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Funktionen von Grenzen in Israel-Palästina-Comics (ein literaturwissenschaflticher Exkurs)

Kurz vorweg: Hier geht es um eine literatur- und soziokulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Comics, am Beispiel von Funktionen von Grenzen in Israel-/Palästina-Comics. Keine Angst, es ist wirklich interessant, Comics mal aus anderen Augen zu betrachten (findet die Literaturwissenschaftlerin in mir), also folgt mir auf diesen kurzen Ausflug durch den Vortrag von Angela Guttner. (Der Vollständigkeit halber: In unserem Beispiel kommt die Grenze eher in pro-palästinensischen Comics vor, da sie in israelischen Comics weniger eine Rolle spielt. Hier soll aber in keinster Weise irgendeine politische Note oder Überzeugung vermittelt werden.)

Grenzen fungieren nicht nur als Resultat, sondern auch aus Auslöser eines Konfliktes, erklärt Angela Guttner zunächst. In erste Linie fungiert eine Grenze natürlich als Trenner im Raum: Sie bilden nicht nur Grenzen zwischen geografischen Räumen, sondern auch zwischen Gegensätzen, also als Markierung, dass wir an der Grenze ein Gebiet betreten, was eine andere Beschaffenheit als das eigene Gebiet hat. Der Kultursemiotiker Lotman geht immer von einer Grenze in Texten aus, insofern, dass irgendwo in der Story eine Art von Grenze überwunden werden muss. Erzählmythen / Heldenreisen haben demnach immer dieselben Stationen. Exemplarisch seien hier „der Grenzwächter“ und „das Elixier“ aufgeführt - letzteres kann, literaturwissenschaftlich betrachtet, auch eine neue Erfahrung sein, die den Protagonisten nach dem Genuss des Elixiers im weiteren Verlauf der Handlung anders handeln lässt als zuvor.

Um das große Foto zu sehen, bitte hier klicken!
ComFor 28.05. 11:30
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Weiter in Betracht ziehen kann man die Grenze als Aktant, also als nicht menschlichen Akteur, der die Handlung beeinflusst: Sie kann wie ein Mensch auch „Beziehungen“ eingehen und besitzt eine gewisse Handlungsmacht. Der Fokus liegt hier auf der Grenze an sich. Es gibt verschiedene Techniken um eine Grenze Macht auszuüben: Sie stilisiert Gruppen als Opfer durch eine gewisse Einteilung von Räumen; sie trennt die Masse vom Individuum. Eine weitere Strategie ist das Unsichtbarmachen von Macht, zum Beispiel in dem Motiv des Überwachens als Sonderform der Macht. Verdeutlicht bezieht sich dies auf Darstellungen von Wachtürmen oder anderen Türmen als Symbol der absoluten Überwachung.

Außerdem fungiert die Grenze als Kommunikateur: Sie wird eingesetzt für implizite Verweisstrategien, und das bedeutet im Klartext, dass die Grenze gar nicht als „richtige Grenze“ auftritt oder gezeigt wird, sondern im quasi Subtext angedeutet wird. Zum Beispiel indem Käfige thematisiert werden, Blickbarrieren in den Panels auftauchen und den Blick des Lesers einschränken oder einfach andere Grenzen wie Zäune oder kleine Mäuerchen gezeigt werden, um auf eine tiefere Symbolik zu verweisen.

Zuletzt können Grenzen auch Orte der Begegnung sein, oder auch unauffällig als Medium genutzt werden, z.B. indem man Graffitis an einer Mauer zeigt und damit eine versteckte Kommunikation zwischen Figuren, dem Leser und dem Schreiber ermöglicht.

Wir fassen zusammen: Grenzen in israelisch/palästinensischen Comics treten auf als trennendes Objekt, haben eine Wirkungsmacht als Aktant, können Macht ausüben und/oder Beziehungen eingehen, und sie eröffnen dem Leser neue Betrachtungsfelder durch implizite Verweisstrategien (das mit dem Graffiti und der tieferen Symbolik).

Ich hoffe ihr habt das alle gut verstanden. Nächste Woche: Unangekündigter Test.

Ernsthaft: Das war wirklich eine spannende Herangehensweise. Mit den Bildbeispielen im Video ist es sicherlich ein bisschen nachvollziehbarer. Viel Spaß damit!



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 03.06.2016 - 08:07
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Skrollan Kannengieer
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