SplashpagesSplashbooksSplashcomicsSplashgamesComicforumImpressumEntertainweb


In der Datenbank befinden sich derzeit 43 Events. Alle Events anzeigen...
Specials Eventspecials

Künstlergespräch: Marguerite Abouet
Marguerite Abouet, die für "Aya" zusammen mit dem Zeichner Clément Oubrerie 2006 den Preis für das beste Debüt beim Comic-Festival in Angoulême erhielt, ist mittlerweile auch als Fernseh-Autorin tätig. Ursprünglich Szenaristin, ist sie mittlerweile zum Medium Comic "konvertiert", da sie so einerseits auch ernsthafte Themen verspielt bearbeiten kann, und andererseits die Bilder der Comics bei der Vermittlung der Geschichte eine große Rolle spielen.

Abouet ging es in "Aya" darum, ein Bild von Afrika zu vermitteln das sich von dem Bild der europäischen Medien unterscheidet, welches nämlich nicht mit ihren Erinnerungen und Erfahrungen übereinstimmt. Sie wollte ein glückliches Bild von Afrika zeigen, von einem modernen, urbanen Afrika. Sie lässt die Story in den 70ern spielen, da sie auf ihre eigenen Erinnerungen zugreift: Damals sprach man noch vom wirtschaftlichen "Wunder der Elfenbeinküste". Außerdem sollten sehr aktuelle Themen wie Aids etc. in der Geschichte außen vor gelassen werden, da Abouet sich auf andere Themen wie z.B. die Rolle der Frau konzentrieren wollte. Abouet will aber auch politische Geschichten erzählen, ohne die Politik zu sehr in den Vordergrund zu schieben; sie hat Familie und Stiftungen/Bibliotheken in der Elfenbeinküste, darum betont sie ihre eigenen politischen Ansichten nicht so sehr. Aber sie will diese Themen natürlich ansprechen und tut dies mit viel Humor, so dass es nicht so auffällt.

Die Figur "Aya" ist nicht autobiographisch. Sie ist eher Abouets "Tim/Tintin", eine Heldin, eine ziemlich perfekte Frau, die sich stark für ihr Umfeld engagiert. Aya ist Humanistin, will in Afrika bleiben und mithelfen, das Land weiter zu entwickeln. Abouet hat Aya allerdings nicht nur für ein französisches / europäisches, sondern auch für ein afrikanisches Publikum geschaffen. Am Anfang hatte sie kein spezielles Publikum im Kopf, obwohl sie in Frankreich lebt. Zu Signierstunden kamen allerdings zunächst nur Weiße, danach gemischte Paare, und mittlerweile kommen alle Ethnien gemischt zu ihren Signierstunden. Sie interessiert sich aber vor allem für Leute aus Frankreich "mit Migrationshintergrund", die Frankreich noch nie verlassen haben. Die Leser der Elfenbeinküste wiederum finden es toll, dass Abouet auch außerhalb von Afrika ein Publikum hat, das sich für das Leben an der Elfenbeinküste interessiert.

Die Europäer unterschätzen wohl den multikulturellen Aspekt der Elfenbeinküste, vermutet Abouet. Durch die Lage des Landes kommen Menschen aus allen umliegenden Ländern zur Elfenbeinküste, in die Stadt und das Viertel, in dem Aya lebt und auch Abouet damals lebte: Menschen aus Ghana, Senegal, Burkina Faso etc.; alle feierten dort zu den jeweiligen Anlässen mit den Muslimen die muslimischen Feiertage, mit den Christen die christlichen - man war als Kind dort quasi gezwungen, ständig mit andere Kulturen zu interagieren, und darum fiel es Abouet auch nicht schwer, sich in Frankreich, als sie mit 12 dahin zog, auf die fremde Kultur einzulassen.

Aus wirtschaftlichen Gründen hat sich Ayas Viertel in der Elfenbeinküste heute sehr verändert. Die Leute sind ärmer geworden, die Straßen sind voller Verkaufsstände, da die Leute versuchen alles Mögliche zu verkaufen um an Geld zu kommen, aber das Gefühl von Solidarität und menschlicher Wärme ist geblieben. Obwohl von der Politik versucht wurde, die Identität der Elfenbeinküste zu stärken indem man die verschiedenen Ethnien gegeneinander aufhetzt, hat sich eigentlich kaum etwas geändert, da es viele gemischte Familien gibt und viele Leute zusammenhalten.

Abouet wurde oft um Statements gebeten, z.B. zur Flüchtlingskrise, aber sie lehnt immer ab. Sie glaubt, dass jeder seine eigenen Gründe hat, seine Heimat zu verlassen. Sie selbst ging nicht freiwillig nach Frankreich, sondern wurde von ihrer Familie dorthin geschickt. Abouet will nicht ein Sprachrohr für Menschen mit einem anderen Hintergrund sein, der nicht ihr eigener ist, allerdings auch darum nicht, weil sie keine Lösung für das Problem hat. Dazu zitiert sie ein Sprichwort der Elfenbeinküste: "Wenns für einen reicht, reichts auch für zehn." - eigentlich sollte es überhaupt keine Flüchtlingskrise in Europa geben müssen, da genug für alle da sein sollte.

