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SOS Méditerranée und Graphic Novel "Liebe deinen Nächsten"

Flüchtlingshilfe und Comics – bislang nicht unbedingt eine alltägliche Kombi. Im Mittelmeer ertrinkende Flüchtlinge sind allerdings eine traurige alltägliche Nachricht geworden. Dem stellt sich Klaus Vogel, Historiker und Handelsschiffkapitän, in der von ihm gegründeten humanitären Initiative SOS Méditerranée entgegen. Das Künstlerpaar Peter Eickmeyer und Gaby von Borstel, bereits in lokale Flüchtlingsinitiativen involviert und bekannt durch ihr 2014 veröffentlichtes Graphic Novel-Debüt "Im Westen nichts Neues", erfuhr im November 2015 von dem Projekt. Daraus hat sich eine spannende Zusammenarbeit entwickelt: Sie werden für ihren neuen Graphic Novel "Liebe deinen Nächsten" im Juni an einer Rettungsfahrt der SOS Méditerranée teilnehmen und das Projekt im Comic porträtieren.

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SOS Mediteranee
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Das Projekt SOS Méditerranée läuft folgendermaßen ab: Mit Hilfe von Spenden wurde das hochseetaugliche Schiff Aquarius gechartert und eine feste Mannschaft gebucht. Ein Tag auf See samt der Rettung und Versorgung von Flüchtlingen kostet 11.000 Euro; nach aktuellem Stand reichen die Spenden für einen Betrieb des Schiffes bis Ende des Jahres 2016. Die Aquarius ist mit allem Nötigen und auch einer Krankenstation ausgestattet und kann 500 Leute zusätzlich aufnehmen. Sie kreuzt durch die internationalen Gewässer des Mittelmeeres und wird vom Maritime Rescue Center, bei dem alle Notrufe zuerst ankommen, zu den einzelnen Einsätzen geschickt.

Wird ein (Schlauch-)Boot in Seenot entdeckt oder gemeldet, fährt die Aquarius sofort in die Nähe des Bootes. Dort werden jedoch erstmal die kleinen Schnellboote zum Flüchtlingsboot geschickt, wo zuerst die Flüchtlinge beruhigt werden müssen und darauf geachtet werden muss, dass das in der Regel völlig überladene Flüchtlingsboot nicht vor den Augen der Retter sinkt, da es vorkommen kann, dass plötzlich alle Flüchtlinge auf eine Seite des Bootes drängen und es so zum Kentern bringen. Als nächstes werden an alle Flüchtlinge Rettungswesten verteilt. Danach werden sie entweder grüppchenweise auf das Schiff gebracht, oder das ganze Schlauchboot wird zur Aquarius geschleppt, wo dann alle zusammen an Bord gehen. Dort angekommen, helfen sofort alle mit, die Flüchtlinge zu versorgen und zur Krankenstation zu bringen. Das Maritime Rescue Center bestimmt dann, wohin die Flüchtlinge gebracht werden müssen; dort gehen die Flüchtlinge dann von Board, und die Aquarius fährt wieder los.

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs um zu klären, warum eigentlich so viele Flüchtlinge vom Mittelmehr gerettet werden müssen:

Bei den Schlauchbooten, die aktuell am häufigsten von den Schleppern genutzt werden, handelt es sich um eine billige chinesische Bauart, mit einem Holzboden voller Dübel und Nägel, auf dem im Lauf der Zeit eine Mischung aus Kerosin und Meerwasser herumschwappt. Viele der Flüchtlinge haben keine Schuhe und verletzen sich dort ihre Füße. Solche Schlauchboote können kaum Seegang überstehen, und im Mittelmeer kommt es durchaus zu 2 Meter hohen (und auch viel höheren) Wellen. In dem Fall kentert so ein Schlauchboot. Und nimmt man es genau, befinden sich alle (!) diese Schlauchboote direkt in Seenot, sobald sie ablegen.

