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Comic-Solidarity präsentiert: Webcomics im Fokus - Daniel Lieske über das liebe Geld

Im letzten Teil des ersten Comic Solidarity-Panels am Donnerstag übernahm Daniel Lieske das Podium und erzählte von seinem Projekt "Wormworld Saga". Diesmal ging, im Gegensatz zu früheren Veranstaltungen, der Fokus aber weniger auf den Comic an sich, die Geschichte oder das Artwork, sondern eher auf die finanziellen und Marketing-Aspekte. Denn mittlerweile ist die Wormworld Saga zu Lieskes Hauptbeschäftigung geworden, die natürlich auch den Mann samt Familie ernähren muss. Der Künstler berichtete von einigen Lektionen, die er in dieser Hinsicht zu lernen hatte.

Vor einigen Jahren sah sich Daniel Lieske zwei großen Aufgaben gegenüber. Das eine war, eine Fantasy-Geschichte zu erzählen, die ihm unter den metaphorischen Nägeln brannte. Das andere war, ein Geschäftsmodell zu entwickeln, dass ihm auch ermöglicht, die Geschichte zu erzählen, ohne dabei unter der nächstschönsten Brücke campieren zu müssen.

Das erste Aha-Erlebnis, auf das er in diesem Zusammenhang zurückblickt, stammt noch aus seiner Schulzeit. Damals zeichnete er lustige Comics über seine Lehrer und verkaufte sie auf dem Schulhof. Dabei zeigte sich: Es gibt nicht nur Interesse an seinen Zeichnungen, die Leute sind auch bereit, dafür Geld auszugeben - die dargestellten Lehrer übrigens den doppelten Preis.

Die zweite wichtige Erkenntnis kam Jahre später. Ab 1999 war Lieske in der Games-Branche aktiv, die meiste Zeit im klassischen Angestelltenverhältnis. 2006 nahm er an einem Zeichenwettbewerb einer Website teil und gewann dort tatsächlich den zweiten Preis. Das führte dazu, dass immer wieder mal Anfragen ins Haus flatterten, ob man nicht Drucke seiner Bilder käuflich erwerben könnte. Die waren damals sogar relativ teuer, wie Lieske zugibt, unter anderem weil er, wie er heute weiß, keinen guten Anbieter für die Produktion der Drucke gewählt hatte. Trotzdem kam alle paar Monate eine Bestellung rein. Das zeigte ihm, die Leute sind bereit, für seine Arbeiten auch mehr als die ein oder zwei Mark auszugeben, die seinerzeit die Heftchen auf dem Schulhof gekostet hatten.

Ungefähr parallel dazu entwickelte sich die erzählerische Idee, die später die Wormworld Saga werden sollte, in ihm immer weiter und wollte irgendwann einfach erzählt werden. Interessanterweise war die Form des Comics so ziemlich die letzte, über die Lieske nachdachte. Zunächst sollte es ein Roman oder ein Animationsfilm werden. Bekanntlich wurde es schließlich ein Webcomic, der sehr schnell seine Leser fand. Die Wormworld Saga bot von Anfang an einen Donation Button, also die Möglichkeit, dem Künstler eine milde Gabe zukommen zu lassen. Der Hype gerade in den sozialen Medien um den damals neuen Comic war so groß, dass diese kleinen Spenden sich innerhalb von zwei Wochen auf mehrere tausend Euro summierten.

Diese "Welle" versuchte Daniel Lieske zu "reiten". Die erste Idee war eine App für das um die gleiche Zeit gestartete iPad. Menschen sollten die Möglichkeit haben, die Wormworld Saga auf dem iPad zu lesen und aus der App heraus weitere Produkte zu kaufen, etwa zusätzliche Illustrationen. Aber woher die App nehmen, wenn nicht stehlen? Die wollte erst mal programmiert werden. Um das Kapital dafür zu sammeln, startete Lieske eine Crowdfunding-Kampagne. Bei diesem Prinzip unterstützen nicht einige wenige ein Projekt mit jeweils größeren Summen, sondern viele Menschen können auch kleine Beträge beisteuern. Beispielsweise geben 2.000 Menschen je einen Euro statt zwei Menschen je 1.000 Euro. Je nach Betrag gibt es außerdem Prämien, etwa T-Shirts oder auch ein Abendessen mit den Projektinitiatoren. Ob Lieske ein Abendessen auslobte, erwähnte er auf dem Comic-Salon nicht, aber die T-Shirts sollten noch eine Rolle spielen.

Auch aus anderen Richtungen kamen Möglichkeiten auf ihn zu, die Wormworld Saga auf finanziell solide Füße zu stellen. Für ein Treffen mit potentiellen Investoren musste Daniel Lieske einen regelrechen Business Plan ausarbeiten. Dabei zeigte sich zu seiner eigenen Überraschung, dass er von einem vertretbaren regelmäßigen Einkommen gar nicht so weit entfernt war. Als der Google Play Store für Android-Geräte die App als Empfehlung vorstellte, schoss die Anzahl der User auf satte 150.000 nach oben. Leider, so kommentierte der Künstler, handelte es sich dabei nicht um die Zahl aus dem iTunes Store. Dann wäre er zum Comic-Salon vermutlich mit dem Hubschrauber angereist statt mit der Bahn.

