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Kan Takahama (oder der Aufbau japanischer Manga-Serien)

Kan Takahama, Mitglied der jungen japanischen Zeichner-Avantgarde, hatte ihren Vortrag eigentlich für Mangazeichner gedacht, leider war aber, wenn man nach Handzeichen ging, keiner anwesend. Wir anderen haben trotzdem aufmerksam verfolgt, wie Takahama vorgeführt hat wie man in Japan mit Verlagen arbeitet und wie sie ihre Mangas aufbaut. Es gibt in Japan ganz unterschiedliche Arten wie man Manga präsentiert, für Zeitschriften ist es ein ganz anderer Prozess als für Bücher. Wenn man eine Serie zeichnet, hat man sehr wenig Zeit zum Recherchieren und zum Überlegen wie die Geschichte aufgebaut werden soll. Daher geht es im Folgenden darum, wie man die wenige Zeit am effektivsten nutzt.

Takahama hat in einem kleinen Verlag veröffentlicht, immer ca. 20 Seiten pro Monat. Vor ca. 10 Jahren war es in Japan so, dass Autoren von den kleinen Verlagen nicht bei Mainstreamverlagen veröffentlicht wurden und umgekehrt, das war ganz klar getrennt. Aber irgendwann gab es zu viele Mangas in Japan. Mainstreamverlage haben überlegt wie sie neue Ideen reinbringen können und daraufhin auch Zeichner von den kleinen Verlagen in ihr eigenes Verlagsprogramm geholt. Auch Takahama hat ein Angebot bekommen, über Monate hinweg in einer Zeitschrift zu veröffentlichen,  und musste sich daraufhin spezielle Techniken für so schnell hintereinander folgende Veröffentlichungen aneignen.

Wenn man eine längere Geschichte in einem großen Verlag macht, z.B. Jump, dann handelt es sich um Teamarbeit, einige Zeichner kümmern sich nur um Charaktere, einige nur um die Geschichte; der Autor ist überall drin und sein Team unterstützt ihn. Bei kleineren Verlagen ist der Zeichner mit dem Redakteur ein Zweiergespann und muss demensprechend seine Ideen und Techniken entwickeln. Bei ihr war es so, dass sie mehr oder weniger auf sich selbst gestellt war und alles vom Aufbau der Geschichte bis hin zum Zeichnen selbst machen musste. Sie hat viele Bücher zu dem Thema gelesen und Filme angeschaut, hat Szenen analysiert und sich die Techniken angeeignet. Sie glaubt aber, dass sich die generelle Vorgehensweise in Zukunft weiter verändern wird.

(An dieser Stelle entstand eine kleine Pause im Vortrag. Takahamas Ipad sollte eigentlich mit dem Beamer kommunizieren, und alle versuchten auf der japanischen Nutzeroberfläche in die Systemsteuerung zu kommen und die richtige Einstellung zu finden… hat ein bisschen gedauert. Wunderwelt der Technik. Aber schließlich siegte mal wieder der Mensch über seine Maschinen.)

Im Folgenden geht es also um Takahamas persönliche Vorgehensweise, wenn sie eine neue Mangaserie angeht. Viele in Japan arbeiten ähnlich, wenn vielleicht auch nicht ganz so penibel… Zu Beginn einer neuen Serie werden die Zielgruppe und das Konzept der neuen Geschichte festgelegt. In Takahamas Beispiel war die Manga-Fortsetzungsstory an Männer über 40 Jahren mit gewissen Vorkenntnissen und Interesse an Geschichte gerichtet. Es wurde diskutiert, welcher Teil der japanischen Geschichte genommen wird, und es gibt ja schon viele Samurai-Geschichten; in diesem Fall wurde das Ende der Samurai- / Edu-Zeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts gewählt. Das Ganze wird dann weiter eingeengt, das Rotlichtviertel soll als Bühne der Geschichte dienen. Normalerweise ist es in jener Zeit und jenem Viertel eher düster, das wollte man vermeiden.  Darum sollten eher normale Leute und ihre Gedanken in die Story eingebracht werden.

Sobald das Konzept steht, muss man die Charaktere herausarbeiten, dafür recherchiert sie, liest und schaut Filme, es können in einem Monat auch schon mal bis zu 10 Bücher werden. Es ist ihr ganz wichtig, dass sie erst recherchiert und sich dann die Geschichte überlegt, damit es nicht zu Ungereimtheiten kommen kann. Danach legt sie die Charaktere fest. Dazu bestimmt sie zunächst die Basics. Bei einem Umfang von 20 Seiten pro Folge reichen im Normalfall zwei Charaktere aus. Takahama überlegt erst Namen, Alter, Beruf, Charaktereigenschaften, und was in der Vergangenheit der Figuren zu Komplexen oder Traumata oder dem generellen Charakter der Person geführt hat. Häufig ist es in Japan im Moment so, dass man eine nicht so reife Figur als Hauptcharakter nimmt, damit sie sich im Lauf der Geschichte entwickeln und reifen kann. Bei so einer unfertigen Person kann man sie durch ein Schlüsselereignis reifen und sich entwickeln lassen. Auf 20 Seiten pro Manga-Folge kann man allerdings nicht so viel machen, also handelt es sich inhaltlich häufig nur um drei bis sieben Tage der Story, die sich dann darum dreht, was die beiden Charaktere machen und wie sie vorgehen um die Geschichte voran zu bringen.

