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Comic Solidarity präsentiert - Webcomics im Fokus: Jojo und die Lolcats - Meme

Nach Lukas Wildes wissenschaftlichen Überlegungen um die alte Frage "Was ist eigentlich genau ein 'Comic'?" macht Johannes Kretzschmar den Schwenk in profanere Gefilde. Aber nicht völlig, denn so wie der auch als "Beetlebum" oder "Jojo" bekannte Kretzschmar als Informatiker und Comicblogger den Spagat zwischen Wissenschaft und Hamstern locker schafft, hatte auch sein Vortrag etwas von beidem. Es ging nämlich um Internet-Memes und ihre Beziehungen zu Comics, sozusagen von Richard Dawkins zu Lolcats.

Der Begriff des "Memes" wurde von eben Richard Dawkins geprägt. Ein Mem ist ein Bewusstseinsinhalt, der durch Kommunikation weitergegeben werden kann und damit vervielfältigt wird. Das kann ein Gedanke, eine Idee, ein Konzept und so weiter sein, aber auch eine Floskel oder ein Bild. Die begriffliche Ähnlichkeit zu "Gen" ist nicht zufällig. Denn wie Gene die Agenzien (genauer gesagt, ein Teil der Agenzien) der biologischen Entwicklung sind, kann man Meme als Agenzien der Kulturentwicklung betrachten. Ein Mem ist erfolgreich, wenn es interessant genug ist, um häufiger weiterkommuniziert zu werden als andere.

In früheren Jahrhunderten konnten Meme nur mit beachtlichem Aufwand erschaffen werden. Meme, die auf ein "langes Leben" hoffen konnten, verlangtem ihrem Schöpfer nicht nur ein gerüttelt Maß an künstlerischem Talent ab, sondern auch viel Zeit. Ein Gemälde, eine Statue oder eine Symphonie produziert man nicht mal eben in fünf Minuten. Entsprechend spielten Mäzene eine große Rolle. Sie konnten es sich leisten, einem Künstler das Meme-Schaffen wirtschaftlich erst zu ermöglichen.

Von dieser "Hochkultur" getrennt sieht Beetlebum die Folklore. Darunter fallen beispielsweise die Witze und Geschichten, die man sich abends am Kaminfeuer erzählte. Im Gegensatz zur Hochkultur sind die aus der Folklore hervorgegangenen Meme eher flüchtig. Sie haben eine geringere Wahrscheinlichkeit, über lange Zeit erhalten zu bleiben. Die Mona Lisa ist bis heute wohl jedem ein Begriff, aber wer kennt noch die Sprüche, die die Kaufleute vor Jahrhunderten am Wirtshaustisch klopften? Natürlich ist die Unterscheidung zwischen Hochkultur und Folklore keine scharfe, es gibt Grenzfälle.

Die Nachindustrialisierung änderte diese Situation grundlegend. Die Massenproduktion setzte sich durch. Nun musste nicht ein Künstler jahrelang von Hand an einer Statue arbeiten, Replikationen von Michelangelos David konnten vom Fließband rollen. Damit können Meme sich erheblich leichter reproduzieren als zuvor. Eines blieb aber fürs Erste gleich: Es gab nach wie vor zum einen die Meme-Produzenten, beispielsweise die großen Medienkonzerne, und die Meme-Konsumenten auf der anderen Seite. Es war zwar leichter, Memes zu produzieren, für jeden standen die Mittel dazu aber noch lange nicht zur Verfügung. Nicht ohne Grund wurde beispielsweise die "Pressefreiheit" einmal definiert als die Freiheit desjenigen, der sich eine Druckerpresse leisten kann.

Dieses System wurde aber gestört von Kunden, die Medien untereinander kopierten und damit natürlich auch die dazugehörigen Meme weiterverteilten. Eine weitere "Störquelle" ist die Subkultur. Damit sind Kultur- bzw. Meme-Schaffende gemeint, die (sich) keine Massenproduktion leisten können oder wollen, aber natürlich trotzdem ihren Teil zur kulturellen Entwicklung beitragen.

Und dann kam das Internet und änderte wiederum alles. Die Werkzeuge, um Meme weiterzugeben, wurden um Größenordnungen besser zugänglich. Wo man zuvor ein Malatelier und eine Druckerpresse plus Vertriebsorganisation brauchte, genügt nun ein simples Grafikprogramm auf dem Computer sowie ein E-Mail-Account oder ein Konto bei einem sozialen Netzwerk wie Facebook. Das führt dazu, dass die Unterscheidung zwischen medienschaffenden Profis und Konsumenten hinfällig wird. Die Mittel sind so allgegenwärtig, dass gewissermaßen jeder ein Profi ist (und damit, was gerne vergessen wird, auch die Verantwortung eines Profis hat für das, was er so in die Welt hinausschickt).

Dabei erweisen sich Bilder als gute Vektoren, als Überträger für Meme. Im Gegensatz zu beispielsweise (reinen) Texten gibt es keine Sprachbarriere, und sie sind in aller Regel leicht weiterzuverbreiten und zu konsumieren. Man kann einfach ein JPEG, PNG oder GIF an eine Mail anhängen oder in einem Facebook-Post verwenden, und so ziemlich jeder kann das Bild sehen. Bei Videos beispielsweise müsste man sich noch über Formate, Codecs und ähnliches Gedanken machen.

Typisch für Meme dieser Art ist außerdem der hohe Alltagsbezug. Die Bildchen, die wir uns gegenseitig zuschicken oder verlinken, handeln in der Regel nicht von hochvergeistigten Themen, sondern von Situationen und Problemen, die viele der Empfänger selbst schon einmal erlebt haben. Das trägt wiederum zur Verbreitung der Meme bei, denn wozu man eine Beziehung hat, schickt man eher selbst weiter.

Am Schluss schlägt Beetlebum wiederum den Bogen zurück zu den Comics. Denn er hat bemerkt, dass man viele der auf diese Weise entstehenden Bild-Memes durchaus als Comics betrachten kann, nämlich eine Kombination aus Bild und Text, die eine Geschichte erzählt. Beispiele sind die Lolcats, die längst nicht mehr nur nach Cheeseburgern fragen, oder die Copy & Paste-Meme, die unter dem Namen "Rageface" bekannt geworden sind. Sollten Comics sozusagen die natürliche Ausdrucksform der digitalen Gesellschaft sein, die sich wie von alleine, ohne zentrale Steuerung, als am meisten angemessen herausbildet?

In einem unterscheiden sich die Bild-Meme jedoch von "herkömlichen" Comics: Während bei letzteren der Künstler eine starke Rolle spielt, tritt bei den Memen der Erschaffer eher in den Hintergrund. Oft sind die Bilder gänzlich anonym. Es geht weniger um künstlerische Aspekte, sondern viel stärker um Kommunikation. Dazu trägt auch eine erneute Reduzierung einer Hürde da: Nachdem die technischen Möglichkeiten nahezu jedem immer zur Verfügung stehen, fällt sozusagen auch die Talentschranke: Mit dem Strichmännchen, stark stilisierten Hintergründen (falls überhaupt) und den hineinkopierten Gesichtern können auch zeichnerisch völlig Unbegabte ein Rageface-Mem erschaffen.



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Bericht vom: 28.06.2014 - 16:24
Kategorie: Filmmitschnitte
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
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