SplashpagesSplashbooksSplashcomicsSplashgamesComicforumImpressumEntertainweb


In der Datenbank befinden sich derzeit 42 Events. Alle Events anzeigen...
Specials Eventspecials

Manga Metropolis

Japan im Allgemeinen und Tokyo im Besonderen - für wohl jeden Manga-Fan der Sehnsuchtsort schlechthin. Lars von Törne (Tagesspiegel) ist im Rahmen eines Stipendiums für Journalisten nach Japan gereist und schilderte auf dem Comic-Salon seine Erfahrungen aus der "Manga Metropolis".

Eine seiner ersten Beobachtungen war, wie selbstverständlich Manga im japanischen Alltag zu sehen sind. Kioske haben prominent platzierte, große Regale mit Manga-Bänden und -Magazinen. Und in Cafés sieht man nicht selten die Leute nicht nur Manga lesen, sondern auch selbst zeichnen. Es fühle sich an, meinte von Törne, als wäre in Tokyo jeden Tag Comic-Salon.

In der U-Bahn werden jedoch nicht mehr so viele Manga gelesen wie früher. Hier hat dem Gedruckten, wie auch sonst so oft, mittlerweile das Handy den Rang abgelaufen. Interessanterweise können sich in Japan, im Gegensatz etwa zu Südkorea, Comics auf dem Smartphone kaum durchsetzen. Entsprechend gehen die Auflagen der Manga-Magazine, in denen die meisten Serien vorveröffentlicht werden, zurück; die Auflagen der Sammelbände (Tankobon) sind bislang noch stabil.

Die Manga-Ästhetik findet man im Alltag aber auch weit über die "reinen" Comics hinaus, beispielsweise auf Werbeplakaten oder auch öffentlichen Hinweisschildern. Das weist schon einmal eine Manga-Figur darauf hin, dass man doch bitte nicht auf den Boden rotzen soll. Oder eine Baustellen-Abgrenzung wird mit rosa Kaninchen im Manga-Style netter gestaltet. Auch für die Manga-Serien selbst wird geworben, wie man in deutschen Städten Plakate für die aktuellen Kino-Blockbuster sieht.

Regelrechte "Kathedralen des Comics", wie von Törne es formuliert, sind die riesigen Comic-Läden. Die können durchaus über 8 Stockwerke reichen, in denen größtenteils Manga angeboten werden. Die bei den deutschen Lesern besonders beliebten Titel nehmen auch dort einen großen Raum ein, dazu kommt ein unglaubliches Angebot weiterer, "kleinerer" Serien.

Beliebt sind auch Manga-Cafés. In denen kann man nicht nur bei Kaffee und Kuchen in Comics schmökern, sondern es gibt auch kleine Schlafräume, die den Cafés eine Art Hotelcharakter geben. Und tatsächlich werden sie oft als Rückzugsräume genutzt, wenn man sich mal für einige Zeit von den Eltern oder der Familie abseilen will.

Lars von Törne hat sich nicht nur Tokyo angesehen, sondern sich auch mit bekannten Manga-Zeichnern getroffen. Einer von ihnen war Jiro Taniguchi, den vorzustellen wohl mittlerweile überflüssig ist. Der Künstler stammt aus einer Kleinstadt und verwendet bewusst das "wilde Treiben" in den Innenstadtvierteln als Schauplätze für seine Geschichten. Aber es gibt in Tokyo auch ruhigere Stadtteile, die man vor allem am Rand der Metropole findet.

Auch (oder gerade) ein Star-Mangaka wie Jiro Taniguchi schafft seine Werke natürlich nicht völlig alleine. Simplere, repetitive Aufgaben wie das Zeichnen von Hintergründen werden an Assistenten deligiert. Das sind oft junge Zeichner, und nicht wenige heute berühmte Mangaka haben als Assistenten anderer Zeichnerstars begonnen. Auch der Verlag und dessen Redakteure sind von Anfang an in die Produktion eingebunden und reden mit. Taniguchi betrachtet es außerdem als Entlastung, wenn er mit Autoren zusammenarbeitet und "nur noch" den graphischen Teil übernimmt.

Ein weiterer Zeichner, den von Törne interviewt hat, ist Yoshihiro Tatsumi ("Gegen den Strom"). Er ist, wie Taniguchi, in Deutschland vor allem bei älteren Lesern als beispielsweise dem klassischen "One Piece"-Publikum beliebt. In Japan sind Manga dieser Stilrichtung längst nicht so erfolgreich. Und westliche Comicfiguren wie Donald Duck oder Snoopy sind zwar weitgehend bekannt und werden als Werbeträger benutzt, aber ihre Geschichten liest kaum jemand.

Nach der Hauptstadt Tokyo hat Lars von Törne das zweite Manga-Zentrum Japans besucht, nämlich Kyoto. Dort befindet sich unter anderem am Stadtrand die Kyoto Sekai University, eine Kunsthochschule mit starkem Mangaschwerpunkt. Die Hochschule gilt als "Nachwuchsbrutstätte" und zieht Studenten aus aller Welt an. Es ist aber überraschenderweise nicht immer von Vorteil, eine Ausbildung an der Kyoto Sekai University im Lebenslauf stehen zu haben. Denn speziell die großen Manga-Magazine suchen gezielt noch jüngere Künstler als die Uni-Absolventen, die ihren eigenen Stil noch nicht gefunden haben, um sie besser auf den "Hausstil" des Magazins prägen zu können.

2005 entstand als Kooperation zwischen der Universität und der Stadt Kyoto das Kyoto International Manga Museum. Diese "Schatztruhe für Comic-Interessierte" hat, so wirbt das Museum jedenfalls für sich, jeden seit 1945 veröffentlichte Manga in den Regalen. Gemeinsam mit der Kyoto Sekai University werden außerdem Seminare veranstaltet und Publikationen veröffentlicht.

Bei seinem Besuch im Museum entdeckte Lars von Törne übrigens einen westlichen Comic, den dort wohl nur die wenigsten erwartet hätten: Nicolas Mahlers "Flaschko". Dem Mann in der Heizdecke sollte eine Ausstellung gewidmet werden. Das aber nicht, weil Flaschko in Japan so beliebt wäre - sein Rückzug in die Heizdecke erinnert viele Japaner vielmehr an ein Phänomen, das es dort nicht selten gibt: Beim Hikikomori fühlen sich Menschen von Schule, Arbeit oder dem Leben allgemein so überfordert, dass sie sich zu Hause einschließen und jeden Kontakt mit anderen auf ein Minimum beschränken. Das hat durchaus gewisse Ähnlichkeit mit Mahlers Protagonisten.



Der Filmmitschnitt direkt zum Anschauen
Code zum Einbetten dieses Videos in Eure Website:
Daten dieses Berichts
Download als MP3-Datei: Download - 46.52 MB (766 Downloads)
Direkt anhören:
Bericht vom: 04.08.2014 - 11:32
Kategorie: Filmmitschnitte
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
«« Der vorhergehende Bericht
Zeitraffer: Abbau des Greenscreen-Studios
Der nächste Bericht »»
Comicademy Zeichner-Lounge: Comic-Talk 3