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Comic-Besprechung - Deutsche Comicforschung 2010

Geschichten:
Herausgeber: Eckart Sackmann

  • Comic. Kommentierte Definition
  • Zur Anschauung für Laien. Die sogenannte Freiburger Bilderbibel
  • Der Sprechblasencomic im Widerstreit der Kulturen
  • Ladislaus Kmoch
  • Paul Peroffs Spezialreporter
  • Otto Nückel und der Bilderroman ohne Worte
  • Die Darbohne - eine Werbe-Idee mit Langzeitwirkung
  • Emmerich Huber - zum zweiten
  • Heide Jungmichel - aus Spitzkunnersdorf ins Weltall
  • Ritter Sigurd. Das Streifenheft als Gattung, Muster und Mythos
  • Volker Ernsting: Das Geheimnis der blauen Erbse
  • Zwischen Schund und Kunst. Comics in den 70er Jahren 


Story:
Zum nunmehr sechsten Mal legt Herausgeber Eckart Sackmann das Standardwerk zum Thema „Deutsche Comics“ vor, an dem sich alle messen lassen müssen. Zwölf zum Teil sehr lange und intensive Beiträge werden geboten, die einen extrem weiten Bogen spannen. Chronologisch beginnt es gar im tiefsten Mittelalter mit der Freiburger Bilderbibel und endet in den Siebzigern  mit einer Betrachtung der Comics in den 70er Jahren.

Meinung:

Richtig gute sekundärliterarische Arbeiten in der Comic-Szene sind rar. In der Fan-Szene, in den Internet-Foren oder Blogs findet man meist unausgegorene, nicht sonderlich in den Tiefe gehende Texte, die über ein bestimmtes Niveau nicht hinausgehen. Selbst in den einschlägigen Fachmagazinen oder Rezensions-Webseiten ergießt man sich in eine Mischung aus Kopieren von Verlagsprospekten und Kurzkurzgeschreibsel ohne bleibenden Wert.

Eckart Sackmann ist aufgebrochen, um eine permanente Duftmarke zu setzen. Ihm geht es um akribische Analyse, Literaturwissenschaft, die in die Tiefe geht, mit allem was dazu gehört, aber die dennoch nicht so abgehoben daher kommt, dass einem während der Lektüre die Augen laufend zu klappen.

In der Comic-Fachpresse ist die Schreibe feuilletonistisch. COMIXENE, REDDITION & Co. wollen weniger den Fachmann als den interessierten Comicleser erreichen. Artikel entstehen zumeist in der Art und Weise, dass ältere Artikel gefleddert und umformuliert werden. Einer schreibt vom anderen ab – auch die Fehler. Quellen werden selten genannt. Die Beiträge in der SPRECHBLASE wurden zumeist aus Sammler- und Fanperspektive verfasst“, so Sackmann in einem Artikel über sein ambitioniertes Projekt im Mai 2009 in der SPRECHBLASE Nr. 214.

Unterzieht man das aktuelle Jahrbuch der Comicforschung einer näheren Betrachtung, so realisiert man sehr schnell, dass hier Themen beackert wurden, bei denen in der Tat keiner von woanders abschreiben konnte, denn die Aufarbeitung der Teile deutscher Comicgeschichte, die hier vorgenommen wurde, bezieht sich größtenteils auf völlig unbekanntes Gebiet.

Als Paradebeispiel gilt der Beitrag über das Leben und Werk von Ladislaus Kmoch. Der Erfinder des, mal mehr, mal weniger politischen Tagesstrips TOBIAS SEICHERL wird umfassend gewürdigt. Da werden allerlei historische Fakten aufbereitet, garniert mit passendem und seltenem Bildmaterial, dass selbst Leser, die mit dem Thema bislang nichts am Hut hatten, interessiert weiterlesen. Hier schafft es der Autor sehr schön, ein vermeintlich totes Thema der Allgemeinheit schmackhaft zu machen.

