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Vive le Charlie: Karikaturen in Frankreich

Der Zeichenstift kann einen an den Galgen bringen. Das gilt jedenfalls für die politischen Zeichner und Karikaturisten, die über die Jahrhunderte die spitze Feder gegen die Mächtigen löckten. Einen Überblick über die Entwicklung der Karikatur in Frankreich, von der Französischen Revolution bis zu Charlie Hebdo, gab Julien Nairaince vom Deutsch-Französischen Institut Erlangen.

Im Ancient Régime konnte man Karikaturen und freie Meinungsäußerung allgemein mehr oder weniger vergessen. Die Französische Revolution änderte das: Nun gab es sogar einschlägige Regelungen in der Verfassung. Das führte dazu, dass zwischen etwa 1790 und 1800 viele neue Zeitungen gegründet wurden, die die neuen Freiheiten für sich nutzten. Das geschah aber noch praktisch nur in Textform, Zeichnungen waren eine große Ausnahme.

Als Napoléon Bonaparte die Herrschaft übernahm, gingen die Uhren gewissermaßen rückwärts, und die Zensur kehrte zurück. Es gab kaum noch Zeitungen, und Karikaturen des Kaisers waren strikt verboten. Im restlichen Europa, besonders in Großbritannien, blühte dagegen die Kunst der zeichnerischen Kritik. Dadurch wurden auch die wenigen verbliebenen Karikaturisten in Frankreich inspiriert und beeinflusst.

Unter König Karl X. war die Situation, was die freie Meinungsäußerung betrifft, nicht viel anders. Als das Volk gegen den Herrscher aufstand, waren entsprechend mehr Rechte und Freiheiten ein wichtiger Teil der Forderungen. Der "Bürgerkönig" Louis-Philippe gewährte mehr Freiheiten, was zu einem erneuten Aufblühen führte. Neben der neuen Mentalität, mit besserer Bildung und mehr Weltoffenheit der Menschen, spielten aber auch die verbesserten technischen Möglichkeiten eine bedeutende Rolle.

Um 1830 wurden dann mehrere Zeitschriften gegründet, die man als "Ahnen" von Charlie Hebdo bezeichnen kann. Deren Macher mussten aber feststellen, dass sie trotz aller Versprechen und Garantien im Gesetz mit Anklagen und Prozessen konfrontiert wurden. Ein eindrucksvolles Beispiel ist die "Birnenaffäre", in der ein Zeichner die Physiognomie des Königs mit einem Obst verglich. Und wer jetzt an einen deutschen Langzeit-Kanzler denkt, liegt richtig: Die damaligen Titanic-Zeichner ließen sich ausdrücklich von dieser Affäre inspirieren.

Unter Napoleon III. gab es wieder einen Rückschritt, und die wenigstens auf dem Papier vorhandenen Rechte wurden wieder eingeschränkt. In der dritten Republik wurden die Grundlagen für die heutige Pressefreiheit gelegt. Dabei spielte auch der aufkommende Laizismus, also die Trennung von Kirche und Staat, eine Rolle. Karikaturen gingen aber auch in Richtungen, die wir heute als nicht akzeptabel erkannt haben, beispielsweise mit antisemitischen Zeichnungen während der Dreyfus-Affäre.

Während des Ersten Weltkriegs spielte die Karikatur in Frankreich nur eine geringe Rolle, jedenfalls was die "Innenpolitik" Auch während der deutschen Besatzung beziehungsweise unter Vichy hatten Karikaturen gegen die jeweiligen Herrscher nur wenig Chancen.

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Karikaturen in Frankreich
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In den 1950er Jahren begann die Blüte des graphischen Humors, der über das reine Lächerlichmachen des politischen Gegners hinausging. Ein Jahrzehnt später wird die Presse "bissig", die Kritik an der Autorität wird wieder ein wichtiger Faktor. Die Zeitschrift "Hara-Kiri", einer der direkten Vorläufer von Charlie Hebdo, wird 1960 aus der Taufe gehoben. Der Ansatz des Blattes ist gut zusammengefasst in zwei Zitaten: "Humor ist ein Faustschlag in die Fresse" und "Dort wo es am meisten wehtut, musst Du kratzen".

Das tat das Magazin vor allem mit Collagen, weniger mit Zeichnungen im engeren Sinne. 1969 kam zum monatlichen Magazin eine wöchentliche Ausgabe unter dem Titel "L'hebdo Hara-Kiri" hinzu. 1970 war allerdings schon wieder Schluss, als die Macher sich an Charles de Gaulle "vergriffen". Ein reales Unglück in einem Tanzlokal wurde mit dem ebenfalls realen Tod des Kriegshelden und Präsidenten zu einer fiktiven Schlagzeile verwoben. Das bot den Anlass, "Hara-Kiri Hebdo" zu verbieten. Die monatliche Ausgabe hielt noch bis 1985 durch.

Nach dem Verbot gründeten die Satiriker kurzerhand eine neue Zeitschrift, eben "Charlie Hebdo". Der "Vorname" bezieht sich übrigens einerseits auf Charlie Brown, andererseits auf den "Geburtshelfer" de Gaulle. Als 1981 François Mitterand als erster Sozialist Präsident wurde, geriet man quasi in Gewissensnöte: Nun musste man diejenigen kritisieren, mit denen man eigentlich sympathisierte. Der Grund für das vorläufige Ende im selben Jahr lag aber eher an fehlenden finanziellen Mitteln.

1992 gab es dann einen neuen Versuch. Das neue Charlie Hebdo war nicht nur hochwertiger produziert, sondern nahm Alles und Jeden auf's Korn. Zum Ende des 20. Jahrhunderts bildete sich das heraus, was wir heute als politische Karikatur kennen. In letzter Zeit stand Charlie Hebdo wirtschaftlich nicht eben gut da. Nach den Terroranschlägen auf das Magazin - über die hier nicht allzu viele Worte verloren werden sollen - gingen so viel Spenden ein und verkauften die Ausgaben nach den Angriffen sich so gut, dass man überlegen muss, was man mit dem Geld am besten macht.

So gesehen haben die Fanatiker Charlie Hebdo neues Leben eingehaucht. Das kann zwar in keiner Weise die Trauer um die Opfer mildern, ist aber ein erfreulich zynischer Gedanke.

Wer dem Vortrag übrigens selbst folgen möchte, dem können wir unseren Filmmitschnitt empfehlen, den die Kollegen gerade vorbereiten und bald online stellen.



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 28.05.2016 - 08:08
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
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