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La Revue Dessinée: Ein Magazin für Comicjournalismus
Der Comicjournalismus ist auf diesem Comic-Salon ein inhaltlicher Schwerpunkt und wird aus vielen unterschiedlichen Blickpunkten betrachtet. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit dem in Europa einzigartigen „Revue Dessinée“, einer französischsprachigen, vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift, die ausschließlich Comic-Reportagen, -Features und -Kolumnen veröffentlicht. Interviewt wurden dazu Sylvain Ricard, Mitgründer der Revue Dessinée, und Cécily de Villepoix, Comiczeichnerin und Illustratorin.

Ricard kommt ursprünglich aus der medizinischen Forschung und widmet sich seit 2001 ganz den Comics. Mittlerweile hat er etwa 30 Bände als Szenarist herausgegeben. Auch de Villepoix ist nach einer ersten Karriere als Bühnenbildnerin im Jahr 2003 zum Comic gewechselt. Sie hat bislang 4 Alben herausgebracht und bei unterschiedlichen Zeitschriften mitgearbeitet, des Weiteren ist sie auch als Illustratorin tätig. In der Revue Dessinée veröffentlicht sie eine wissenschaftliche Chronik, worin sie von wissenschaftlichen Experimenten aus der Vergangenheit und vor allem der medizinischen Forschung berichtet, und wie sich daraus die moderne Medizin entwickeln konnte. Sie findet es vor allem interessant, die Experimente und medizinische Weiterentwicklung zu portraitieren. Ihre Chroniken handeln von den Pionieren der Medizin, vor der Entdeckung der Anästhesie, wie sich die medizinische Forschung früher dargestellt hat und wie sie sich von den Anfängen der Medizin bis heute entwickelt hat.

Kurz zur Entstehungsgeschichte: Für die Revue Dessinée haben sich verschiedene Comickünstler und ein Journalist zusammengetan, um das zu erschaffen, was sie selbst gern lesen würden. Nun hat die Zeitschrift eine gedruckte Auflage von 20.000 Exemplaren und mittlerweile 7500 Abonnenten, und es gibt sogar eine Jugendversion.

Entstanden ist die Zeitschrift vor allem, weil den beteiligten Comiczeichnern langweilig war. Sie arbeiten normalerweise alleine und von zu Hause aus, und so haben sie sich als Freunde zusammengetan und sich gefragt, was sie tun können um der Langeweile zu entkommt. Bei der Überlegung, was sie denn interessiert, stellten sie ein gemeinsames Interesse für Comics (nicht verwunderlich) sowie für Journalismus fest, und haben daraufhin beschlossen, dieses Magazin zu gründen. Sie hatten natürlich kein Geld, Verlage konnten oder wollten auch nicht helfen, und so haben sie ihre erste Auflage durch Liebhaber und Fans finanziert. Die hat sich so gut verkauft, dass weitere Ausgaben finanziert werden konnten, und so ist die Zeitschrift bis heute ein Erfolgsrezept.

Wie funktioniert das Ganze? In der Bezahlungspolitik der Zeitschrift herrscht ein gemeinschaftlicher Gedanke: Jeder Beteiligte verdient etwa das Gleiche, ca. 150 Euro pro Seite, aber die Rechte bleiben bei den Zeichnern, so dass sie ihre Werke weiter nutzen und auch Verlagen anbieten können.

Die Chefredakteurin bekommt Themenvorschläge, die in einer Besprechung geprüft werden. Hier wird festgelegt, welche Themen in welchem Umfang umgesetzt werden sollen. Danach bekommen die Zeichner die Aufträge, das Beschlossene umzusetzen. Bis wann die jeweilige Story fertiggestellt werden kann, legen die Zeichner selbst fest. Daraus ergibt sich, in welcher Ausgabe die jeweilige Story erscheint. Die Redakteure planen die Zeitschrift nicht weit im Voraus, und können auch nicht im Voraus buchen oder bezahlen. Auf diese Weise gibt es viel Vielfalt und jede Ausgabe wird auch ein bisschen zum Zufallsprodukt. Es gibt zwar immer Leser, die mit dem Schwerpunkt einer Ausgabe nicht zufrieden sind, aber so kann man sicherstellen, dass für jeden Leser immer etwas mit dabei ist.