Gleich der erste Beitrag des Buchs, nämlich der Versuch einer umfassenden Neudefinition des Begriffs „Comic“, kann als mustergültige Grundlagenforschung betrachtet werden. Sackmann gelingt es ziemlich genau, den „Comic“ als literarisch-künstlerische Erzählform zu beschreiben, die er weniger als Gattung oder Genre sieht, sondern eher als Medium wie den „Film“ oder die „Schriftliteratur“. Die Ursprünge des Comics siedelt er viel früher an, als mancher einer glauben mag, u.a. könnte man gemäß seiner Analyse beispielsweise die dreidimensionale Erzählung aus dem 14. Jahrhundert, die in mehreren „Streifen“ von Steinmetzen an einem kirchlichen Gebäude wie dem Straßburger Münster aufgebracht wurde, als Comic auffassen.

Einige der Themen der aktuellen Ausgabe sind sicherlich nur etwas für die kunstwissenschaftlich verbrämte Riege unter den Comiclesern. Antje Neuner-Warthorst nimmt sich der Freiburger Bilderbibel an, ein mittelalterlicher Codex, bei dem die Bilder den Text dominieren, ein Werk, das man in der Universitätsbibliothek von Freiburg im Breisgau begutachten kann. Selbst wenn es im allerweitesten Sinn unter die Definition eines Comics fällt, dürfte dies ein Kunsterzeugnis sein, das für das Gros der Comicinteressierten uninteressant ist. Der Beitrag ist letztlich in großen Teilen eine fast schon penetrante Beschreibung ebendieser Bilderbibel, inklusive Interpretation von Bild und Text bis in die kleinste Faser. Ein Beispiel: „Schreibfehler gibt es etwa auf London fol. 5v: Dort schreibt Zacharias den Namen „Maria“ anstatt „Johannes“, und das „Benedictus dominus in Israel“ wurde zu „Benedictus dominus in dominis sus“. So liest sich dieser Beitrag leider eher wie eine solide Abhandlung einer engagierten Studentin im Rahmen ihres Kunstgeschichte-Studiums und hätte für den Abdruck aufs Wesentliche gestrafft werden können.

Absoluter Glanzpunkt des Bandes ist Eckart Sackmanns umfassende Analyse des Piccolo-Phänomens, welches Walter Lehning Anfang der 50er Jahre in Deutschland etabliert hat, und das auch heute noch aktive Lebenszeichen von sich gibt. Der Artikel Ritter Sigurd. Das Streifenheft als Gattung, Muster und Mythos ist eine Beschreibung einer Thematik, die keinerlei Wünsche offen lässt. Hier wurden alle Register gezogen: intensive Recherche, untermauert durch zahllose Belege, umfassendes Einbeziehen aller möglichen Aspekte, sicheres Gespür für Bildbeispiele, stilsicher geschrieben.

Der Autor geht nicht nur auf die Historie der Piccolos von den Anfängen in Italien über die Hochphase in den 50er Jahren bis hin zu den Revivals durch Norbert Hethke & Co. ein, er widmet auch der Erzählform an sich eine genauste Deutung, indem er am Beispiel der Ritterserie SIGURD das Genre, die Zeichenkunst und die Erzählweise von Hansrudi Wäscher fein seziert und sowohl die Pluspunkte, als auch die Schwachstellen offen herausarbeitet. Dabei vergisst er auch die heutigen Strömungen nicht: die Epigonen von Wäscher finden sich ebenso aufgeführt, wie zum Beispiel Michael Goetze, der heutzutage neue Abenteuer von Wäschers Dschungelhelden Tibor (TIBOR III. SERIE) oder eine eigene Ritter-Piccoloserie (KORWIN) zeichnet, die beide im Manfred Wildfeuer Verlag erscheinen.

Höchst interessant ist auch der Betrag Die Darbohne – eine Werbe-Idee mit Langzeitwirkung, der auch mit dem Titelmotiv gewürdigt wird. Dieser Werbecomic mit der „Darbohne“ debütierte Ende der 20er Jahre als Bilderbogen. Die Titelheldin ist eine Kaffeebohne, ein Produkt, welches die Firma Darboven bis heute auf dem deutschen Markt gehalten hat (IDEE Kaffee). In den Anfangsjahren, als Copyrights noch nicht so gründlich geregelt waren, traf die kesse Bohne sogar auf die amerikanische Micky Maus. In der Kundenzeitschrift DARBO feierte die Darbohne 2006 ihr Comeback und schaffte damit den Sprung in die aktuelle Zeit.

