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Haarmann – ein düsteres Kapitel deutscher Geschichte
Manchmal ist die Wahrheit so unglaublich, dass sie als Fiktion niemand glauben würde

Andreas C. Knigge unterhielt sich mit der Zeichnerin Isabel Kreitz und Autor Peer Meter über ihre Graphic Novel, in der sie sich mit dem Serienmörder Fritz Haarmann beschäftigen. "Warte, warte nur ein Weilchen..." ist noch Jahrzehnte später eine bekannte Anspielung auf die grausamen Verbrechen. Haarmann hatte Mitte der 1920er Jahre in Hannover 24 junge Männer getötet und ihr Fleisch verkauft. Fast noch mehr Aufsehen als die Morde selbst erregte, dass die Polizei lange Zeit den Verdacht gegen Haarmann, der als Spitzel für sie arbeitete, gezielt unterdrückte. Auch der spätere Prozess sollte möglichst ohne großes Aufsehen über die Bühne gehen. Es ist vor allem privaten Ermittlungen, aber auch dem Journalisten Theodor Lessing zu verdanken, dass diese Pläne nicht aufgingen.

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Peer Meter, Autor von Haarmann
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Isabel Kreitz
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Isabel Kreitz
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Andreas C. Knigge


Für Peer Meter ist die aktuelle Graphic Novel nicht das erste Mal, dass er sich mit Haarmann beschäftigt. Bereits vor ziemlich genau zwanzig Jahren erschien der erste von damals drei geplanten Bänden eines Comics über den Mörder, damals in Zusammenarbeit mit einem anderen Zeichner. Leider konnte diese Ausgabe damals nicht fortgesetzt werden.

Isabel Kreitz war bereits von der "alten" Ausgabe fasziniert. Das Angebot, das Skript zur aktuellen Graphic Novel umzusetzen, gab ihr die Gelegenheit, die Atmosphäre zu Haarmanns Zeit neu zu erschaffen. Dazu standen ihr nicht viele Quellen zur Verfügung, da es nur wenige zeitgenössische Fotos aus Hannover gibt. Aber Fotos aus anderen Städten boten genügend Anhaltspunkte, die damalige Stadt wiedererstehen zu lassen. Das ist auch ein wichtiger Teil von Kreitz' Motivation, einen Stift in die Hand zu nehmen: Es reizt sie, etwas zu kreieren, das es real nicht oder nicht mehr gibt. Zu zeichnen was sich tatsächlich etwa draußen vor dem Fenster befindet, kann sie weniger begeistern.

Ein wichtiger Punkt für alle drei Gesprächsteilnehmer ist die Kraft von Isabell Kreitz' Bilder, auch und gerade wenn nicht direkt etwas erzählt wird. Die Zeichnerin erzählte, dass so etwas vor allem deshalb möglich ist, weil sie sich nicht wie früher üblich auf eine bestimmte Länge, etwa 48 oder 64 Seiten, beschränken musste. "Haarmann" bringt es auf 192 Seiten. Dahinter steckt auch ein enormer Arbeitsaufwand. Im Schnitt investierte Kreitz in jede Seite für jeden Arbeitsschritt zehn Stunden. Zehn Stunden für die Vorzeichnung, nochmal zehn für die Reinzeichnung, und das für 192 Seiten. Hochgerechnet entspricht das mehr als fünf Monaten ununterbrochener Arbeit!

Auch für Peer Meter sind die "Kamerafahrten" ohne direkte Handlung sehr wichtig, anstelle mit harten "Schnitten" eine Dialogszene an die nächste hängen zu müssen. Es sei zwar für ihn als Texter schwer zuzugeben, meinte Meter, aber er freue sich immer darüber, wenn seine zeichnenden Partner seine ausgefeilten Texte mit ausdrucksstarken Zeichnungen schlicht überflüssig machen. Das sei Isabel Kreitz in diesem Fall sehr oft gelungen. Überhaupt schreibe er eigentlich gar nicht für das Publikum, sondern für den jeweiligen Zeichner, damit der seine Ideen in Bilder umsetzen kann.

Für das Skript zu "Haarmann" konnte er die ersten siebzig Seiten des alten Skripts von 1990 verwenden, alles danach ist neu geschrieben. Vieles davon, da ist sich der Autor sicher, hätte er vor zwanzig Jahren auch so noch gar nicht schreiben können. Er sei inzwischen reifer, und der Stoff konnte zwei Jahrzehnte in ihm ruhen. Auf Knigges Frage, warum er in der Zwischenzeit nahezu überhaupt nicht mehr im Comicbereich aktiv gewesen war, beantwortet Meter mit einem simplen Hinweis: Es habe keine geeigneten Zeichner gegeben. Erst seit einigen Jahren tauche eine neue Zeichnergeneration auf, die das schaffe, was viele immer gefordert haben – einen eigenständigen deutschen Comic. Dabei ist ihnen, wie Meter glaubt, die fehlende Tradition eher behilflich, weil sie ihren eigenen Weg und ihren eigenen Stil ohne große Einschränkungen suchen können.

"Haarmann" ist Meters zweite Graphic Novel über einen Serienmörder. Im Frühjahr erschien bei Reprodukt "Gift", worin er sich gemeinsam mit der Zeichnerin Barbara Yelin mit der Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried befasste. Derzeit arbeitet er, neben diversen anderen Projekten, im Team mit David von Bassewitz an "Vasmers Bruder" über einen der schockierendsten Serienmörder der deutschen Kriminalgeschichte. Karl Denke lebte in der Nähe von Breslau und ermordete mindestens 31 Menschen. Bei dieser Trilogie geht es Meter aber weniger um die Mörder selbst, sondern um die jeweilige Gesellschaft, die ihre Taten erst möglich machte. Direkt über Haarmann beispielsweise hätte er wohl gar nicht schreiben können.

Wichtig war den beiden Künstlern außerdem, dass sie keine Horrorgeschichte schaffen wollte, aus deren Seiten sozusagen das Blut quillt. Viele der Verbrechen, die Haarmann begeht, kommen zwar in der Geschichte vor, aber sie werden nicht im Bild gezeigt. Auch die Tatsache, dass das Fleisch, das der Serienmörder anbietet, tatsächlich Menschenfleisch von seinen Opfern ist, wird nicht ausdrücklich erwähnt, sondern nur impliziert.

So manches, was damals tatsächlich passiert ist, haben Meter und Kreitz auch bewußt weggelassen oder weniger drastisch dargestellt, schlicht weil es sonst zu unglaublich gewirkt hätte. Beispielsweise stellten die Ermittler, um den mittlerweile verhafteten Haarmann zu einem Geständnis zu bewegen, Kerzen in die Totenschädel seiner Opfer und diese dann in die Fenster seiner Zelle...

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Daten dieses Berichts
Bericht vom: 06.10.2010 - 21:29
Kategorie: Filmmitschnitte
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
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