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Musikalische Nachbarn und die transatlantischen (Panel-)Grenzen der Erträglichkeit

„Musik inspiriert, begeistert, verzaubert – sie kann aber auch fürchterlich stören. Dilettierende Katzenmusikanten, dampfbetriebene Rieseninstrumente, die auf Wagners ‚Zukunftsmusik' verweisen sollen, Bühnenvirtuosen, die reihenweise Pianos zerstören, und Nachbarn, die lärmende Hausmusik betreiben: Im 19. Jahrhundert sind sie ein beliebtes Thema, das die europäische Karikatur in neuen Darstellungsweisen humorvoll inszeniert. Auch in US-Comics gehen sie ein, vermittelt über Grenzgänger – diesem ästhetischen Transfer geht der Vortrag von Dr. Christian A. Bachmann mit Beispielen u. a. aus der Feder von Busch, Landells, Schließmann und Outcault nach.“

So gelesen im Online-Programmheft des Comicsalons. Und tatsächlich erläuterte Bachmann höchst kurzweilig, dass Comics als „nationales Phänomen“, also so eingeschränkt, eigentlich nicht gesehen werden können und konnten. Immer liegen auch Transferprozesse vor, auf die im Folgenden anhand von Comics über Musiker eingegangen werden soll.  Wer es gern ausführlicher haben möchte, dem sei Herr Bachmanns Buch ans Herz gelegt, aus dem dies bloß ein kleiner Ausschnitt ist. Insgesamt hat er ca. 1000 Comics und Strips über Musikerfiguren gesichtet. Wo finden sich also Parallelen?

Es geht los, natürlich mit Wilhelm Busch und seiner Zeichnung „Der Virtuos (Ein Neujahrsconcert)“: Man sieht lange Haare, lange Finger, eine hagere Gestalt. Für alle damaligen Leser sofort erkennbar, handelte es sich um eine Karikatur des Pianisten Franz Liszt. Dieser war ein berühmter Musiker zu der Zeit, geradezu ein Star, und mit ihm haben sich natürlich auch Karikaturisten beschäftigt. Auch Jean-Pierre Dantan: Er machte 1836 eine Skulptur von Liszt mit sehr langen Haaren, und Busch kannte diese Tradition genau. Ein anderes, wiederholt auftauchendes Thema der Virtuosen-Karikaturen waren mehrere Arme / Unterarme / Finger, sowie ein Taschentuch, das hinten aus der Hose ragt… die Karikaturisten kopieren sich gegenseitig, und aus einer Darstellung des Virtuosen Liszt wird irgendwann eine stereotypische Darstellung.

In Amerika waren die berühmten „Fliegenden Blätter“ aus Deutschland auch bekannt, ähnlich war auch die Zeitschrift „Puck“ in den USA gestaltet. Auch hier wurden Geschichten über Musiker gezeichnet, oft mit Bildunterschriften mit den Musikstilen oder –teilen eines Auftritts. Teilweise handelt es sich hier um genaue Nachzeichnungen aus den Fliegenden Blättern. Die Stereotypen der deutschen Karikaturen übertragen sich so fast 1 zu 1 auf die in Amerika entstehenden Comics.

Als sich Anfang des 19. Jahrhunderts das Klavier durchsetzte und jede bürgerliche Familie eines besaß und benutzte, gab es allenthalben Probleme mit der lauten Musik. Daraus entwickelt sich ein weiteres beliebtes Thema in frühen Comics, nämlich das der „Musikalischen Nachbarn“: Krach in angrenzenden Zimmern. Entweder handelt es sich um zwei Musiker, die sich mit ihren unterschiedlichen Instrumenten akustisch in die Quere kommen, oder ein oder mehrere andere Menschen werden durch die Anwesenheit eines Musikers in ihrem Mietshaus gebeutelt. Fast immer wurden dazu sogenannte „Folding Doors“ als Türen zwischen zwei Zimmern dargestellt, was mithin zu einem Balken zwischen zwei Bildern, also quasi einer Panelgrenze wurde, die sowohl horizontal als auch vertikal eingesetzt und sogar in Werbeanzeigen übernommen wurde. Panelrahmen und Hauswände sind so ineinander übergegangen. Bachmanns Theorie nach könnte das auch durch das Entstehen von Puppenstuben angeregt worden sein, die Anfang des 19. Jahrhundert aufkommen. (Jedoch an dieser Stelle der Hinweis, dass Bachmann damit nicht sagen möchte, dass auf diese Weise Panelgrenzen in Comics entstanden sind! Es könnte aber vielleicht dazu beigetragen haben, sie so zu etablieren.)

Eigentlich unnötig hinzuzufügen, dass das Virtuosenstereotyp und das der Musikalischen Nachbarn noch in den 1990ern in einem Disneystrip quasi genauso vorkommt und sich praktisch unverändert in Troubadix und der Castafiore fortsetzt und selbst bei den X-Men, wenn auch abgeändert, noch eine Art von Rolle spielt. Gleichzeitig findet diese Entwicklung natürlich parallel auch in anderen Medien statt: Micky Maus Filme, Literatur, Funk und Fernsehen… da haben wir die transatlantischen Panelgrenzen und die grenzenlose Erträglichkeit :-)



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 02.06.2016 - 23:52
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Skrollan Kannengieer
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