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Update: Der offizielle und der private Wilhelm Busch – Ungewöhnliche Aspekte eines Genies

Max und Moritz kennt wohl nun wirklich jeder, obwohl sie bereits 1865 das Licht der Welt erblickten. Aber was wissen wir über ihren Schöpfer Wilhelm Busch? Hans Ries, Wilhelm-Busch-Forscher und Bearbeiter der historisch-kritischen Gesamtausgabe der Bildergeschichten von Wilhelm Busch, erklärte uns in einem interessanten Vortrag, gespickt mit einigen Gedichten, dass Busch dem geneigten Leser als Humorist erscheint, in Wirklichkeit aber wohl ein problematischer Mensch gewesen sein muss - oder doch zumindest spezieller als man meinen würde.

München 1863: Der Malereistudent Wilhelm Busch hat sein Studium aufgegeben und ist dem Künstlerverein Jungmünchen beigetreten. Er inszenierte die Münchner Künstlerfeste, eine Sensation, an der auch der Hof teilnahm. Das Programm war "Das deutsche Märchen", zu dem Busch eine Parodie von "Hänsel und Gretel" schrieb, die sehr gut ankam - Busch aber verkroch sich vor dem Applaus und erschien, entgegen der Sitte, nicht auf der Bühne. Nette Anekdote: Das Bühnenbild des Stücks ist in anderer Form erhalten geblieben. Dort war eine Märchenburg abgebildet, die höchstwahrscheinlich den anwesenden 18-jährigen Kronprinz Ludwig zu dem späteren Bau Schloss Neuschwansteins inspirierte.

Als Busch 20 Jahre später mit seinem Neffen spazierenging, wechselte er abrupt und scheinbar grundlos die Straßenseite - wie sich herausstellte, weil der Neffe nicht das in einem Schaufenster ausgestellte Werk "Herr und Frau Knopp" von Busch sehen sollte. Bei einem Spontanbesuch seines Verlegers in Buschs kurzzeitigem Atelier versteckte Busch sofort seine Arbeit vor ihm. Selbst dem Wunsch Bismarcks, er möge ihn doch einmal besuchen, kam Busch nicht nach. Auch seine eigene Familie soll sein Werk nicht kennen.

Es ist eine Begebenheit überliefert, bei der Busch, der nie auf seine Werke angesprochen werden wollte, gesagt hat, dass man nicht seine Bildergeschichten, sondern seinen Gedichtband "Kritik des Herzens" lesen solle. wolle man ihn kennenlernen. Hierbei handelt es sich um Gedichte mit Tiefsinn und Humor, und so wandte sich Hans Ries erstmal Buschs Vergangenheit zu, um einen "weitverbreiteten Irrtum" über Busch aus dem Weg zu räumen:

Busch soll nach Meinung einiger Forscher in seiner Kindheit ein Trauma erlitten haben, als er im Alter von 10 Jahren zu seinem Onkel gegeben wurde, um auf das Gymnasium vorbereitet zu werden. Ries legte anhand einiger Dokumente dar, dass Buschs Eltern Liebe und Strenge zeigten, und ihn zeitlebens dankbare Erinnerungen an seine Eltern banden. Busch sprach allerdings nie von persönlichen Dingen. Selbst seine Neffen mussten richtig forschen, um nach Buschs Tod eine Biographie erstellen zu können.

Eine bekannte Busch-Forscherin hat in ihrem Buch die These aufgestellt, Busch sei ein Päderast und Homosexueller gewesen, was sie an einem Foto von Busch und zwei anderen Männern in einer seltsamen Pose festmacht. Ries hingegen erklärt, dass die drei Männer spaßeshalber die Drei Grazien nachgestellt haben. Außerdem hat es "Beziehungen" von Busch zu Frauen gegeben, obwohl er nie geheiratet hat: Zum einen kann man aus den Briefen Buschs an "Tante Johanna" - eine Bankiersfrau, bei der Buschs Bruder als Hauslehrer für die Kinder gearbeitet hat - herauslesen, dass offenbar starke Gefühle auf beiden Seiten füreinander vorhanden waren, die allerdings nie ausgelebt wurden. Zum anderen pflegte Busch eine Brieffreundschaft mit Maria Anderson, einer Holländerin, die Busch mit klugen Fragen und Antworten faszinierte. Nach einem Treffen mit ihr sprach Busch allerdings einem Freund gegenüber von einer verdorbenen Brautfahrt, und der Briefwechsel schlief langsam ein.

Und wie war Wilhelm Busch sonst so? Er lebte zeitlebens in Pastorenhaushalten, erst bei seinem Onkel, dann selbst als Onkel im Haushalt seiner Schwester, deren Mann, auch ein Pastor, früh gestorben war, um die Familie zu versorgen und Vater für seine Neffen zu sein.

Mit 51 Jahren schließt Busch seine ihm selbst peinlichen Bildergeschichten ab, denn zum einen wiederholten sich die Geschichten mittlerweile, und zum anderen war er mittlerweile durchaus reich geworden. Er bekam 50 % des Verdienstes an seinen Geschichten und konnte somit nicht nur seine Neffen auf die Universität schicken, sondern auch 20.000 Goldmark spenden. Als Busch schließlich stirbt und für die Erbschaftssteuer sein Vermögen ermittelt werden muss, stellt sich heraus, dass Busch mit seinen Bildergeschichten (auf heutige Verhältnisse umgerechnet) zum Millionär geworden ist, der seine Neffen immer unterstützt hat, aber nie Bitten um Geld, sei es von außerhalb oder innerhalb seiner Familie, nachgekommen ist.

So zeigt sich ein ambivalentes Bild von Wilhelm Busch, der nicht nur lustige Bildergeschichten machen, sondern auch sehr tiefsinnig dichten und wunderbar lyrisch schreiben konnte, gleichzeitig aber auch sozial vielleicht nicht ganz einfach war.

Wir haben den Vortrag mit der Kamera begleitet. Der Film ist nun online.



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Bericht vom: 23.06.2014 - 07:39
Kategorie: Filmmitschnitte
Autor dieses Berichts: Skrollan Kannengieer
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