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Der französische Comic zwischen Nazi-Ideologie und Widerstand 1940 - 1944
Auch der französische Comic blieb natürlich von der Besetzung des Landes im Zweiten Weltkrieg nicht unberührt. Dr. Joachim Sistig berichtete darüber, wie die bande dessinée von allen Seiten im jeweiligen Interesse genutzt wurden. 

Gegen Ende der 1930er hatten französische Comics einen schweren Stand im eigenen Land. Die Konkurrenz aus den USA in Gestalt von Micky Maus, Flash Gordon, Buck Rogers und anderen war moderner und verdrängte die Arbeiten französischer Zeichner aus den Jugendzeitschriften. Wenn einheimische Zeichner veröffentlicht wurden, dann in der Regel unter amerikanischem Pseudonym. 

Als Nazideutschland 1940 einen Teil des Landes besetzte und im anderen Teil das Vichy-Regime unter Marschall Petain installierte, änderte sich auch die Situation der Comics wieder grundlegend. Die Besatzer bemühten sich, direkt die Kontrolle über den Publikationssektor zu übernehmen und auf ihre Interessen auszurichten. Jüdische Verleger und Autoren wurden ausgeschlossen, angelsächsische Autoren wurden im besetzten Teil Frankreichs verboten.

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Die verbleibenden Verlage, Magazine, Zeichner und Autoren versuchten auf unterschiedlichem Wege, mit den neuen Machthabern zurechtzukommen. Einige verlegten sich auf die reine Kollaboration und schufen teils Werke, die auch aus einer deutschen Propaganda-Schmiede hätten stammen können. Viele passten sich, noch bevor sie offiziell "gleichgeschaltet" waren, dem neuen Zeitgeist an und versuchten, keinen Grund für ein Verbot zu liefern. Neben dem direkten Verbot nutzten die Besatzer häufig auch den indirekten Weg über eine geringere Zuteilung an Papier. Einigen Magazinen wurden nur sehr geringen Auflagen genehmigt, die die wirtschaftlich nicht sehr lange durchhielten. Manche Magazine bemühten sich, die Balance zu halten zwischen der Anpassung an die "neuen Herren" und mehr oder weniger versteckten Widerstandsgesten. Als Beispiel ging Dr. Sistig ausführlich auf die Geschichte des Magazins Pierrot ein.

Während im besetzten Norden oft auch Magazine, die sich den Besatzern zu Füßen geworfen hatten, ausgebremst wurden, ging das Vichy-Regime in seinem Territorium weniger streng vor. Die offiziell existierenden Vorschriften wurden kaum kontrolliert, das meiste Material war nach wie vor angelsächsichen Ursprungs, nun unter französischem oder noch besser unter deutschem Pseudonym.

Anschließend befasste sich Dr. Sistig mit einem der bekanntesten frankobelgischen Comiczeichner, Hergé. Nach dem Krieg wurde ihm Kollaboration vorgeworfen, aber Dr. Sistig zeigte, dass das Verhalten und das Werk des Zeichners sowohl Elemente der Kollaboration als auch des Widerstandes enthielt.

Um ihre Botschaften an das französische Publikum zu bringen, brachten die Besatzer schließlich eigene Jugendmagazine heraus. Deren herstellerische und redaktionelle Qualität war teilweise hervorragend, um für Erfolg bei den Lesern zu sorgen. Die Geschichten waren oft bei den nach wie vor beliebten amerikanischen Serien wie Flash Gordon gestohlen und nach Nazi-Geschmack umgeschrieben.

Auf der anderen Seite nutzte auch Resistance Comics, um ihre Ziele zu propagieren. Beispielsweise gab es einen Comic, den man heute vielleicht als Funny bezeichnen würde, in dem die Widerstandskämpfer sich mit Mut, List und Witz gegen die eher tumben Deutschen durchsetzten.

Nach dem Ende der Besatzung trat etwas ein, was die Deutschen zu ihrer Zeit oft als Vorwand gegen unliebsame Publikationen benutzt hatten: Das Papier wurde tatsächlich knapp. Deshalb wurden 1945 alle Jugendmagazine amtlicherseits eingestellt, nur einige wenige konnten sich dem verordneten Ende entziehen. Und nach dem Ende der Besatzung setzte ein Phänomen ein, das es auch in Deutschland zu beobachten galt: Die Kollaboration einzelner wurde als individuelle, grundsätzlich vergebungsfähige Verirrung betrachtet, die strukturelle Kollaboration nicht mehr erwähnt. Das betrifft auch so manchen Zeichner, der beispielsweise von der Arbeit für ein Nazi-Magazin fast nahtlos in die Arbeit für ein kommunistisches Widerstandsblatt überging.

Der Holocaust wurde erstmals 1943 in Calvos "La bête est morde" angesprochen. Dazu wählte sich der Zeichner Tiere als Sinnbilder seiner Protagonisten, die Deutschen wurden beispielsweise als reißende Wölfe dargestellt. Dabei machte Calvo keine großen Unterschiede; das Attentat auf Hitler kommentierte er im Comic sinngemäß mit "wie schön, jetzt gehen die Bestien aufeinander los". Einige der Tierzeichnungen retuschierte Calvos Verlag übrigens: Sie waren Figuren aus dem Hause Disney zu ähnlich. Und so groß war die Liebe zwischen den Allierten USA und Frankreich auch wieder nicht, dass man da keine Konsequenzen zu befürchten gehabt hätte.



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 29.03.2010 - 20:22
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
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