SplashpagesSplashbooksSplashcomicsSplashgamesComicforumImpressumEntertainweb


In der Datenbank befinden sich derzeit 43 Events. Alle Events anzeigen...
Specials Eventspecials

Interview mit Judith Park
Wir hatten Gelegenheit, einer der ersten und einer der beliebtesten deutschen Mangaka einige Fragen zu stellen. Judith Park erzählt von ihrem Leben als Zeichnerin, den Inspirationquellen für ihre Manga und anderen Themen. Auch Friederike von Ludowig von Carlsen Comics steuerte einige Anmerkungen bei. Da wir das Interview aus technischen Gründen leider nicht mitschneiden konnten, hier die leicht redaktionell bearbeiteten Fragen und Antworten in Textform.

Hallo Judith, vielen Dank für die Gelegenheit mit Dir zu sprechen. Du bist ja inzwischen schon einige Zeit Mangaka. Zeichnest Du mittlerweile "hauptberuflich", beziehungsweise kannst Du vom Zeichnen leben?

Im Moment studiert Judith noch, aber den größte Teil ihrer Zeit verbringt sie am Zeichentisch. Da das Leben als Studentin vergleichsweise preisgünstig ist, kann sie von ihren Honoraren leben.

Du hast den Publikumspreis Sondermann, der nachher verliehen wird, bereits einmal gewonnen, und bist auch dieses Jahr wieder nominiert. Wo steht eigentlich Deine Sondermann-Trophäe, und würde eine weitere noch daneben passen?

Die Sondermann-Statue steht bei Judiths Mutter in einer Vitrine. Ob noch Platz für eine weitere wäre, weiß sie nicht. Aber ihre ebenfalls nominierten Kolleginnen Nina Werner und Christina Plaka sind so talentiert und machen so großartige Manga, dass Judith ihnen den Sondermann allemal gönnen würde.

Robert Labs zeichnet inzwischen eher im Comicstil. Kannst Du Dir ebenfalls vorstellen, Comics neben Manga oder sogar anstelle von Manga zu machen?

Auch andere Comics außer Manga findet Judith interessant. Idealerweise soll ihr Stil die besten Elemente aus beiden Richtungen vereinen. An Manga mag sie besonders die filigranen Zeichnungen, an westlichen Comics die ausgeprägte Mimik der Figuren und ihre gezeichneten Emotionen. Deshalb schätzt sie auch die Animationsschule in Köln, weil dort den Studenten Techniken aus beiden Richtungen nahe gebracht werden.

Woran arbeitest Du gerade?

Zur Zeit erscheint in Carlsens Manga-Magazin Daisuki die Fortsetzung von Judiths Serie "Y Square" unter dem Titel "Y Square Plus". Damit ist sie im Moment beschäftigt.

Was hat sich für Dich durch den Schritt vom Fan zum Profizeichner verändert? Kannst Du überhaupt noch einen Comic in die Hand nehmen, ohne ihn gewissermaßen "auszuwerten"?

Judith zeichnet eigentlich schon immer, deshalb hat nicht so viel verändert. Es ist eher eine zusätzliche Honorierung, wenn sie ihre Zeichnungen gedruckt sieht. Auf der anderen Seite hat sie durch die professionelle Arbeit inzwischen viel dazugelernt. Dadurch erkennt sie die kleineren und größeren Fehler, die andere Zeichner in ihren Comics gemacht haben. Aber sie kann immer noch einen guten Comic oder Manga einfach nur genießen.

Ist das Leben als Mangaka so, wie Du es Dir vorgestellt hast? Oder würdest Du im Rückblick vielleicht doch lieber etwas anderes machen?

Judith würde eigentlich alles nochmal genauso machen, auch wenn ihr Leben manchmal stressig sein kann. Außerdem hat die Arbeit an ihren Serien ihr die Möglichkeit gegeben, sehr viel dazuzulernen. Das wäre in einem anderen Beruf so nicht gegangen.

Woher nimmst Du die Ideen für Deine Geschichten? Gibt es Comic-Autoren oder Zeichner, die Dich beeinflusst haben?

In Judiths Manga geht es oft um eher alltägliche Situationen. Deshalb kann die Zeichnerin aus ihrem eigenen Alltag schöpfen. Zu ihren zeichnerischen Vorbildern gehört beispielsweise Yoshiyuki Sadamoto, der Zeichner des Manga zu "Neon Genesis Evangelion".

Als vor einigen Jahren der Manga-Boom los ging, beschwerten sich manche der "alten" Manga-Fans, dass jetzt "Hinz und Kunz" Mangas lese und ihnen ihr Hobby verderbe. Du warst eine der ersten Manga-Zeichnerinnen in Deutschland, die professionell veröffentlicht wurden. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe deutscher Zeichner.

Das findet Judith gut, denn als Manga aus Deutschland noch neu waren, hatte sie mit einigen Vorurteilen zu kämpfen - Deutsche könnten keine Manga zeichnen und ähnliches. Inzwischen sind deutsche Mangaka akzeptiert, und wenn Judith heute Kritik bekommt, ist sie in der Regel gut und konstruktiv. Friederike von Ludowig ergänzt, dass auch Carlsen als Verlag sich über die große Zahl an deutschen Zeichner freut, da sie so viel Material zum Veröffentlichen haben.

