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Comic-Solidarity präsentiert: Webcomics im Fokus - Was sind Comics und gibt es sie überhaupt?

Beim zweiten Panel, das die Comic Solidarity für den Freitag organisiert hatte, wurde es zunächst wissenschaftlich: Lukas R. A. Wilde von der Universität Tübingen widmete sich der alten Frage, was eigentlich ein "Comic" ist - und ob wir das überhaupt so genau definieren sollten.

Wildes Ausführungen standen unter dem für den Laien doch etwas abschreckenden Titel "Was ist eigentlich ein Comic? Und: Was ist eigentlich Eigentlichkeit? Oder: Was können wir vom Web-Comic lernen?" Aber auch wenn gelegentlich der eine oder andere Fachbegriff vorkam, war sein Vortrag mit etwas Konzentration gut nachvollziehbar und durchaus interessant.

Über die Frage "Was ist eigentlich ein Comic?" wird wahrscheinlich schon so lange gestritten, wie es Comics gibt (was die nächste Frage wäre). Beginnt die Geschichte der Comics Ende des 19. Jahrhunderts mit Yellow Kid in den USA? Oder einige Jahrzehnte früher in Frankreich? Oder noch viel früher mit Holzstichen im Mittelalter? Oder sind gar vorzeitliche Höhlenbilder schon Comics?

Fasst man die Definition zu eng, kann man schnell Comic-Klassiker finden, die danach gar keine Comics sind. Fasst man die Definition zu weit, muss man sich fragen, ob beispielsweise die Karte im Flugzeug über die korrekte Benutzung der Schwimmwesten schon ein Comic ist. Oder gar das Vorfahrtsschild an der Straßenecke.

Ein Teil der Probleme könnte nach Wildes Ausführungen daher stammen, dass viele eine Art ingenieurmäßige "Erfindung" des Comics festpinnen wollen: Ein genialer Mensch habe irgendwann die Idee gehabt, die den "Nicht-Comic" vom "Comic" trennt. Aber so ein singuläres Ereignis gibt es nicht, meint Wilde.

Eine gute Methode, um etwas zu definieren, ist oft der Vergleich mit etwas anderem. Man richtet das Augenmerk weniger darauf, wodurch sich etwas auszeichnet, sondern eher dadurch, wodurch es sich von etwas anderem unterscheidet. Comics könnte man beispielsweise von anderen Kunstformen unterscheiden (ohne auch noch in die alte "Sind Comics Kunst?"-Diskussion einsteigen zu wollen). Aber es zeigt sich schnell, dass wenn man den einen Aspekt betrachtet, andere dafür unter den Tisch fallen. Eine handhabbare, allgemein gültige Definition des Begriffs "Comic" kriegen wir auch hier nicht.

Eine weitere Möglichkeit wäre, auf das Denkmodell zurückzugreifen, das der Schwede Lars Elleström in "The Modalities of Media" vorstellt. Dabei geht es weniger darum, ob etwas unterschiedlich ist, als darum ob etwas als unterschiedlich wahrgenommen wird. Die Frage ist also nicht mehr, welche Attribute hat "der Comic" aus sich selbst heraus, die ihn von anderen Formen wie Literatur oder Film unterscheiden. Nun geht es darum, wird "der Comic" innerhalb einer Gemeinschaft als etwas von Literatur, Film und so weiter getrenntes wahrgenommen und behandelt. Oder, ziemlich simplifiziert, "Comic ist das, was wir als Comic ansehen, weil wir es als Comic ansehen".

Als nächstes betrachtete Wilde Comics aus zwei Blickwinkeln: Was sind Comics, wenn man sie als Medien der Kunst betrachtet? Und was sind Comics, wenn man sie als Medien der Kommunikation betrachtet?

Als Medium der Kunst könnte man die Abgrenzung am berüchtigten "Seduction of the Innocent" von Frederik Wertham festmachen. Das Buch des deutsch-amerikanischen Psychiaters warnte in den 1950ern regelrecht vor Comics und trug nicht unwesentlich zum teils bis heute nachwirkenden Vorurteil "Comics sind billiger Schund" bei. Wertham wollte Comics ausdrücklich von anderen Kunstformen abgrenzen und trug damit, ironischerweise, in diesem Denkmodell gerade dazu bei, den Begriff "Comic" überhaupt zu schaffen. Die Underground-Szene griff das dankbar auf und wollte vielfach gar nicht "dazugehören". Mit dem Boom der Graphic Novels wird der Comic ein Stück weit in die Literatur "zurückgeholt", zumindest definitionsmäßig. Dieser Gedanke könnte manche GA-Verächter zumindest etwas trösten.

Als Medium der Kommunikation wiederum kann man Comics recht klar von anderen Medien abgrenzen. Die Kommunikation funktioniert anders als beispielsweise bei Schrift oder einem auditiven Medium.

Nun, schon nahe am Ende seines Vortags, wandte sich Wilde seinem eigentlichen Thema zu, nämlich Webcomics. Bisher wurden doch recht akademische Fragen behandelt, mit denen sich nun nicht jeder auseinandersetzen muss, der "einfach nur" einen Webcomic veröffentlichen will. Dafür sind keine literarischen Kriterien und Klassifizierungen nötig.

Als Fazit stellte Lukas Wilde fest, dass eine "unsaubere" Definition durchaus etwas für sich hat. (Web-)Comics sind eine hybride, unter keinen Begriff zu bringende Gestaltungsweise. Man könnte sogar sagen, es gibt keine Comics, es gibt nur künstlerische und/oder kommunikative Praxen.

Zum Abschluss empfahl Wilde seinem Publikum, weniger über zu denken und zu reden, als mehr mit ihnen - sprich, sie als Ausdrucksmittel zu verwenden oder allgemein, mehr Comics zu machen. Dem können wir uns eigentlich nur anschließen.

Apropos anschließen, wir haben auch diese Veranstaltung mit der Kamera begleitet und werden den Film, sobald die Kollegen das Material geschnitten haben, hier anschließen ;)



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Bericht vom: 24.06.2014 - 14:42
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
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