Denn, das war eine weitere Erkenntnis, bei Apple-Jüngern sitzt der Geldbeutel offenbar erheblich lockerer als bei Android-Benutzern. Die rund 13.000 iTunes-User, die es tatsächlich gab, sorgten für grob gerechnet denselben Umsatz in der App wie die 150.000 Androiden.

Die App erwies sich zwar als Erfolg, aber nicht als der Durchbruch, den sich Lieske erhofft hatte. Also musste er umplanen. Die zunächst als nettes Nebenprojekt gedachte Buchausgabe des Comic bei Tokyopop erwies sich dabei als tragende Säule. Aber auch das konnte den Zeitpunkt des endgültig leeren Geldbeutels nur ein paar Monate in die Zukunft verschieben.

Mit der Subscription Area, die Daniel Lieske der Wormworld Saga-Website hinzufügte, verkalkulierte er sich jedoch. Dieser spezielle Bereich, in dem man gegen Geld zusätzliche Inhalte bekommt, starte längst nicht so erfolgreich wie gedacht. Auch ein Online Store brachte nicht den Durchbruch. Das war erstaunlich, denn die T-Shirts, die in dem Shop angeboten wurden, gehörten zu den beliebtesten Prämien beim Crowdfunding. Wieso wollten die Leute für T-Shirts spenden, aber dieselben T-Shirts offenbar nicht kaufen?

Wie Lieske inzwischen überzeugt ist, wollten die Leute auch beim Crowdfunding die T-Shirts eigentlich gar nicht. Aber sie waren mehr zufällig die Prämien gerade für den Betrag, den die Leute häufig bereit waren beizutragen, nämlich etwa 20 bis 25 US-Dollar.

Der Vorschuss für eine französische Buchausgabe bei Dupuis überbrückte wieder einige Zeit, und auch die Subscription Area begann langsam aber sicher anzuziehen. Bei Gesprächen über eine englische Buchausgabe zeigte sich jedoch, dass Verlage aus den USA oder UK nur an den kompletten Rechten interessiert waren. Sie wollten also nicht nur die Wormworld Saga selbst auf Englisch herausbringen, sondern auch beispielsweise die Rechte für Kinderbücher mit den Charakteren haben. So viel wollte Lieske aber nicht abgeben.

Also entschloss er sich, zu einem bewährten Mittel zurückzukehren, nämlich dem Crowdfunding. Damit sind wir in der Gegenwart des Projekts angekommen. Diesesmal soll die "Masse" eben eine englische Buchausgabe realisieren. Interessanterweise lizensiert Lieske dabei, wenn das Projekt erfolgreich sein sollte, die nötigen Rechte von seinem deutschen Verlag Tokyopop gewissermaßen wieder zurück. Denn der deutsche Verlag kümmert sich auch um die internationalen Ausgaben.

Eine weitere interessante Erkenntnis ist der Unterschied zwischen dem Autorenhonorar, das Lieske bei einer klassischen Veröffentlichung über einen Verlag erzielen könnte, und eben dem Weg des Crowdfundings. Das Autorenhonorar liegt typischerweise bei etwa 8 bis 12 Prozent des Ladenpreises. Das bedeutet, von einem Buch in den Dimensionen eines Wormworld Saga-Bandes erhält der Künstler pro Exemplar über den ungefähren Daumen gepeilt einen Euro. Um beispielsweise 100.000 Euro Umsatz zu erzielen, müssten also 100.000 Exemplare verkauft werden. Bei Crowdfunding kann man unter Umständen schon mit 1.000 Unterstützern auf solche Summen kommen. Tatsächlich gibt es den Begriff der "one thousand true fans", mit deren Unterstützung ein self publishing-Künstler sein Auskommen einigermaßen verlässlich sichern kann.

Aus dem Publikum wurde das noch junge Patreon-System angesprochen. Damit kann man einen Künstler oder ein Projekt regelmäßig unterstützen: Immer wenn beispielsweise eine neue Seite eines Comics oder eine neue Folge eines Podcasts erscheint, wird automatisch ein gewisser Betrag fällig. Lieske sieht das allerdings weniger als Option für sich, da seine bereits vorhandene Subscription Area im Endeffekt einen ähnlichen Zweck erfüllt. Patreon wäre eine weitere, diesmal "outsourcte" Subscription Area.

Eine der wichtigsten Fragen, die sich nach Daniel Lieskes Meinung jeder in seiner Situation stellen sollte, ist wie man die Leser "festhalten" kann. Man sollte dem zufälligen Besucher, der einmalig die eigene Website besucht, auf jeden Fall die Möglichkeit bieten, auch in Zukunft vom Autor erreicht zu werden. Das können Following/Abonnement-Buttons für soziale Netzwerke sein, oder auch ein RSS-Feed. Ist das gelungen und man kann seine Leser über Neuerungen informieren, kann man ihnen auch das eigene Projekt in Erinnerung rufen - und vielleicht Umsätze generieren.

Wir haben auch diese Veranstaltung mit der Kamera begleitet. Wenn die Kollegen vom Schnitt das Material aufgearbeitet haben, wird der Film hier eingefügt. Update: Und hier ist der Film.



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Bericht vom: 24.06.2014 - 14:43
Kategorie: Filmmitschnitte
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
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