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Marjane Satrapi

Marjane Satrapi, deren "Persepolis" 2004 als bester Comic des Jahres ausgezeichnet worden war, stellte sich den Fragen der Journalistin Katja Lüthge. Zunächst einmal aber steckte sich Marjane Satrapi eine Zigarette an. Sie war gerade vor einer Stunde aus dem Flieger gestiegen, und da mußte das jetzt einfach sein. In dem auf Englisch geführten Gespräch zeigte sich die Comic-Künstlerin dann als ebenso couragierte wie unabhängig denkende Frau.

Beispielsweise erzählte sie von ihren Besuchen in den USA, um dort an Colleges über ihr neues Buch "Sticheleien" zu sprechen. In dem auch kürzlich bei Edition Moderne auf Deutsch erschienen Buch reden Frauen, unter sich, über Männer. Dabei wird natürlich das Thema Sex nicht ausgespart, was die prüde erzogenene US-Collegeschüler baß erstaunte. Marjane Satrapi wurde sogar gefragt, ob iranische Frauen überhaupt ein Sexualleben hätten. Ihr trockener Kommentar dazu: In den letzten 27 Jahren hat sich die Bevölkerung des Iran etwa verdoppelt, zumindest die Reproduktion funktioniere offenbar. Die Zeichnerin hält nicht viel von der derzeitigen amerikanischen Sexualerziehung. Fünfzehnjährigen auf ihre Fragen und Ängste in Verbindung mit Sex nur zu sagen "Lebt keusch, dann habt Ihr keine Probleme", könne keine Lösung sein. Denn in diesem Alter hätten die Jugendlichen kaum etwas anderes im Kopf.

Überhaupt sieht Marjane Satrapi erstaunlich viele Parallelen zwischen dem Iran und der USA, beispielsweise bei der starken Gewichtung der Jungfräulichkeit. Natürlich sieht auch sie den großen Unterschied zwischen einer Diktatur und einer Demokratie. Aber einige gesellschaftliche Entwicklungen führen, wenn auch mit unterschiedlichen Mitteln, zu ähnlichen Wirkungen. Während im Iran die Frauen verhüllt werden, werden sie im Westen oft enthüllt, und für fast jedes Produkt wird mit einem Paar nackter Brüste geworben. Dadurch wird die Frau zum Produkt, zum Werkzeug herabgewürdigt und verliert ihre individuelle Menschlichkeit, nicht anders als beim Chador. Auch die Sprache und die Terminologie der beiden Regierungen sei ähnlich. Nicht zuletzt deswegen lebt die Zeichnerin jetzt in Frankreich.

Interessant findet Marjane Satrapi auch, daß die Ausprägungen der Demokratie in Europa, von Schweden bis Italien und von Frankreich bis Litauen doch unterschiedlich sind. Trotzdem wollen einige "die Demokratie" exportieren, und hofft auf Erfolg praktisch über Nacht. Das geht nach ihrer Ansicht aber vor allem deshalb nicht, weil in der Gesellschaft des Iran patriarchalische Strukturen verwurzelt sind. Wenn die Kinder dazu erzogen werden, dem pater familias bedingungslos zu gehorchen, übertragen sie das vielleicht auf einen Mullah oder Diktator. Das ändert sich nicht von heute auf morgen.

Was die Zeichnerin auch diesmal wieder ärgert, ist die Frage warum sie gerade Comics als Medium gewählt hat. Diese Frage wird keinem Schriftsteller, keinem Filmschaffenden gestellt. Viele stoppen ihre eigenen Zeichenversuche im Kindesalter, und entsprechend gelten Comics als etwas für Kinder. Außerdem lehrt die Schule, wie man Texte interpretiert und analysiert, das gleiche aber nicht für Bilder. In gewisser Weise, so Marjane Satrapi, seien Comic-Zeichner sowieso "bisexuell". Sie erzählen in Bildern, und sie erzählen in Texten. Entsprechend unterscheidet sich auch der Zeichenstil von "Persepolis" von dem in "Sticheleien", weil die Geschichte andere Zeichnungen benötigte. Auch den Begriff "graphic novel" mag die Künstlerin nicht, das sei nur ein Euphemismus für "Comic".