Um das große Foto zu sehen, bitte hier klicken!
Marguerite Abouet
Um das große Foto zu sehen, bitte hier klicken!
Marguerite Abouet
Um das große Foto zu sehen, bitte hier klicken!
Marguerite Abouet

Zusammen mit dem Zeichner Singeon hat Abouet den ersten Band eine Serie um eine Kunststudentin in Paris gemacht, die "Bienvenue" heißt (sowohl der Hauptcharakter als auch die Serie). Auch hier geht es um eine humanistische junge Frau, wie Aya ist sie umgeben von vielen Menschen, die ihr die Möglichkeit geben zu zeigen wer sie ist. Auch ähnlich ist der Ort wo sich die Handlung abspielt. "Bienvenue" spielt in einem Haus, das wie ein Mikrokosmos funktioniert. Abouets Geschichten müssen in Ortschaften spielen die sie gut kennt: In diesem Fall ein französisches 7-stöckiges Haus aus dem 19. Jahrhundert, wo man alle möglichen Leute kennen lernen kann. Jeder kann dort leben. Abouet liebt Paris, für sie ist die Stadt mit keiner anderen europäischen Stadt vergleichbar.

Folgendermaßen beschrieben Abouet und Singeon ihre Zusammenarbeit: Abouet schlug dem Verlag ihr neues Projekt vor, und der hat ihr verschiedene Zeichnungen von unterschiedlichen Zeichnern vorgelegt. Sie schaut bei den Zeichnungen auf das "Universum" des Zeichners, und ihr haben am besten die Zeichnungen von Singeon (Monster) gefallen. Außerdem wurde ihr gesagt dass er aus Martinique kommt, so dass sie am Ende sehr überrascht war, dass Singeon ein Weißer ist.

Abouet bereitet den Comic in ihrem Notizheft vor, normalerweise auch bereits mit fertig ausgearbeiteten Skizzen. Singeon wollte allerdings nur den Text haben, damit er mehr eigene Freiheiten hat, seinen eigenen Platz finden kann und am Ende nicht zu viel Ähnlichkeiten zu Aya zu haben. Bisher war er eher in Fantasy / Science Fiction "zu Hause" und musste sich nun in ein völlig neues Umfeld einarbeiten. Seine erste Reaktion auf die Story war Panik, weil er nicht wusste ob er dem gewachsen sein würde, aber da er auch realistische Sachen zeichnen kann, hat es schließlich gut funktioniert. Allerdings fühlt er sich auf diesem Gebiet nicht so sicher und mag seine sonstigen traumhaften Sachen lieber, aber er empfand es trotzdem als eine große Herausforderung und Bereicherung, diese Serie mit Abouet machen zu können.

Die Gestaltung der Charaktere war ein hin und her zwischen den beiden. Die junge Frau Bienvenue fühlt sich nicht so wohl in ihrem Körper, während ihre Cousine sich sehr weiblich kleidet und fühlt. Abouet wollte dass sie von weißer Hautfarbe ist, aber welche Haarfarbe sie hat, stellte sich erst später in der Zusammenarbeit heraus. Eine Figur sollte aussehen wie Steve McQueen, weil Abouet ihn so toll findet, aber Singeon konnte ihn nicht so zeichnen. Trotzdem waren am Ende beide zufrieden mit der Charakterzeichnung.

Es gibt sehr wenige Erklärungen in der Story, es läuft praktisch alles über Dialoge. Abouets Lust am Dialog kommt daher, dass sie aus einem Land kommt in der man viel spricht. Langatmig eine Landschaft zu beschreiben ist nicht ihre Sache, aber wenn sich zwei Menschen treffen, kann sie da ausführlich drüber schreiben, denn das ist Teil ihrer Kultur. Außerdem schreibt sie viel in der Öffentlichkeit, in der sie viel beobachtet und hört. Eine Story nur durch Dialoge, aber ohne Erklärungen zu schreiben ist spannend, da man immer in der Geschichte mit drin steckt - allerdings ist es auch eine Herausforderung, Szenenwechsel und andere Tageszeiten so zeichnerisch darzustellen.

Mittlerweile ist der dritte Teil von "Bienvenue" erschienen und lädt uns ein, uns ein eigenes Bild von Abouets Willkommenskultur zu machen.



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 30.05.2016 - 08:02
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Skrollan Kannengieer
«« Der vorhergehende Bericht
Interview mit David Boller und Christine Meyer
Der nächste Bericht »»
Künstlergespräch: Andreas