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Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (mit Film)
Das Hauptwerk von Marcel Proust, der in Frankreich schon fast als Heiliger gilt, eines der wichtigsten erzählenden Werke des vergangenen Jahrhunderts als Comic? Kann das funktionieren? Wie man sich am Donnerstag im Comic-Zentrum auf der Frankfurter Buchmesse überzeugen konnte, kann es das sehr wohl.

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Stéphane Heuet arbeitet schon seit zwölf Jahren an seiner Adaption von "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", und jetzt ist der erste Band auch in deutscher Übersetzung bei Knesebeck erschienen. Wie sich Verlegerin Dr. Rosemarie von dem Knesebeck erinnert, stießen die ersten Comics im Verlagsprogramm zunächst auf Skepsis und Berührungsängste im Buchhandel. "Mutter hat Krebs" von Brian Fies und andere Titel konnten jedoch die Zweifel zerstreuen.

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Auch Übersetzer Kai Wilksen, der Heuets Graphic Novel ins Deutsche übertragen hat, ist neue Wege gegangen. Die Übersetzung von Prousts Hauptwerk aus der Feder von Eva Rechel-Mertens gilt geradezu als kanonisch, und auch Wilksen orientierte sich an ihr. Allerdings wich er wo nötig auch von ihr ab und wählte andere Übersetzungen. Teilweise geschah das, um den Text im begrenzten Raum der Sprechblasen unterzubringen, teilweise aber auch aus ästethischen Überlegungen heraus.

Nach Verlegerin und Übersetzer kam natürlich der Künstler selbst zu Wort. Er berichtete auf französisch ebenso ausführlich wie interessant über seine Beschäftigung mit Proust und über die Entstehung der Graphic Novel. Wilksen übersetzte immer wieder für das Publikum.

Noch vor zwanzig Jahren liebte Heuet weder Proust noch Comics. Er hatte einmal begonnen, "Die Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, aber nach fünfzehn Seiten wieder aufgegeben. Als er später heiratete, wollte seine Frau ihn von Proust überzeugen. Heuet verzichtete zwar darauf, sich ein Bein zu brechen – es gibt ein französisches Sprichwort, dass man sich ein Bein brechen müsse, um genügend Muße für das Buch zu haben –, aber er gab ihm eine neue Chance. Und diesmal konnte der Schriftsteller ihn von sich überzeugen.

Insbesondere die viele Kunst und der viele Humor, die in dem Roman enthalten sind, ließen Heuet schnell an einen Comic denken. Er entschloss sich, seine Arbeit als Illustrator für ein Jahr zu unterbrechen. Während er "Die Suche nach der verlorenen Zeit" las, machte er sich in kleinen Skizzenheften Notizen, wie man die jeweiligen Stellen umsetzen könnte.

In seiner Familie kam das Projekt nicht unbedingt gut an. Seine ältere Schwester, eine Französisch-Lehrerin, wollte es ihm partout ausreden. So etwas könne man mit Proust einfach nicht machen. Marcel Proust spielt in Frankreich eine ähnliche Rolle wie Goethe oder Schiller in Deutschland: Die Künstler werden verehrt, teilweise geradezu vergöttert, aber wirklich gelesen werden ihre Werke nur selten. Aber nachdem die Schwester das Ergebnis von Heuets Arbeit gesehen hatte, war sie begeistert. In dieser Art, erinnert sich der Künstler, verliefen viele Reaktionen.

Für die Umsetzung seiner Notizen in einen "echten" Comic war für Heuet der Computer unverzichtbar. Denn sein Arbeitsprozess war eher ungewöhnlich: Zunächst legte er sämtliche Seiten mit leeren Panels, aber bereits mit dem Text zwischen den Panels an. Anschließend füllte er die Bildrahmen mit den Bildern, die er innerhalb der Seite skalierte, den Ausschnitt veränderte oder auch die Sprechblasen bearbeitete, um etwa dem senkrechten Text für eine japanische Ausgabe Platz zu schaffen.

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Stéphane Heuet adaptiert Marcel Prousts großes Werk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit als Graphic Novel adaptiert. Auf der Frankfurter Buchmesse stellen er, sein deutscher Übersetzer und seine deutsche Verlegerin den ersten Band vor.


Ein besonders spannendes Thema sind für den Künstler auch die Recherchen. Er benutzte unter anderem zeitgenössische Postkarten als Quellen, wodurch reale Gebäude aus der damaligen Zeit in der Graphic Novel auftauchen. Proust hat außerdem häufig fiktive Künstler und Kunstwerke beschrieben, die für den Comic nachempfungen werden mussten. Dazu dienten reale Gemälde, das Atelier eines wirklichen Malers und andere Vorbilder als Ausgangspunkte. Die Abwandlungen sind jedoch teilweise sehr stark, wenn beispielsweise eine Frau in einem Gemälde zu einem jungen Mann wird. Eine weitere Inspirationsquelle waren Filme, nicht nur im Kontext von Proust, sondern beispielsweise auch Werke von Visconti.

Heuet malte sich in seinen Gedanken aus, welchem französischen Verlag er die fertige Graphic Novel "gönnen" wollte. In der Realität stellte sich jedoch heraus, dass keiner dieser Verlage zunächst ein Interesse an dem Projekt hatte. Nur der damalige Kleinverlag Guy Delcourt Productions wagte es, weshalb der Künstler ihm bis heute treu ist. Inzwischen ist Delcourt der drittgrößte Verlag Frankreichs für frankobelgische Comics.

Auch eine erste Besprechung in der Zeitung "Figaro" lies sich alles andere als ermutigend an. Der damalige Rezensent formulierte drastisch, Proust sei "ermordet" worden. Später folgten allerdings positivere Rezensionen – darunter einige, die genauso wenig stimmten wie die aus dem "Figaro". Ausländische Medien griffen den vermeintlichen "Skandal" in der Comicszene auf, was sich als eher werbewirksam herausstellte.

Der für dieses Projekt gewählte Stil im Bereich der Ligne Clair ist sehr zeitaufwendig. In Frankreich hat Heuet innerhalb von 12 Jahren gerade einmal zwei von sieben Bänden des Romans fertigstellen können. Rechnerisch gesehen bräuchte er bis zum letzten Band nochmal etwa 40 Jahre, und es ist fraglich, ob er diese Zeitspanne noch erlebt. Um die Chancen auf einen erfolgreichen Abschluss zu erhöhen, möchte sein französischer Verleger ihm am liebsten einige gefährliche Sportarten verbieten.

In Deutschland hat die Graphic Novel zu "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" jedenfalls schon Mal einen guten Start hingelegt – die Veranstaltung war eine der am besten besuchten bisher im Comic-Zentrum 2010.

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Daten dieses Berichts
Bericht vom: 08.10.2010 - 14:52
Kategorie: Filmmitschnitte
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
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