Eine Frage an Carlsen: Ist es eigentlich für einen Verlag angenehmer, einen deutschen Mangaka durch den Entstehungsprozess eines Manga zu begleiten oder einen abgeschlossenen, aus Japan eingekauften Manga "nur" zu übersetzen?

Dazu kann Friederike von Ludowig nicht viel sagen, da sie nicht aus der Redaktion, sondern aus der Carlsen-Presseabteilung kommt. Aber Judith weiß von ihrer Redakteurin, dass diese ihr oft Feedback während der Arbeit gibt. Bei einem deutschen Manga kann sich auch ein Redakteur kreativ einbringen, was beim reinen Umsetzen eines "fertigen" Manga aus Japan kaum möglich ist.

Nicht zuletzt durch die Erfolge der deutschen Manga-Zeichner wird inzwischen öfter davon geredet, dass Manga zu einem internationalen Phänomen wird und sich von Japan als Ursprungsland "loslöst". Wie siehst Du das?

Für Judith macht die für uns unvertraute Kultur des Ursprungslandes Japan einen großen Teil des Reizes aus, den Manga ausüben. Manga-Fans interessieren sich auch für japanische Musik, japanische Mode, japanische Küche oder japanische Sportarten.

Aber ist das nicht eher eine Folge des Manga-Lesens? Die Fans finden die Comics aus Fernost toll und möchten mehr über das Land erfahren, wo so tolle Dinge herkommen.

Judith glaubt, dass für viele Fans Japan auch ohne Manga interessant wäre. Friederike von Ludowig ergänzt, dass Manga gerade für Jugendliche einen bezahlbareren Einstieg darstellen. Ein Manga-Band für fünf oder sechs Euro ist eher mal drin als beispielsweise eine Reise nach Tokyo.

Gibt es auch westliche Comics, die Du gerne liest?

Judith ist ein Fan von Cartoons wie Calvin und Hobbes, aber auch von Hell Boy oder Spider-Man. Aber leider kommt sie kaum noch zum Lesen. Die letzte Manga-Serie, die sie gesammelt hat, war Peach Girl vor zwei Jahren. Ihre Lieblingsserie ist aber nach wie vor Sailor Moon.

Nao Yazawa, die ja auch hier auf der Buchmesse ist, wird oft vorgeworfen, sie habe in ihrem "Wedding Peach" sich manchmal zu direkt von Sailor Moon inspirieren lassen. Aber in einem Interview hat sie einmal gesagt, dass sie bei der Arbeit an Wedding Peach bewusst Sailor Moon durchgelesen hat, um solche Überschneidungen zu vermeiden.

Judith erzählt in ihren eigenen Geschichten am liebsten über eigene Themen. Das ist aber manchmal gar nicht so einfach, weil es über fast jedes Thema, für fast jede Zielgruppe bereits einen Manga gibt. Deutsche Mangaka haben es aber einfacher als ihre japanischen Kollegen, weil nur ein kleiner Ausschnitt des japanischen Manga-Angebots nach Deutschland kommt.

Hast Du eigentlich schon mal Reaktionen aus dem Ausland auf Deine Manga bekommen?

Hier kann Friederike von Ludowig berichten, dass auch eine große Zahl von Fans im Ausland in den Genuss von Judiths Werken kommen werden. Genauer gesagt werden Judiths Manga in Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland, Estland, Russland und sogar Korea erscheinen. Reaktionen von ausländischen Fans hat Judith aber (noch) keine bekommen.

Vor ihrer ersten offiziellen Veröffentlichung, also als sie noch keiner kannte, war Judith einmal auf einer Convention in Belgien. Dort hatte sie die Gelegenheit, für die anwesenden Fans zu zeichnen, und ist damit sehr gut angekommen. Einige Fans wollten sogar ihre Zeichnungen kaufen. Das würde in Deutschland nicht passieren, meint Judith, hier wollen viele alles möglichst umsonst. Aber diese kleine Anekdote könnte man als Fan-Reaktion aus dem Ausland einordnen.

Wir haben vorhin schon das Vorurteil angesprochen, Deutsche könnten keine Manga zeichnen. Wie halten sich in Deinen Augen die deutschen Zeichner im Vergleich mit ihren japanischen Kollegen?

Viele der japanischen Mangaka, die in Deutschland veröffentlicht werden, zeichnen schon seit vielen Jahren. Mit denen können die deutschen Zeichner, die oft erst relativ kurz dabei sind, natürlich nicht wirklich konkurrieren. Aber auch in Japan gibt es Anfänger und Zeichner, die noch nicht jahrelange Erfahrung haben. Im Vergleich zu denen können sich ihre deutschen Konterparte durchaus sehen lassen, meint Judith.

Judith Park, Friederike von Ludowig, vielen Dank für das Gespräch!
(Das Interview führte Henning Kockerbeck)



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 11.10.2006 - 11:43
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
«« Der vorhergehende Bericht
Sondermann 2006 eine Kritik
Der nächste Bericht »»
Sondermann 2006 - Die Preisverleihung