SplashpagesSplashbooksSplashcomicsSplashgamesComicforumImpressumEntertainweb


In der Datenbank befinden sich derzeit 43 Events. Alle Events anzeigen...
Specials Eventspecials

Zum Comic "Die Kraft der heil(g)en Familie" – ein Interview mit Sonja Schlappinger
Vorweg: Was im Titel irgendwie nach Familienratgeber klingt, wird schon beim Anblick des dicken schwarzen Buches als gegenteilig entlarvt. Tatsächlich geht es hier um die autobiografische Aufarbeitung eines Missbrauchs in der eigenen, engsten Familie, und das auch sehr explizit. Im Gespräch mit der Autorin wurde skizziert, wie es zur Entstehung dieser Geschichte kam.

Schlappinger hat als Kind Comics gelesen und gezeichnet, es dann aber für 30 Jahre „vergessen“ und erst mit 40 wieder angefangen. Sie konnte keine Kinder kriegen und bekam von ihrem Therapeuten empfohlen, etwas Kreatives zu machen. Das war der Zeitpunkt, an dem sie beschlossen hat, wieder Comics zu zeichnen. Aber da es in jeder Beschreibung zu Comicseminaren immer hieß, dass man erstmal Kunst studiert haben sollte, hat sie dann tatsächlich zunächst erstmal das gemacht.

Schlappinger hat auch beim Film gearbeitet sowie beim Improvisationstheater. Das hat ihr stets gut gefallen, mit der Ausnahme, in der Arbeit immer abhängig von anderen zu sein. Außerdem ist sie Softwareingenieurin, hat eine Journalismusausbildung und schreibt Geschichten und Gedichte. Für sie ist ein Comic wie ein kompletter Film, aber man ist in der Erstellung komplett unabhängig und kann alles selbst entscheiden – wie der Ablauf ist, wie die Kostüme aussehen sollen, wie sich die Charaktere verhalten sollen und so weiter.

Ab 2013 begann Schlappinger, tatsächlich Comicworkshops und Seminare zu besuchen. Dabei sind Bilder mit expliziten Darstellungen entstanden, auch Bilder zu eigenen Missbrauchserlebnissen in ihrer Kindheit, sowie Verunglimpfungen der Kirche (das spezielle Seminar fand in einem Kloster statt). Diese Bilder bekam jemand bei einer christlichen Missbrauchs-Präventionsstelle in München zu sehen und war so begeistert, dass er Schlappinger gebeten hat, noch mehr solcher Bilder anzufertigen, um damit mit Missbrauchsopfern zu arbeiten, die keine Worte für ihre Erlebnisse finden können. Im Lauf der Zeit kam Schlappinger dann zu dem Entschluss, ihre eigenen Erlebnisse in einem Comic aufzuarbeiten.

Schließlich belegte sie ein Comicseminar mit Barbara Yelin zum Thema „Erinnerungslücken“, in dem der finale Entschluss fiel und sie sich konkret mit dem Zeichnen des Comics beschäftigt hat. Einige Bilder sind auch bereits schon im Vorfeld entstanden. Barbara Yelin war begeistert und gefesselt von dem Vorhaben und hat Schlappinger in dem Prozess und in der Entstehung des Comics unterstützt.

Zum Comic selbst: Bereits von außen wird deutlich, dass es sich um keine leichte Erzählung handelt. Der Comic hat ein schwarzes Hardcover, ist groß und schwer, und auch im Inneren kam man die Story nicht einfach überfliegen. Es gibt keine klassische Panelanordnung, sondern viele „Erzähltableaus“ im Querformat, die sich im Aufbau immer wieder an mittelalterlichen Kirchen- oder Altarbildern orientieren. Auch die Geschichte selbst verläuft nicht chronologisch, sondern es gibt immer wieder Sprünge und Flashbacks, keine klare Ordnung und keine stringente Geschichte.

Der Comic hat den Untertitel „von Christl“ und beschreibt aus Christls Sicht, welche Probleme sie immer schon mit Nähe hatte, welche Sicht ihrer Kindheit sie hat, und wie sie irgendwann die Liebe ihres Lebens trifft und plötzlich beginnt, Flashbacks von schrecklichen Erlebnissen zu haben, an die sie sich nicht bewusst erinnern kann. Letztendlich zeigt sich, dass sie in ihrer Kindheit vom eigenen Vater missbraucht worden ist, und der Comic beschäftigt sich somit auch mit der Aufarbeitung der eigenen Missbrauchsgeschichte und soll, denke ich, gleichzeitig der Versuch einer Hilfestellung für andere Missbrauchsüberlebende sein.

Schlappinger selbst arbeitet mittlerweile als Coach und Therapeutin. Sie hat sich dagegen entschieden, den Comic unter Pseudonym zu veröffentlichen, damit ihre Erlebnisse „nicht wieder gedeckelt werden“. Das Feedback, was Schlappinger zum Comic erreicht hat, war durchgehend positiv und überwältigend. Viele sagen, dass sie so etwas noch nie gesehen haben, dass dieser Comic nirgends eingeordnet werden kann, er aber stark und berührend ist. Andererseits gibt es Menschen, die mit den Bildern und dem Inhalt nicht klarkommen und es nicht schaffen, den Comic zu lesen. Hier muss jeder für sich selbst entscheiden, ob man sich mit dem Thema konfrontieren kann und will.



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 08.06.2018 - 13:53
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Skrollan Kannengieer
«« Der vorhergehende Bericht
10 Jahre Marvel Cinematic Universe. Ein Zwischenfazit
Der nächste Bericht »»
Journalisten als Superhelden. Eine kurze Ãbersicht.