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Frauen in der Comic-Branche

… gibt es natürlich überall. Am letzten Nachmittag des Comicsalons weiß die aufmerksame Besucherin, dass es auf dem deutschen Comic-Markt von Frauen fast schon wimmelt, dass auf der Max-und-Moritz-Preisverleihung schon gewitzelt wurde dass in 20 Jahren alle Preise an Frauen gehen weil sie die Männer aus der Branche verdrängen werden, dass es sowohl in Indien, als auch an der Elfenbeinküste und in der Türkei weibliche Comiczeichnerinnen und -leserinnen gibt… dem gegenüber, bei der Comicpreisverleihung in Angoulême, standen ausschließlich Männer auf der Longlist und man fühlt sich unweigerlich an die Diskussion über schwarze Oscar-Preisträger erinnert. Offenbar gibt es also immer noch Redebedarf über „Frauen in der Comicbranche“. Oder?

Moderatorin dieser Gesprächsrunde war Brigitte Helbling, und sie selbst schien nicht sicher zu sein, von welchen Frauen eigentlich geredet werden sollte, wo die Relevanz von Frauen in der Branche eigentlich genau liegt (obwohl sie natürlich vorhanden ist!)… darum begann sie das Gespräch damit, die wenigen Fakten darzulegen, die ihr zu dem Thema bekannt sind:

- Die Verbreitung von Frauen in der Comicbranche sowie die Zusammensetzung der Szene haben sich in den letzten 20 Jahren stark verändert, und auch der Comicsalon unterscheidet sich sehr von den früheren.

- Comickünstlerinnen sind nicht besonders erfreut wenn man sie fragt wie es ist eine Frau in der Comicszene zu sein: Claire Bretéchet sagt ja immer „kein Problem“; es gibt viele Hinweise dass die Künstlerinnen lieber über die Kunst als über ihr Geschlecht reden.

- Ihr als Leserin war es wichtig, dass es auch Künstlerinnen gibt, sie mochte es wenn Comics schräg sind und wenn die Comics der Frauen nochmal anders schräg als die der Männer sind. Es war ihr einfach wichtig dass es weibliche Zeichnerinnen gibt, was aber auch nicht an den inhaltlichen Themen der Comics lag. Sie findet „Strangers in Paradise“ wichtig für Frauen und fand raus, dass der Zeichner nicht wie angenommen eine Frau, sondern ein kleiner dicker Mann war. Tja.

- Von welchen Frauen in der Branche reden wir genau? Künstlerinnen, Leserinnen, Händlerinnen, Verlagsfrauen, Professorinnen (als Rollenmodell), Comicjournalistinnen? (die frühen Comicjournalistinnen waren alles Frauen, die erst über Kinderbücher geschrieben haben und Comics toll fanden; die selten erklärend beschrieben sondern einfach Fangirls waren).

- Die Szene verändert sich und ist überall anders: Im deutschsprachigen Raum war es vor 25 Jahren so, dass man erklärt bekam dass Frauen keine Comics lesen. In Japan oder USA wäre das so nicht möglich gewesen, da zwar bestimmte Comics von Frauen weniger gelesen wurden, aber die Funnies wurden in den Zeitungen natürlich auch von Frauen gelesen.

Wo ist die Relevanz von Frauen in der Comicbranche heute? Der Comiczeichner Sascha Hommer bestätigt die Veränderung der Szene, sie fiel ihm ab dem Zeitpunkt auf, wo die Hochschulen präsent wurden. Was heute bei Graphic Novels normal ist, nämlich dass da auch Frauen im Rampenlicht stehen, das war vor 20 Jahren noch nicht so. Sabine Witkowski (Carlsen) findet die Rolle der Professorinnen sehr wichtig als Rollenmodell, sieht das Problem aber darin, dass Verlage mit den heutigen Kanälen die weiblichen Leser nicht gut erreichen. Die Buchhändler haben die Sachen nicht, die Leserinnen interessieren würde, oder aber die Leserinnen kriegen sie „nur“ geschenkt aber suchen nicht aktiv danach. Sie meint, dass Frauen andere Sachen lesen wollen. Nicht unbedingt bei Graphic Novels aber bei einigen anderen, bei den französischen Comics zum Beispiel. Oder die Männer werden nicht von bestimmten Comics angesprochen.

