus Zeichnungen, Pseudo-Fotografien, Photoshop-Eskapaden, Blog-Einträgen, Songtexten und einem munteren Durcheinander an Schrifttypen zelebriert er die Grundhaltung der Punk-Ideologie, upgedated für eine Generation, die Johnny Rotten nur noch als Opa kennt der in „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ auftritt.

Moses schert sich genauso wenig um eine Geschichte wie die erste Punk-Generation 1977 um virtuoses Musizieren. Viel wichtiger ist hier die Form, der Versuch eine Haltung in explosive Bilder zu gießen, die dem konservativen Denken der Gesellschaft unverhohlen den Finger zeigt. Das gelingt Moses teilweise sehr gut, wenn Songtexte sich z.B. im Bildhintergrund über Seiten hinweg durchziehen und wie ein Soundtrack zu den Erlebnissen seiner Protagonisten wirken. Oder durch Bilder, die wie fotografische Schnappschüsse aussehen, gleichzeitig realistisch und abstrakt, durch eine monochrome schwarz/weiß/violette Farbgebung und wabernde Unschärfen.

Oft hat man beim Lesen das Gefühl, den dargestellten Figuren sehr nah zu sein – wenn B und JJ zusammen saufen und Drogen konsumieren, gerät ihre Welt zu verschwommenen, ausschnitthaften Panels, die das rauschhafte Delirium gekonnt zum Ausdruck bringen. Hierbei geht Moses sehr weit – manchmal zu weit – sodaß man hin und wieder echte Schwierigkeiten hat den Bildinhalt zu erkennen. Der Autor spielt mit solchen kleinen, unbequemen Einfällen, versucht die Emotionen seiner Hauptfiguren nicht narrativ zu transportieren, sondern über Bilder, die manchmal chaotisch, vollgestopft, überladen, dann wieder leer, minimalisiert, spartanisch sind – eine schlichte Flatline auf einem weißen Hintergrund oder nichts als einzelne Sprechblasen. Moses kreiert so etwas wie visuelle Aphorismen und unterfüttert diese mit einer unbändigen Lust an Typographie; so dehnt SPUNK die Möglichkeiten des Mediums auf eine Art und Weise aus, die an William S. Burroughs cut-up-Technik erinnert oder an die inner space Experimente britischer New Wave-Romane wie „Barfuss im Kopf“ von Brian W. Aldiss.

Moses setzt seine formalen Experimente geschickt ein um auszudrücken was der Begriff „Punk“ heute bedeuten kann – im Zeitalter des Internets, im Schatten von online-communities und sozialen Netzwerken. Er gibt ein Gefühl dafür wieder, daß Punk nicht mehr das ist was es mal war, daß Punk aber immer noch da ist, daß Punk die Entwicklung des Mainstreams und der Popkultur beeinflusst hat und daß Punk etwas unbequemes ist (oder sein sollte); was manchmal schwerfällt zu glauben, wenn man Bands wie Green Day sieht, die heutzutage Stadien füllen.

SPUNK läßt sich nicht einfach so lesen, man muß das Ding drehen, auf den Kopf stellen weil die Schrift sich im Kreis dreht. Man muß hin und herblättern um verstehen zu können, was da überhaupt geschildert wird. Insofern ist es „No Fun“ (Iggy Pop) diese Graphic Novel zu lesen und das verortet das Werk auch näher bei der Kunst als bei der Unterhaltung.

Dennoch verliert Moses sein Anliegen, das Leben von Jugendlichen zu beschreiben nicht aus dem Blick. Konsequent läßt er uns durch diese fremdartige und doch eigenartig vertraute kleine Welt taumeln, an deren Ende schließlich der Tod steht und gleichzeitig der unbedingte Wille zu leben und etwas zu erschaffen.

SPUNK wird es leider schwer haben eine breite Leserschaft zu finden, da das Werk zu sperrig und ungemütlich ist. Die Hauptfiguren sind kaum greifbar aufgrund der sprunghaften Erzähltechnik, die Motivationen teilweise nur zu erahnen. Hinzu kommt das JJ kein erkennbares Gesicht hat, sondern immer wieder anders aussieht, sinnbildhaft steht für verschiedene real existierende Mädchen, die Moses in seiner Jugend kennengelernt hat und hier zu einer Figur mit vielen Gesichtern kondensiert wurde.

Wer sich handfeste Informationen über die Punk-Szene in Israel erhofft wird auch etwas enttäuscht werden, denn im Comic selbst dient die Szene nur als bruchstückhafter Hintergrund. Ein Ausgleich schafft das ausführliche Interview mit dem Autor im Anhang, das viele Fragen beantwortet und Lücken schließt. Als Bonus liegt außerdem eine CD bei, die einen guten ersten Einblick in die musikalische Bandbreite der israelischen Punkszene gibt.

Ein großes Lob in jedem Fall an den Verlag, das Archiv der Jugendkulturen, für den Mut ein solch außergewöhnliches Werk in der vorliegenden, für den geneigten Leser sehr erlesenen Ausgabe zu veröffentlichen.

Fazit:
Eine ungewöhnliche Graphic Novel, die widerspenstig und schön zugleich ist und den fiebrigen Blick in eine Welt eröffnet, die man hierzulande kaum kennt.

SPUNK - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

SPUNK

Autor der Besprechung:
Armin Hofmann

Verlag:
Archiv der Jugendkulturen e.V.

Preis:
€ 18

ISBN 10:
3940213551

ISBN 13:
978-3940213556

96 Seiten

Positiv aufgefallen
  • Mut zum Experiment
  • Schöne Ausgabe mit ausführlichem Interview und Bonus-CD
  • Jugendkultur mal etwas anders
Negativ aufgefallen
  • stellenweise leicht überambitioniert
Die Bewertung unserer Leser für diesen Comic
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Rezension vom: 17.06.2010
Kategorie: One Shot
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