Die meisten der Flüchtlinge, die von der afrikanischen Nordküste die Route übers Mittelmeer versuchen, haben bereits eine gefährliche, monate- oder jahrelange Reise hinter sich, um in Sicherheit zu gelangen. Wenn sie die Reise schaffen, stranden sie oft vorerst z.B. in Syrien, und später sagen sie über die Zeit dort oft, dass alles andere besser ist als die Zustände, in denen die Flüchtlinge dort leben. Was auch ein Grund dafür ist, die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer trotzdem anzutreten.

Haben sich die Flüchtlinge erst einmal Schleppern anvertraut, werden sie beim ersten Anzeichen von gutem Wetter auf völlig überlastete Schlauchboote getrieben. Sollten sich an dieser Stelle Flüchtlinge weigern, die Boote zu besteigen, kommt es durchaus vor, dass sie mit Waffengewalt auf die Boote getrieben oder gleich getötet werden, damit keine Zeugen der Schlepper zurück bleiben.

Manche Flüchtlinge wissen zu dem Zeitpunkt gar nicht was ein Meer ist. Manchen wird erzählt, dass es sich nur um einen großen Fluss handelt der überquert werden muss; wieder andere wissen um die Dimensionen Bescheid aber kriegen nur eine Richtung genannt in die sie fahren sollen, und fahren dann los - nicht in der Hoffnung, dass sie Europa schnell erreichen, sondern dass sie unterwegs gerettet werden, bevor das Schlauchboot seinen Geist aufgibt. Manche Schleuser rufen sogar direkt bei dem Maritime Rescue Center an und teilen mit, dass sie ein Boot auf den Weg gebracht haben.

Für ihren Comic haben Peter Eickmeyer und Gaby von Borstel das Schiff Aquarius bereits besucht und schon einige Skizzen gemacht, bevor das Schiff ausgelaufen ist. Nun werden sie also im Juni für drei Wochen an Bord gehen, um alles selbst mitzuerleben und um mitzuhelfen. Die Storyline des Comics soll wie eine Art Boardtagebuch sein, in der alles vorgestellt wird, alles gezeigt wird was alltäglich passiert, in der natürlich die Rettungen eine zentrale Rolle spielen werden, und evtl. werden auch Lebensgeschichten von Flüchtlingen und die Länder aus denen sie kommen beschrieben. Außerdem schreiben Eickmeyer und von Borstel für einige Zeitungen eine Kolumne, während sie an Bord sind: Geplant ist ein Bordbericht alle zwei bis drei Tage, der dann direkt an die Zeitungen übermittelt wird.

Es gibt für alle Helfer genaue Regeln bezüglich der Persönlichkeitsrechte der Flüchtlinge, an das sich alle halten müssen. Es ist wichtig dass z.B. nicht einfach Fotos der Flüchtenden veröffentlicht werden, da sie teilweise verfolgt werden und ihre Familien noch in ihren Heimatländern sind. Andererseits helfen Bilder und Berichterstattung über Einzelschicksale manchmal deutlich besser um Menschen zur Hilfe zu motivieren, als Zahlen über die riesige Menge an schlimmen und traurigen Schicksalen.

SOS Méditerranée verfolgt drei konkrete Ziele: Leben retten durch den Einsatz ziviler Rettungsschiffe zur Seenotrettung im Mittelmeer, Schützen und Begleiten durch eine medizinische Betreuung der Flüchtlinge an Board, und Bezeugen / Informieren der Öffentlichkeit über die Lage der Flüchtlinge im Mittelmeer. Diese Ziele sind zivilgesellschaftlich und humanitär; es geht nicht um Politik - obwohl es natürlich ein hochpolitisches Thema ist…

"Liebe deinen Nächsten" wird im Splitter Verlag erscheinen, angepeilte Veröffentlichung ist spätestens im Frühjahr 2017. Splitter wird selbst auch einen Teil seiner Einnahmen von dem Buch an SOS Méditerranée spenden.

Wer auch spenden will, kann das tun unter:

SOS Méditerranée Deutschland e.V.

IBAN: DE 04 1005 0000 0190 4184 51

BIC: BELADEBEXXX

Oder über das Spendenformular auf sosmediterranee.org/unterstuetzen/spenden



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 31.05.2016 - 19:31
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Skrollan Kannengieer
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