Comiczeichnerin Barbara Yelin denkt dass wir in einer Umbruchphase der Seh-und Lesegewohnheiten sind. Die Comic-Szene ist kleiner und frischer als in Frankreich, darum meint sie dass Änderungen hier einfacher verlaufen, wenn sich hier die Gewohnheiten ändern. Yelin sieht einen Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich: Dort wurde sie z.B. gefragt ob sie die Freundin eines Zeichners ist, während es hier normal ist, Zeichnerin zu sein.

Joachim Kaps (Tokyopop) findet, dass es hier eigentlich eher vier verschiedene Comicmärkte gibt, die alle unterschiedlich sind. Damals war der Comicsalon ein klassischer Comicmarkt mit der Papierbörse, alles francobelgisch mit ein paar Superhelden. Die dazugewachsenen Flanken Manga und Graphic Novel waren nicht vordefiniert, hatten kein Schmuddelimage und  haben sich darum freier im alten Markt bewegt. Darum sieht er einen Unterschied und mehr Entspannung als früher, aber wenn heute eine Frau sagt „ich mache einen Superheldencomic“ fällt das trotzdem noch sofort auf.

Bei Comics ist nicht viel Geld im Spiel, Grabenkämpfe machen nicht viel Sinn sagt Brigitte Helbling. Kaps sagt, dass die „Elefantenrunde“ (die Treffen der großen Verlage) früher voller Machtkämpfe und „Rüsseleien“ waren. Auch Helbling sagt, jetzt ist mehr Normalität eingetreten.

Statistiken der Verlage über die Verteilung der Leser gibt es übrigens eigentlich keine, da es keine teuren Marktforschungsstudien gibt. Manga in Deutschland bestand von Anfang an sowohl aus Dragon Ball als auch Sailor Moon, und wurde auch „geschlechterquer“ gelesen, darum hält Kaps die Manga-Leserschaft für ausgeglichen.

Der Carlsen Verlag wurde für seine Frauenkampagne völlig zerrissen. Bei Tokyopop klappt es ganz gut mit den romantischen Liebesgeschichten und den Abenteuergeschichten. Frauen lesen und kaufen mehr Bücher als Männer, sind sich alle einig –  das Problem, dass Frauen kaum Comics kaufen, scheint daraus zu bestehen dass sie nicht wissen dass es gute Comics gibt.

Helblings Einstieg in die Erwachsenencomics kam durch die Neuauflagen der Superheldencomics. Yelin meint, dass es auch nicht „die Männer“ waren, die Comics gelesen haben, sondern sie auch nur eine Nischengruppe waren, die vielleicht durch die Themen männlich dominiert war.

Kaps findet es an sich nicht falsch, zum Verkauf von Comics auf gewisse Signale zu setzen wie „für Frauen“, das macht es leichter für einige, den Einstieg zu finden. Man könne nach Alphabet im Regal sortieren… oder eben nach Genre. Genres seien auch nur ein Tool um sich zurecht zu finden. In Plattenläden war die Musik früher auch nach Genre sortiert. Yelin findet, man solle lieber thematisch sortieren als nach Geschlechterzuordnung, denn Frauen interessieren sich vielleicht mehr für gewisse Themen, und außerdem können sich die Leser so auch besser orientieren, egal welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlen.

Vielleicht ist die Tatsache, dass in der Comicbranche im Moment noch weniger Frauen vertreten sind auch dadurch bedingt, dass Männer genau wie in praktisch allen anderen Bereichen auch hier einfach häufiger in hohen Positionen anzutreffen sind. Sascha Hommer hat das Gefühl, dass immer mehr Männer als Frauen vertreten sind, sobald es um Geld geht.

Dem aufmerksamen Leser wird nun aufgefallen sein, dass es auch am Ende dieser Gesprächsrunde keinen wirklich sinnvollen Grund gab, diese Gesprächsrunde zumindest rückwirkend zu rechtfertigen. Nicht, dass ich dagegen wäre, zu diskutieren, warum es auch in der Comicbranche immer noch mehr Männer als Frauen gibt; aber wenn sich ein Großteil des Gesprächs darum dreht zu diskutieren, wie man mehr Comics an weibliche Leser verkaufen könne, getarnt als Besorgnis, dass Frauen viele gute Comics verpassen weil sie einfach nicht wissen, dass es gute Comics da draußen gibt – dann kann man glaube ich getrost auf solche Gesprächsrunden verzichten, bis jemand tatsächlich mal einen sinnvollen Gedanken dazu hat.



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 09.06.2016 - 00:22
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Skrollan Kannengieer
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