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Rechtsextreme und rassistische Comics in Ungarn

Der österreichische Journalist und Korrespondent Dr. Gregor Mayer erzählte vor allem von einem Comic, der vor etwa zwei Jahren in Ungarn für großes Aufsehen sorgte. Zuvor gab er noch einen Überblick über die Gründe, dass rechtsextremes Gedankengut wie in dem Comic dargestellt auch in der berühmten "Mitte der Gesellschaft" Ungarns hoffähig wurde.

Ein wichtiger Faktor war der konservative ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán, der bei den Wahlen 2002 sein Amt verlor. Das wollte Orbán jedoch nicht akzeptieren und überzeugte seine Anhänger davon, dass sie die Wahlen in Wirklichkeit gewonnen hätten. Die folgenden Protestdemonstrationen konnten zwar die gewählte Regierung nicht aus dem Amt drängen, unterminierten jedoch die demokratischen Institutionen und Prozesse des Landes. Als Orbán bei der nächsten Parlamentswahl ebenfalls unterlag, wandten sich viele enttäuschte Anhänger seiner Partei Fidesz der noch radikaleren Jobbik zu. Als der sozialistische Ministerpräsident Gyurcsány in einer eigentlich als geheim gedachten Rede vor Parteivertretern zugab, man habe die Wähler belogen und "beschissen" und müsse jetzt einen strengen Sparkurs einleiten, kam es im Herbst 2006 zu Demonstrationen und gewalttätigen Ausschreitungen, die den Ministerpräsidenten zum Rücktritt zwangen.

Ein anderes Ereignis, das für den angesprochenen Comic wichtig ist, war der Tod eines ungarischen Lehrers. Der hatte mit seinem Wagen in einem Roma-Viertel versehentlich ein Mädchen angefahren. Das Kind war glücklicherweise praktisch nicht verletzt, aber die aufgeheizte Stimmung führte dazu, dass der Lehrer trotzdem von einem Mob regelrecht gelyncht wurde. Die interessierten, konservativen bis extremistischen Kreise machten daraus sofort "Zigeuner ermorden ungarischen Lehrer".

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In dieser Situation veröffentlichte ein eigentlich anspruchsloses und nicht weiter ernstzunehmendes Witzblättchen eine Fabel in Comicform, angelehnt an Jean de la Fontaines "Die Grille und die Ameise". Darin wurde geschildert, wie die Ameisen sich ihr Brot mit harter Arbeit verdienen, während die Grillen die "Stütze" vom Staat versaufen und als Konsequenz einfach mehr Kinder in die Welt setzen, weil dafür gibt es noch mehr Geld vom Amt. Es ist nicht zu übersehen, dass die "Grillen" auf die in rechten Kreisen verachteten Roma gemünzt waren. Wenn die Ameisen gegen das viele Geld, dass die Grillen einfach so nachgeworfen bekommen, protestierten, stellten sich die Behörden auf die Seite der Grillen. Und als die Ameisen versuchten, sich in in - ausdrücklich als unbewaffnet geschilderten - Milizen zu organisieren, mussten sie mit Inhaftierung und homosexueller Vergewaltigung durch Grillen im Gefängnis rechnen. Währenddessen konnten die Grillen einen Ameisen-Lehrer töten und blieben unbehelligt. Am Schluß wurde noch ein weiteres beliebtes rechtes Feindbild einbezogen: Die Grillen waren Marionetten eines Münzstapels mit einprägsamer Physiognomie - des "internationalen Finanzjudentums".

Der extremistischen Jobbik gefiel der Comic logischerweise, weil er genau deren Weltbild bediente. Obwohl der Zeichner und Autor nicht bekannt ist, passte der Comic sogar so genau zur Jobbik, dass man annehmen kann, dass der Urheber aus deren engerem Umfeld stammt. Die Organisation stellte den Comic ins Netz und verlinkte auf ihrer viel gelesenen Website darauf. Man produzierte sogar eine technisch einfache Videofassung, die man auf dem Videoportal Youtube hochlud. Spätestens diese Version sorgte für großes Aufsehen in Ungarn. Das brachte den zuständigen Staatsanwaltschaft aber nicht dazu, gegen den Comic als Volksverhetzung vorzugehen. Wenn ein Geschädigter nachweisen könne, dass er aufgrund dieses Comics Opfer eines Verbrechens geworden ist, dann würde man tätig werden.

Insgesamt, so berichtete Dr. Mayer, hat sich die ungarische Öffentlichkeit in solchen Angelegenheiten als ziemlich abgestumpft herausgestellt. Es gab keine großen Anti-Rechts-Demonstrationen, keinen eigenen Comic, der gewissermaßen als "Gegen-Comic" dem Machwerk etwas entgegensetzte. Seit nach dem Ende des Warschauer Blocks die ungarische Comicindustrie, die nicht zuletzt für Ostdeutschland produzierte, zusammengebrochen war, spielt der Comic in Ungarn (abgesehen von den üblichen Importen) insgesamt keine nennenswerte Rolle mehr.



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 29.03.2010 - 21:44
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
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