Außerdem gibt es eine enge Zusammenarbeit zwischen der Revue Dessinée und der Kulturabteilung des Bildungsministeriums. Etwa 30-35% der Abonnenten sind Schulen. Die Revue Dessinée will nämlich auch Jugendliche für Politik interessieren: Oft verlieren Jugendliche das Interesse an der Politik, finden Ricard und de Villepoix, und dieses verlorene Interesse komme oft nicht mehr zurück. Sie wollen darum Themen wählen, die Jugendliche interessieren. Häufig werden Menschen von einer Masse an Informationen ohne Kontext überschüttet, was sehr verwirrend ist. Diesen Kontext wollen sie den Jugendlichen mitgeben.

Dass übrigens die Zeichner selbst Themenvorschläge einbringen, passiert eher selten. Sie arbeiten immer mit einem Journalisten zusammen, so dass ein Zeichner und ein Journalist ein Team bilden, und zwar aus dem Grund, weil die Journalisten das journalistische Wissen mitbringen und Fakten recherchieren. Ausnahmen gibt es nur bei Reportagen, daran arbeiten auch mal nur Zeichner. Vorschläge von Zeichnern sind meist Herzensthemen und die Zeichner haben in der Regel schon sehr feste Meinungen darüber, aber die Journalisten haben gelernt, „beide Seiten“ eines Themas zu recherchieren und einzubinden.

Was halten Ricard und de Villepoix von der Frage aus dem Publikum, ob Zeichner, die als Comicjournalisten arbeiten wollen, nicht eine journalistische Grundbildung benötigen? Ricard sieht in Zeichnern nicht nur Handwerker, sondern auch Autoren, aber eigentlich setzt der Zeichner das um, was der Journalist liefert. Die Chroniken von de Villepoix sind ein Sonderfall, dort arbeiten keine Journalisten mit, aber es ist auch keine journalistische Analyse erforderlich. Häufig ist es so, dass Comiczeichner im Vorfeld oder parallel zum Zeichnen mehrere Berufe ausgeübt haben. Ricard fände es darum nicht gut, wenn es eine Ausbildung zum Zeichnenden Journalisten gäbe, weil sonst alles zu einheitlich würde und die Vielfalt der Zeichner verloren ginge.

Zum Thema Comicjournalismus gibt es auf diesem Comicsalon auch eine Ausstellung. Dort gibt es viele Zeichner, die sich auch ohne beteiligte Journalisten oder journalistische Kenntnisse einem Thema gewidmet haben. Was halten die beiden davon? Prinzipiell, meinen sie, kann man ja immer darüber diskutieren, was Gezeichneter Journalismus ist. Ihre Vorstellung davon ist ein „normaler“ Artikel, der mit Comics illustriert ist. Die Zeichner sieht Ricard eher als Sammler, Zeugen, und Präsentierer von Informationen, während Journalisten auch den Kontext sehen, tiefer gehen, mit Kennern sprechen. Er bezeichnet die nur-Zeichner-Arbeiten eher als „realitätsnahe Comics“. Aber in diesen Arbeiten sieht er einfach nur einen anderen Ansatz, der weder schlechter noch hochwertiger sei als seiner. Das Problem in der ganzen Diskussion sei allerdings auch, dass man ganz unterschiedliche Menschen als Journalist bezeichnet – von Tenniskommentatoren bis zu jemandem, der drei Jahre für ein Thema recherchiert hat.

Wahrheitssuche kann nun mal eben schnell oder langsam gehen. Wir sehen also, auch mit Comics kann man ganz unterschiedlich an das Thema herangehen. Die Möglichkeiten sind vielschichtig, und vielleicht führt das ja dazu, dass es bald auch in unseren Breiten ein Magazin mit Comicjournalismus gibt. Das wäre in jedem Fall zu begrüßen!



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 14.06.2018 - 00:09
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Skrollan Kannengieer
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