Marjane Satrapi lebt seit einigen Jahren in Frankreich. Trotzdem wird es wahrscheinlich kein Buch über ihre Zeit in Europa geben. Obwohl sie intellektuell keine Probleme hat, fehlt ihr der nötige Zugang zur Mentalität des Landes. Sie kann nur über das berichten, was sie selbst erlebt und erfahren hat. Und weil sie nicht in Europa geboren und aufgewachsen ist, hat sie zu den Feinheiten, die sie für ein Buch bräuchte, nicht den nötigen Zugang. Aber da niemand die Zukunft vorher schon kennt, ist ein solches Buch auch nicht völlig ausgeschlossen.

Aus dem Publikum kam die Frage, ob sie wegen ihrer herausgehobenen Rolle als Frau und ihrer Kritik an den Zuständen in der islamischen Republik schon mal Probleme mit islamischen Fundamentalisten hatte. Hier wies Marjane Satrapi darauf hin, daß man "Islam" nicht mit den wenigen, aber dafür um so lauteren Fanatikern gleichsetzen darf. Außerdem gibt es Fundamentalisten nicht nur im Iran, "crazy people are everywhere". Sie ärgert sich auch darüber, wenn "islamisch" als einziges beschreibendes Attribut für etwas verwendet wird. Als sie einmal zu einer Austellung "islamischer Kunst" eingeladen wurde, antwortete sie, wann denn die Austellung "christlicher Kunst" stattfinden werden - mit Werken von Island bis Italien.

Offiziell sind ihre Bücher im Iran nicht erhältlich, aber gerade viele junge Iraner sprechen mehrere Sprachen, und so kursiert beispielsweise die englische Ausgabe im Land. Vielleicht hat auch schon jemand die Bücher ins Farsi übersetzt und verkauft sie mehr oder weniger öffentlich. Wegen der eher laxen Handhabung des Copyrights im Iran kann Marjane Satrapi sich durchaus vorstellen, daß sie über eine solche Ausgabe nie informiert wurde. Wenn es jemals eine offizielle Farsi-Ausgabe geben sollte, möchte sie die mit einem Experten zusammen selbst übersetzen. Denn viele der verwendeten Slang-Ausdrücke der gesprochenen Sprache können im geschriebenen Farsi nur schwer ausgedrückt werden.

Ihr war beim Schreiben der Bücher klar, daß sie einen Preis dafür wird zahlen müssen: Sie kann auf absehbare Zeit nicht in ihr Heimatland zurück. Aber sie würde diesen Preis immer wieder zahlen. Außerdem bezahlen die, die ähnliche Dinge im Iran selbst aussprechen und dafür gefoltert werden oder hinter Gefängnismauern verschwinden, einen viel höheren Preis. Marjane Satrapi glaubt nicht, daß sie mit ihren Büchern die Welt verändern kann, aber sie wurde dazu erzogen, bei Mißständen nicht zu schweigen. Außerdem werden die Dinge nicht dadurch verändert, daß man sie hinnimmt und totschweigt.

Interessant war auch ihre Antwort auf die Frage, wie sich der Erfolg ihrer Arbeiten auf sie als Künstlerin ausgewirkt hat. Marjane Satrapi kann nach wie vor kaum glauben, daß es wirklich sie ist, die all die Preise erhält; deshalb hat sie der Erfolg eigentlich nicht verändert. Und wie alle Künstler ist sie sehr von ihrer Arbeit überzeugt, so daß die Bestätigung durch einen Preis keine große Rolle mehr spielt. Allerdings ermöglicht ihr der Erfolg Reisen in viele Länder, wo sie viele Themen aus ihren Büchern auch außerhalb ihrer Heimat wiederfindet.

Marjane Satrapi ist nie Mitglied einer Partei oder anderen Organisation wie etwa Amnesty International geworden. In einer solchen Organisation muß ihrer Ansicht nach der einzelne seine individuelle Ethik den moralischen Vorgaben und Regeln der Gruppe opfern. Solche festgelegten Regeln machten zwar das Denken einfacher, aber sie möchte sich ihnen nicht unterwerfen. Allerdings unterstützt sie einzelne Aktionen und Kampagnen solcher Gruppen, wenn sie ihr sinnvoll erscheinen.



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 19.10.2005 - 22:52
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
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