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Comics aus Autobiographien

Vor lauter Buchmesse komme ich gar nicht mehr zum Berichte schreiben. Hier also nachgeliefert der Bericht über eine Veranstaltung vom Donnerstag:

Drei Autoren, die auf den ersten Blick nur wenig miteinander zu tun haben, haben aber alle drei autobiographische Comics geschrieben: Flix ("held", "Sag was"), Craig Thompson ("Blankets", "Tagebuch einer Reise") und Marjane Satrapi ("Persepolis", "Sticheleien"). Und alle drei ließen sich von Comic-Journalist Andreas Platthaus befragen. Dabei ging es nicht nur darum, ob - wie der Veranstaltungstitel andeutet - die Geschichten "Selbst erleben oder gut erfunden" sind.

Die erste Frage war, wie die Künstler sich den momentanen Erfolg autobiographischer oder autobiographisch angelegter Comics erklären. Craig Thompson ist der Meinung, daß das Medium Comic sich für solche eher intimen, persönlichen Geschichten generell besser eignet als für das große, epische Science Fiction-Abenteuer. Marjane Satrapi fügt an, daß der sehr individuelle Blickwinkel, der eine Autobiographie mit ausmacht, für den Leser eher nachvollziehbar ist als das abstrakte große Bild.

Anschließend wird Flix gefragt, warum er seine Biographie "held" über die Gegenwart bis zu seinem fiktiven Tod weitergeführt hat. Seine Antwort: Er bevorzugt Biographien mit Happy End, wenn beispielsweise Prominente endlich den Durchbruch geschafft haben und auf die Mühen davor zurückblicken. Ein solches Happy End wollte er sich auch verschaffen, in dem er seinen friedlichen Tod nach einem erfüllten Leben schildert.

Craig Thompson erzählt dann von der Entstehungsgeschichte seines "Tagebuch einer Reise". Ursprünglich hatte er die Seiten nur für sich selbst gezeichnet, um auf den vielen Promo-Touren für "Blankets" emotional zur Ruhe zu kommen. Als er aber seinem Verlag die Seiten zeigten, wollte der natürlich ein weiteres Buch des frischgebackenen Bestseller-Autoren herausbringen. Und das möglichst zeitnah zum Bestseller. Also ging "Tagebuch einer Reise" in Druck, während Craig noch auf eben dieser Reise war.

Anschließend ging es um Marjane Satrapis neuestes Buch. "Poulet aux prunes", noch nicht in deutscher Übersetzung erschienen, erzählt von einem Onkel der Zeichnerin. Die hat dort zwar, ähnlich wie Alfred Hitchcock in seinen Filmen, einen Gastauftritt, ist aber nicht die Hauptfigur. Letztere ist nach dem Onkel ihrer Mutter gestaltet, auch wenn die Geschichte, die Marjane Satrapi um ihren Verwandten erzählt, fiktiv ist. Generell ist, so die Autorin, Schreiben immer ein Stück weit aus dem Schreibenden selbst geboren, aber auch ein Stück weit fiktiv und durch die Sichtweise des Autors geprägt. In diesem Buch habe sie besonders frei agieren können, weil sie sich hinter der Rolle eines Mannes "verstecken" konnte.

Eine kleine Anekdote am Rande: Als "Persepolis" erschien, verglich ein Journalist Marjane Satrapis Arbeiten mit Art Spiegelmans "Maus". Die Künstlerin rief sogleich bei Art Spiegelman an, um ihm zu versichern, daß dieser Vergleich nicht von ihr stamme.

Craig Thompson sieht sich selbst als "Cartoonist". Blankets erschien als "Graphic Novel", damit potentielle Leser den Band nicht gleich ohne einen näheren Blick als "nur ein Comic, uninteressant" wieder zurücklegen.

Flix vergleicht Held mit seinem neuen Buch "sag was". Beide sind zu etwa 50% wahr und zu etwa 50% fiktiv. Während in Held allerdings die beiden Hälften hintereinanderstehen, sind sie in "sag was" gut gemischt. Er wollte einfach eine Geschichte über eine Beziehung erzählen.

Bereits als sie glaubte, es würden nie mehr als einige Freunde den Comic lesen, hat Marjane Satrapi sich an eine Regel gehalten: Wer in der Geschichte gut wegkommt, ist mit seinem echten Namen und dem echten Gesicht zu sehen. Bei allen anderen wurden Name und Gesicht geändert. Als "Persepolis" dann ein Beststeller wurde, war sie froh über dieses Verfahren.

Die Eltern von Craig Thompson fühlen sich durch "Blankets" inzwischen nicht mehr persönlich verletzt, können das Buch aber aus religiösen Gründen nach wie vor nicht akzeptieren. Sie halten es für ein "Werk des Teufels". Marjane Satrapi reagierte auf diese Formulierung übrigens mit "welcome to the club"...

Anschließend erzählt sie von ihren Erfahrungen, daß Verlage am liebsten das veröffentlichen, was sich schon mal gut verkauft hat. Deshalb ist sie sehr froh, daß ihr französischer Independent-Verlag L'Association keine solchen Anforderungen stelle. Dort begegne sie nicht nur "Anzugsmenschen", die auf die Verkaufszahlen schauen, sondern die Verleger sind selbst Autoren und verlegen, was sie für verlegenswert halten. Aber interessanterweise bieten ihr ihre neueren Verträge mit großen Verlagshäusern viel mehr Freiheiten.

Craig Thompson sieht das ähnlich: Habibi wird nicht bei seinem bisherigen Haus-Independent-Verlag Top Shelf erscheinen, sondern bei einem großen Verlag. Auch Thompsons neuer Vertrag bei einem "Major" ist viel liberaler als sein alter bei Top Shelf. Meine Vermutung ist jedoch, daß das auch mit den vorhergegangenen Erfolgen zusammenhängt. Der Autor des Beststellers Blankets bekommt einfach einen anderen Vertrag als "the guy named Craig from next door".



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 22.10.2005 - 00:35
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
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