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Ein Festival mit viel Potential
Das Comicfestival München ist im Wachsen begriffen. Schon seit Jahren erklärte man, dass man gerne zum großen Bruder Erlangen aufschließen wolle. Es wird vermutlich kaum jemand widersprechen, wenn man sagt, dass das Festival diesem Ziel in diesem Jahr einen deutlichen Schritt näher gekommen ist.

Wie in Erlangen hat man die Ausstellungen weiter in der Stadt verteilt, ist Kooperationen eingegangen, um feste Institutionen in der Stadt einzubinden und für die Werbung für das Comicfestival zu nutzen. Das ist ein geschickter Schachzug. Zudem hat die Eröffnung von Ausstellungen im Vorfeld des Comicfestival Münchens dafür gesorgt, dass die Presse schon früh von dem Ereignis Notiz nahm und vor dem Festival darüber berichtete. Das hat mit Sicherheit dazu beigetragen, dass trotz neuer Location die Besucherzahlen für alle Verlage zufrieden stellend waren.

Die Ausstellungen waren interessant und vielseitig. Hier kam so ziemlich jeder auf seine Kosten, ob Oldiefan oder Mangafan. Hier wurde ohne Frage eine sehr große Bandbreite geboten. Hier konnte man schon zurecht sagen, dass München auf Erlangenniveau agierte.

Die großen Verlage waren auf der Verlagsmesse anwesend, wenn auch nicht immer mit dem sonst üblichen Stammpersonal. So waren Splitter, Ehapa und Carlsen eine Kooperation mit Händlern eingegangen, die die Präsenz garantierte, ohne aber das Gros an Personal aus den Zentralen heranzukarren. Alleine Paninicomics war von den Großen mit einem richtigen Messestand gekommen. Und dennoch: Die Verlage waren präsent. Das Wie ist dabei nicht wirklich entscheidend, denn die Fans bekamen ihre Comics direkt. Insgesamt war eine große Anzahl an Verlagen anwesend. Das spricht dafür, dass München sich zu etablieren beginnt.

Dass Veranstaltungen im Amerikahaus, im Institutos Cervantes, im jüdischen Museum oder auch im Jagd- und Fischereimuseum stattgefunden haben, wurde von manchen Teilnehmern und auch Moderatoren zwiespältig aufgenommen. Einerseits wurden auf diese Weise die Kooperationspartner direkt eingebunden und konnten sich über Besucherströme freuen, die sonst vielleicht nicht zu ihnen gekommen wären. Andererseits litten manche Veranstaltungen auch unter den mitunter langen Wegen und so kamen nicht immer so viele Besucher zusammen, wie es dem Thema vielleicht gerecht gewesen wäre. So beklagte sich Andreas Platthaus in seinem Blog, dass bei seinem Gespräch mit James Sturm weniger Besucher anwesend waren, als von ihm erwartet: „die zweite [Veranstaltung] nicht so gut, wie man angesichts der Bedeutung Sturms hätte erwarten dürfen.“  Ein positives Beispiel dafür, dass es dennoch klappen konnte, war sicherlich das Künstlergespräch mit Helmut Nickel im Jagd- und Fischereimuseum, das brechend voll war.

Das Künstlerhaus am Lenbachplatz war eine wunderschöne Location, so hörte man es sehr oft und es stimmte. Das Gebäude wurde 1893 gebaut und glänzt durch seinen Renaissance-Stil. Neben dem Alten Rathaus gibt es sicher keine schönere Location in München. Durch einen Innenhof gelangte man zum eigentlichen Eingang und von dort über eine breite Treppe in den Festsaal. Schwieriger gestaltete sich der Gang zu den Independent-Verlagen, der wahlweise durch ein relativ kleines Treppenhaus oder mit Hilfe des Lifts in den dritten Stock führte. Man kam über das Treppenhaus an der „Spieldose“ vorbei, einem kleinen Theatersaal, indem die Zeichenkurse stattfanden, die ständig gut besucht waren. Unten im Erdgeschoss befanden sich die Ausstellungen des Künstlerhauses. Durch die vielen Winkel und Treppen war das Künstlerhaus auch eine interessante Location.

