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Cosplayer sind auch Menschen
Am Arte-Stand der Buchmesse hatte man offensichtlich beschlossen, sich mal (populär-)wissenschaftlich mit dem Phänomen Cosplay auseinander zu setzen. Angetreten mit diesem hehren Ziel waren Andrea Fiala als Vertreterin der Frankfurter Buchmesse, Laura Birnbaum und Karen Heinrich, die Cosplay-Deutschlandmeisterinnen der letzten beiden Jahre, sowie der Moderator, Christian Schlüter von der Frankfurter Rundschau.

Zuerst wurde auf die Bedeutung und Herkunft des Cosplays eingegangen: Der Name ist eine japanische Wortschöpfung und Abkürzung des Begriffs Costume Play, und steht somit für das Hobby, sich als ein bestimmter Charakter aus einem Manga / Comic / Anime / Disneyfilm / Videospiel / Sonstiges Fandom zu verkleiden und diesen möglichst originalgetreu darzustellen. Allerdings liegt viel Gewicht auf der Ästhetik der Verkleidung, deswegen gibt es mehr Manga- als z.B. Harry-Potter-Cosplay (und tatsächlich bin ich nur einer Hermine, aber unzähligen Anime-Girlies begegnet).

Cosplay gibt es überall, mit kleinen Unterschieden zwischen den Ländern. In Japan, dem Ursprungsland des Cosplay, ist es wesentlich weiter verbreitet als in Deutschland. Dort gibt es viel mehr Zubehör als hierzulande, zum Beispiel ganze Cosplay-Kaufhäuser und fertige Kostüme. In Deutschland ist die Szene noch nicht so groß, obwohl sie beständig wächst. Allerdings sind hier fertige Kostüme etwas verpönt. Während der Schwerpunkt in Japan hauptsächlich auf den Fotos liegt, die man von sich machen lässt, geht es in Deutschland stark darum, selbst ein möglichst originalgetreues Kostüm herzustellen und darin eine glaubwürdige Performance abzuliefern. Dies mag durchaus dadurch beeinflusst sein, dass japanische Jugendliche in der Regel wohl weniger Freizeit als deutsche Jugendliche haben.

Cosplay ist auch immer Selbstdarstellung, die Öffentlichkeit gehört (in Deutschland) dazu. Interessanter Weise wird Cosplay in Japan allerdings weniger in der Öffentlichkeit ausgeübt, denn es ist gesellschaftlich nicht gerade angesehen. Meist haben Cosplayer mehrere Kostüme, wobei sich ein starker Genderaspekt offenbart: Die Männer (die zwar sehr unterrepräsentiert sind, aber schnell mehr werden) basteln meist gern Waffen, während die Frauen viele Kostüme nähen. Dies liegt vermutlich an den Rollenbildern, die man hierzulande immer noch anerzogen bekommt, mutmaßen die beiden Deutschlandmeisterinnen.

Die Frage, warum ausgerechnet die Frankfurter Buchmesse sich so sehr für Cosplayer engagiert, dass ihnen nicht nur freier Eintritt, sondern auch die Ausrichtung der deutschen Cosplay-Meisterschaft gewährt wird, beantwortet Frau Fiala gern: Begeisterung für Cosplay bedeutet in der Regel ja auch Begeisterung für die Literatur, der sie entstammen. Diese Begeisterung äußert sich (außer im Kaufverhalten) durchaus auch noch in anderen Aspekten wie etwa dem Lesen und Verfassen von Fan-Fiction, und somit kann man davon ausgehen, dass diese Begeisterung auch zum Lesen und Schreiben von verschiedenen Arten von Literatur führt, Tätigkeiten, die natürlich genau im Interesse der Buchmesse liegen. Somit ist es natürlich keine schlechte Idee, auch diese Art von Konsumenten an sich zu binden. Frau Birnbaum und Frau Heinrich bestätigen, dass Cosplayer z.B. ja auch praktisch alle z.B. Harry Potter Fans seien.

Herr Schlüter gab sich viel Mühe, Cosplay nicht als eine skurrile Art jahreszeitenunabhängigen Faschings abzutun, sondern kam mit seinen Gesprächspartnerinnen zu dem Schluss, dass Cosplay durchaus als Aneignung von Populärkultur und als eine Form von Interpretation von Kulturgut zu verstehen sei. Zum Beispiel ist es durchaus eine Herausforderung, einen Manga in dreidimensionale Kleidung zu „übersetzen“. Außerdem fördert die Beschäftigung mit Cosplay auch eine intensive Beschäftigung nicht nur mit diesen Texten, sondern z.B. auch mit Geschichte, schließlich gilt es, den Kimono historisch richtig zu binden. Weiterhin ist es auch nicht immer wichtig, absolut nur die spezielle Figur abzubilden, sondern es fließt immer auch etwas vom Darsteller mit hinein. Herr Schlüter definierte Cosplay schließlich als „hermeneutische Übung“ und „interpretatorische Leistung“ und zeigt sich enttäuscht, dass die Zeit schon vorbei war, gerade wo man an den spannenden Knackpunkten ansetzen könne. Vermutlich bedeutet dies, dass man für weitere intellektuelle Erschließungen dieses Hobbys entweder die nächste Buchmesse abwarten muss, oder darauf hoffen muss, dass dem Interviewer kommendes Wochenende eine Forschungsreise auf die SPIEL nach Essen gewährt wird…


Daten dieses Berichts
Bericht vom: 21.10.2009 - 01:01
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Skrollan Kannengieer
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