Nicht jeder Beitrag dürfte für jeden Leser gleich interessant sein. Das liegt zum einen an der Thematik, zum anderen am Verbreitungsgrad. Hans-Joachim Kalbe nimmt Das Geheimnis der blauen Erbse von Volker Ernsting unter die Lupe. Dieser Krimi erschien 1970 in der Fernsehprogrammzeitschrift HÖRZU als Serie in einseitigen Folgen und galt als erfolgreicher Prominentencomic, der als Buch nachgedruckt wurde. Auf Basis einer Sherlock Holmes-Geschichte ließ Ernsting Figuren mit Gesichtern von Prominenten wie Hans-Joachim Kulenkampff, Inge Meysel oder Robert Lemke auftreten und nahm nebenbei noch das Medium Fernsehen aufs Korn.

Alleine durch die Verbreitung einer Zeitschrift wie HÖRZU dürfte dieser Comic in weit mehr Köpfen hängen geblieben sein, als die Beiträge von Heide Jungmichel, die während der 50er Jahre sogenannte „Dia-Rollfilme“ illustriert hat, einem absoluten Nischenprodukt, welches eine sehr kurze Blütezeit hatte und schnell wieder von der Bildfläche verschwand. Dennoch sind diese Werke einer Wiederentdeckung würdig, und so präsentiert Guido Weißhahn einen Überblick, inklusive Filmografie.

Egal, wie man zu den Beiträgen stehen mag, der Hardcover ist handwerklich hervorragend gemacht. Es gibt jede Menge passendes und seltenes Bildmaterial, das Layout ist angenehm, die Fülle an Fußnoten und Anmerkungen sind möglichst nah am jeweiligen Anker im Text platziert  und nicht am Ende jedes Artikels angehäuft.

So mancher mag sich wünschen, dass es mehr Beiträge über Comics der 60er bis 90er Jahre gäbe, aber den Machern geht es schwerpunktmäßig darum, die weißen Flecken in der Comic-Landschaft transparenter zu machen. Außerdem ist die Beschränkung auf „deutschsprachige“ Comics natürlich ein kleines Handicap, denn die populären Stoffe sind größtenteils beackert und aufgearbeitet, und so muss man fast schon archäologische Funde bis tief aus dem Mittelalter ausgraben.



Fazit:
Die Deutsche Comicforschung 2010 ist zwar laut eigener Aussage des Herausgebers für den Comic-Fachmann gemacht, und trotzdem ist das vorgelegte Werk ein Band, der ins Regal jedes Comiclesers gehört, der sich sekundärliterarisch mit seinem Lieblingsmedium befassen will. Der neuste Band besticht durch grundsolide Beiträge, die bis auf ein, zwei Ausnahmen, gut zu lesen sind. Glanzpunkt ist der äußerst gelungene Beitrag über das Phänomen „Piccolo-Comics“ und seine Macher.

Eins ist klar: Es gibt jede Menge zu entdecken in der Geschichte des deutschen Comics, und Herausgeber Eckart Sackmann ist es zu verdanken, dass auch unbekannte oder längst vergessene Ecken adäquat beleuchtet werden.  

Der hohe Preis mag den ein oder anderen vielleicht vom Kauf abschrecken, aber man bekommt sehr viel Gegenwert für sein Geld: originäre Beiträge, ein reichhaltiges Angebot an Bildmaterial und zahllose Anstöße, sich weiter in die diversen Themen zu vertiefen.

Deutsche Comicforschung 2010 - Klickt hier für die große Abbildung zur Rezension

Deutsche Comicforschung 2010

Autor der Besprechung:
Matthias Hofmann

Verlag:
comicplus+

Preis:
€ 39.00

ISBN 13:
978-3-89474-199-0

144 Seiten

Deutsche Comicforschung 2010 bei Comic Combo Leipzig online bestellen
Positiv aufgefallen
  • große Bandbreite, für jeden etwas dabei
  • vortrefflich illustriert mit ca. 400 Abbildungen in Farbe
  • der Beitrag über Piccolos und SIGURD ist Weltklasse
Negativ aufgefallen
  • ein, zwei Artikel sind leider etwas arg speziell
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Rezension vom: 17.01.2010
Kategorie: Deutsche Comicforschung
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