Wir hatten vor Beginn des Festivals geschrieben, dass dies ein Festival der langen Wege sein würde. Das ist es ohne Frage geworden, auch wenn man mit der S- und U-Bahn schnell vorankommen konnte. Es hat sich im Endeffekt als lohnend herausgestellt, so dass man die Wege gerne gegangen ist.

Also ein ganz und gar positives Festival? Wir würden das sehr gerne so schreiben. Aber wo viel Licht ist, gibt es auch leider auch Schatten und der darf nicht unerwähnt bleiben.

Wir haben uns mit verschiedenen Verlagen unterhalten. Und man kann sicher insgesamt sagen, dass die meisten mit den Umsätzen auf der Messe zufrieden bis sehr zufrieden waren. Ein paar wenige komplett negative Rückmeldungen gab es zu diesem Thema auch, aber sie stellten „nur“ Ausreißer aus der Gesamtmeinung dar.

Anders sah es da aus, wenn man die Verlage auf die Organisation des Festivals ansprach und ob sie damit zufrieden waren. Hier gab es dann selbst von den großen Verlagen negative Äußerungen. So wurde zum Beispiel eine Veranstaltung abgeblasen, weil die Planung der Signierstunden bei Paninicomics auf einem veralteten Veranstaltungsplan basiert hatten. Bei dem Künstlergespräch mit Helmut Nickel sollte eigentlich Hansrudi Wäscher per Videoschaltung zugeschaltet werden. Aber niemand hatte sich dafür zuständig gefühlt, dies durchzuführen. Dies sind zwei konkrete Beispiele aus einer Liste an Pannen, die sich während des Festivals ereignet haben.

Kritisiert wurde von den Verlagen vielfach auch, dass die Kommunikation mit den Organisatoren Heiner Lünstedt und Michael Kompa schwierig war und bereits bestehende Vereinbarungen zum Teil nicht eingehalten wurden. Ebenso war in der Kritik die fehlende Künstlerbetreuung während der Signierstunden, die ohne Getränke und ohne Ansprechpartner an die Tische auf der Bühne im Festsaal gesetzt wurden. Die Schlangen vor den Tischen wurden nicht kanalisiert, wodurch immer wieder Probleme entstanden.

Das Comicfestival wächst. Es wird zunehmend professioneller. Man muss es Heiner Lünstedt und Michael Kompa zugutehalten, dass es ihr erstes Festival war. Die Beiden haben sich aufgeopfert

Und es könnte an der Zeit sein, dass auch die Organisation professioneller wird. Heiner Lünstedt und Michael Kompa organisieren das Festival in ihrer Freizeit neben her. Dass dabei nicht alles klappen konnte, insbesondere bei diesen Dimensionen, ist verständlich und nachvollziehbar. Vielleicht liegt der Ball nun einfach bei der Stadt München, die sich klarer zum Comicfestival bekennen müsste. Man kann eben nicht nur das Geld geben und hoffen, dass dann alles gut geht. In Erlangen wird dies par excellence vorgemacht: Die Organisatoren sind Angestellte der Stadt, haben dadurch ein ganz anderes Standing und natürlich auch viel mehr Zeit zur Verfügung.

Lünstedt und Kompa werden sicher aus dem, was nicht geklappt hat, ihre Lehren gezogen haben und für das Festival in zwei Jahren Fehler abstellen. Aber nach den Aussagen von Andreas Platthaus, der davon spricht, dass einer der großen Verlage überlegt 2013 fern zu bleiben, könnte es sein, dass sie schneller aus ihren Fehlern lernen müssen, um die Publikumsbringer zu behalten. Das Festival hat Potential und hat es verdient.

Daten dieses Berichts
Bericht vom: 03.07.2011 - 12:29
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Bernd Glasstetter
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