Als nächstes teilt Takahama die Geschichte daraufhin ein, wie viele Seiten spezielle Teile der Geschichte haben sollen und was dann pro Seite passieren soll. In dem Stadium der Vorbereitung wird aber erstmal nur die grobe Geschichte aufgeschrieben. Sie benutzt dafür einen Computer und schreibt in Excel so im Lauf einer Woche die Geschichte fertig. Zuerst natürlich die Einleitung, die soll in drei Fortsetzungen der Reihe erzählt werden, dann wird die Einleitungsstory auf die drei Fortsetzungsteile aufgeteilt. In Japan, je nachdem wie viele Fortsetzungen eine Reihe haben soll, kann ein Teil der Geschichte auch mehr Platz einnehmen, aber der Terminplan, wann was erscheinen soll, wird schon im Vorfeld festgelegt. Takahama mach sich ein Heft in dem drinsteht, was jeden Monat in der einzelnen Herausgabe passiert und was sie wann darstellen möchte, ein paar Illustrationen sind auch dabei. Es steht auch dabei in welcher Jahreszeit die Story gerade spielt, welche Pflanzen dann z.B. gezeichnet werden müssen etc.. Sie fertig sich dazu große Plakate an um sich eine Timeline zu machen und alle ihre Recherche-Ergebnisse auf eine Seite schreiben zu können. Sie schreibt auch die Geschichte zunächst als Text auf. Danach, um es dem Redakteur zu zeigen, wird eine Skizze gemacht. Takahama muss in einer Woche 20 Skizzenseiten anfertigen. Danach wird in Excel alles weiter aufgeschlüsselt:  6 Seiten Einleitung = 6 Zeilen für die Einleitung, eine Zeile pro Seite, jede Seite wieder in drei Teile aufgeteilt wo sie reinschreibt was pro Panel passiert. So kann sie direkt erkennen, wo zu viel Platz benutzt wurde oder wo noch welcher benötigt wird.

Japanische Redakteure schauen sich meist diese grobe Aufschlüsselung an; Takahamas Redakteuren reicht es auch, diese Aufteilung zu sehen. Sobald sie diese Übersicht fertig hat, überlegt sie, wo sie dann die Dialoge einsetzt, wo welche Szene hinkommt usw.  Die Redakteure bringen sich stark in die Geschichte ein, es kann sein dass sie ganz viel nochmal neu machen muss. Aber wenn sie die Story direkt in dieser Form präsentiert, kann es sein, dass sie dann nur eine „Zelle“ ändern muss. Sie macht sich dann auch farbliche Striche auf ihren Übersichtszettel, jeder Szene ist dann eine andere Farbe zugeordnet so dass man auf den ersten Blick sieht wo welche Szene ist. In Japan, sagt Takahama, ist es tatsächlich wichtig, nach diesem Schema vorzugehen.

Vor allem bei längeren Werken ist es wichtig sich die Charaktere genau zu überlegen bevor man die Geschichte festlegt. Anfangs hat Takahama die Geschichten nach ihren eigenen Vorstellungen geschrieben. In letzter Zeit fragt sie eher nach was sich verkauft und was gelesen wird, weil die kleinen Verlage Probleme hatten und sie möchte, dass sich die Geschichten gut verkaufen lassen. Verlage und Redakteure tauschen sich immer aus, aber jeder Manga hat auch einen Fragebogen für den Leser mit dabei, „was hat Ihnen gut / schlecht gefallen“. Im Moment verkaufen sich z.B. Gourmet-Geschichten gut, also wenn in den Mangas Küchen und Essen drin vorkommen. Der Markt für Mangas ist sehr segmentiert, es gibt nicht die eine Leserschaft. In Japan ist der Markt für Mangas so breit gefächert wie der für Literatur oder Filme.

Takahama macht das Entwickeln der Geschichte mehr Spaß als das eigentliche Zeichnen. Selbst in Japan wird sie manchmal gefragt, ob es unbedingt nötig ist, die Vorarbeit so detailliert zu betreiben. Ihrer Meinung nach fallen bei Mangas zwar vor allem die Bilder ins Auge, aber bei einem gelungenen Werk sei die Geschichte das wichtigste, und dank ihrer Vorarbeit kann diese nicht zu kurz kommen. Takahama will keine seichten Geschichten abliefern, darum rät sie jungen Autoren immer, auch viel Augenmerk auf die Geschichte und nicht nur auf schöne Bilder zu legen. Sie glaubt im Übrigen dass Deutsche und Japaner sich ähneln, weil beide so detailliert vorgehen.

Falls sich jetzt jemand so wie ich gefragt hat, ob sie eigentlich so wie Yuuki Kodama jeden Tag komplett mit Zeichnen verbringt, erhält leider keine klare Antwort. Ja, früher hat sie es auch so gemacht, bis sie festgestellt hat, dass diese Arbeitsweise schlecht für ihre Gesundheit war. Seitdem baut sie Bewegungspausen ein und hat „auch mal“ einen freien Tag zwischendurch. Tja, Mangaka müsste man sein ;-)



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 02.06.2016 - 23:51
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Skrollan Kannengieer
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