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Max und Moritz Gala

Nachdem der Abend im stimmungsvollen Marktgrafentheater schwungvoll durch die Band „The Right Thing“ eröffnet wurde, traten die „Redenbeschleuniger“ auf die Bühne. Niemand geringeres als Hella von Sinnen und Denis Scheck sorgten dafür, dass der Abend nicht durch allzu lange Danksagungen und Festreden des Erlanger Oberbürgermeisters Dr. Siegfried Balleis aufgehalten wurde. Hella von Sinnen trat eindrucksvoll in einem weißen Overall mit einem fiesen „oker-Gesicht und Denis Scheck klassisch in Smoking mit einem Dagobert-Spazierstock auf.

Die Jury bestand dieses Jahr aus Denis Scheck (Kritiker, Deutschlandfunk, „Druckfrisch“ ARD). Christian Gasser (Schriftsteller, Journalist und Radiomacher), Herbert Heinzelmann (Journalist und Medienwissenschaftler), Brigitte Helbling (Journalistin, Mitglied der Arbeitsstelle für Graphische Literatur der Universität Hamburg), Andreas C. Knigge (Journalist und Publizist), Jan Taussig (Bulls Press) und Bodo Birk (Internationaler Comic Salon Erlangen). Die Juroren machten auf der Bühne jeweils ihre Nominierungskandidaten für die Kategorie „Bester Deutscher Comickünstler“: Jens Harder, Nicolas Mahler, Fil, Flix, Uli Oesterle, ©Tom, Isabel Kreitz. Doch die Wahl wurde noch für den Schluss verschoben – also blieb es weiterhin spannend.

Der Preis für den „Besten Comicstrip“ ging an „Prototyp & Archetyp“. Ralf König überraschte die heftigen Reaktionen, die er mit seinem religiösen Cartoon ausgelöst hatte. Zum Beispiel bekam er eine E-Mail mit der Forderung „Raus aus meiner FAZ, Sie Schmierfink!“. Neben König waren außerdem Mark Tatulli mit „Lio“ und Kat Menschik mit „Das variable Kalendarium“ nominiert.


Zum allerersten Mal wurde auch ein Max und Moritz-Preis in der Kategorie „Francomics“ vergeben. 120 Klassen aus Bayern und Berlin haben sich für „Dipoula“ von Sti und Pahé entschieden, denen sie den Vorzug vor vier anderen französischen Comics gegeben haben. Die Comickünstler dankten Deutschland, sogar auf Deutsch, für „die TV-Serie Derrick und die geilen Mercedes-Autos“.


Mehrere ehemalige Augsburger Kommunikationsdesigner durften sich über die „Beste studentische Comic-Publikation“ freuen. Mit ihrem Comic-Magazin „Strichnin“ überzeugten sie die diesjährige Jury, wobei sich die anwesenden Vertreter über ihren „qualvollen“ Studienalltag beklagten.

Nadja Budde hat den Preis für den „Besten Comic für Kinder“ erhalten. Mit „Such dir was aus, aber beeil dich!“ hat sie „Freche Mädchen –freche Manga“ von Bianka Maite-König und Inge Steinmetz, „Louis am Strand“ von Guy Delisle sowie „Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen“ von Jean Regnaud und Emile Bravo. Die Kindheit war ihrem Buch zufolge „aus der Zahnlücke blutsaugen, Schlamm kochen, Schweinefutter probieren, Läuse haben etc.“.

Mit der Prämierung des „Besten deutschen Comic“ stieg die Spannung dann merklich an. Nominiert waren „Alpha“ von Jens Harder, „Engelmann“ von Nicolas Mahler, „Hector Umbra“ von Uli Oesterle, „Gift“ von Peer Meter und Barbara Yelin sowie „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ von Ulli Lust. Zur hörbaren Verwunderung des Publikums ging der Preis an Jens Harder für seine technisch brachialen Bilder aus „Alpha“. Harder zog aus dem opulenten Mammutwerk letztlich nur einen Schluss: „Die Sinnlosigkeit der Suche nach dem Sinn“.

Auch die Kategorie „Bester Internationaler Comic“ bot aufgrund der nominierten Titel für viel eine fesselnde Atmosphäre: „Bäche und Flüsse“ von Pascal Rabaté, „Drei Schatten“ von Cyril Pedrosa, „Ein neues Land“ von Shaun Tan, „Ikkyu“ von Hiashi Sakaguchi, „Kirihito“ von Osama Tezuka, „Orange“ von Benjamin, „Pinocchio“ von Winshluss sowie „Spirou & Fantasio Spezial“ von Émile Bravo. Gewonnen hat die bitterböse Satire von Winshluss, der den Kinderbuchklassiker durch Sex & Crime erwachsen gemacht hat.

Der „Publikums“ ging an Ulli Lust für „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“. Auf den Plätzen zwei und drei gelangten „Gift“ von Peer Meter und Barbara Yelin und „Hector Umbra“ von Uli Oesterle. Auf die Frage welche Rolle die Autobiografie für die Gewinnerin gespielt hat, erwiderte Lust trocken: „Es erleichtert die Recherche“. Außerdem bedeute ihr der Max und Moritz-Preis nicht so viel, aber sie hätte sich sehr über den ICOM-Preis vom Vorabend gefreut, was anschließend noch für Kontroverse gesorgt hat.

Im Zentrum des „Spezialpreises der Jury“ stand dieses Mal Will Eisner. Die deutschen Reprintausgaben von „Die Spirit Archive“ (Salleck Publications) und „Ein Vertrag mit Gott“ (Carlsen) wurden dafür belohnt, dass sie weder Kosten noch Mühen scheuten unrentable und aufwendige Neuauflagen des Altmeisters veröffentlichen. Auf die Frage warum er das denn mache, wenn es sich finanziell doch gar nicht lohne erwiderte Ralf Keiser von Carlsen lediglich knapp „Wir haben ja noch Tim & Struppi“.

Der „Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk“ ging dieses Jahr an den Franzosen Pierre Christin, der mit Standing Ovations gefeiert wurde. Damit rückten die Juroren endlich wieder einmal einen Szenaristen in den Mittelpunkt. Scheck fragte Christin, ob dieser laufende Projekte habe, worauf Christin antwortete: „When you are a script writer, you have a hundreds of projects“. Außerdem stellte der Altmeister über den Comic Salon fest: „I used to get a small prize in a small town called Erlangen. Now, I got a big prize in a huge festival called Erlangen!”

Danach wurde es noch einmal richtig spannend, weil die Jury live auf der Bühne den „Besten deutschsprachigen Künstler“ wählte. In einem speziellen Verfahren hatte jeder Juror eine bestimmte Anzahl von Stimmen, die er verteilen konnte. Nach dem ersten Wahlgang führte Isabel Kreitz vor Nicoals Mahler und Uli Oesterle, die auf gleichviele Stimmen kamen. In der entscheidenden Endrunde hat sich die Jury dann allerdings für Mahler entschieden, der lakonisch wie seine Comics fragte: „Können wir Schluss machen?“



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 07.06.2010 - 15:39
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Marco Behringer
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