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Comic-Solidarity präsentiert - Webcomics im Fokus: Comic-Journalismus

Den Begriff Comicjournalismus kann man auf zwei Weisen verstehen: Einmal als Journalismus über Comics, aber auch als Journalismus in Form von Comics. Der Brasilianer Augusto Paim befasst sich mit letzterem. Er ist studierter Journalist und hat einen Master-Abschluss im Kreativen Schreiben. Im Comicbereich ist er nicht nur als Autor eines Lehrbuchs für Comickünstler aktiv, sondern auch als Übersetzer diverser Graphic Novels aus dem Deutschen ins Brasilianische Portugiesisch.

Hier erzählte er vor allem von den Reportagen, für die er Comics als Form nutzt. Augusto Paim übernimmt bei diesen Projekten die Recherche und den Text, für das Artwork arbeitet er mit verschiedenen Künstlern zusammen. Dabei stieß er aber bald auf ein Problem: Um die Themen, mit denen sich seine Reportagen befassen, angemessen darstellen zu können, bräuchte er eine ganze Menge Text - mehr, als man in einem Comic gut unterbringen kann.

Das brachte ihn auf den Gedanken, die Möglichkeiten der Technik zu nutzen und interaktive Comics zu produzieren. Auf den ersten Blick sieht man dann nur einen Teil der Geschichte. Wer weiter lesen möchte, kann auf bestimmte "Hotspots" klicken, beispielsweise Symbole oder auch bestimmte Objekte in den Panels. Dann bekommt man weitere Informationen eingeblendet. Das funktioniert natürlich nur elektronisch, also beispielsweise im Internet oder mit eComics.

Augusto Paim ist nicht der erste, der diesen Weg geht. Als Vorbilder und Anregungen zitierte er etwa einen interaktiven Comic zum Prozess um den Wettermoderator Kachelmann, den Bo Soremksy geschaffen hat, oder einen, der sich mit den Blackwater-Shootings beschäftigt. Bei letzterem sieht man auf der "obersten Ebene" eine Karte des entsprechenden Gebiets. Hotspots markieren die Orte, wo sich die Geschehnisse im Einzelnen abspielten. Dahinter verbergen sich weitere Informationen. Außerdem kann man sich in einer Zeitleiste bewegen. Eine besondere Inspiration sei, so Paim, das Projekt Chicago is my kind of town gewesen.

Diese Interaktivität erlaubt es, den "überschüssigen" Text, den das jeweilige Thema erfordert, aber das Medium Comic zunächst nicht gut verträgt, trotzdem unterzubringen. Beispielsweise kann beim Klick auf ein Musikinstrument, das eine Figur in dem Comic spielt, zusätzliche Information über das gespielte Stück eingeblendet werden - oder direkt ein Audioplayer mit dem Lied. Eine andere Möglichkeit ist es, beim Klick auf einen Hotspot Fotos einzublenden, die zeigen, wie die in der Comicreportage dargestellte Szenerie in der Wirklichkeit aussieht.

Als Beispiel stellte Augusto Paim eine Comicreportage näher vor, die er über Obdachlose in Brasilien gemacht hat. In dem Land werden Obdachlose oft regelrecht als eine eigene, von den "normalen" Menschen getrennte Art betrachtet und behandelt. Paim stand vor der Frage, stellt er den Tagesablauf eines einzelnen Obdachlosen dar, der aber nicht repräsentativ für alle Obdachlosen stehen kann - oder stellt er eine Reihe Betroffener vor, von denen jeder vielleicht in einem einzigen Panel zu sehen ist.

Die interaktiven Möglichkeiten lösten dieses Dilemma. Paim entschied sich dafür, den Tag eines Obdachlosen zu schildern und in die Ecken der Panel Symbole mit Hotspots zu integrieren. Klickt man auf diese Symbole, wird ein Text über das Bild gelegt, der Informationen über das eine konkrete Beispiel hinaus gibt.

Daniel Lieske, der später noch über seine "Wormworld Saga" sprechen sollte, warf an dieser Stelle eine interessante Frage auf: Läuft man mit dieser Form der Darstellung nicht Gefahr, das Thema und die Erzählung darüber zu stark zu fragmentieren? Augusto Paim sieht diese Gefahr eher nicht. Denn es bleibt die Verantwortung des Journalisten zu entscheiden, was in die Reportage hineinkommt und was nicht, ob nun direkt sichtbar oder "nur" interaktiv erreichbar. Isgesamt sieht er es weniger als Aufgabe eines Journalisten, die eine vollständige, in sich geschlossene Erklärung für etwas zu liefern. Paim sieht seinen Berufsstand eher als Filter, der eben auswählt, was in den Fokus der Leser gerückt wird.

Außerdem muss die Erzählweise einerseits und die inhaltliche Aussage andererseits nicht zwingend kongruent sein. Man kann eine Geschichte stringent erzählen, aber inhaltlich ein sehr ambivalentes Bild zeichnen. Oder man kann seine Geschichte aus vielen Fäden knüpfen, aber ein sehr eindeutiges (um nicht zu sagen monochromes) Bild damit hervorbringen.

Wir haben auch Augusto Paims Projektvorstellung mit der Kamera begleitet und werden den Film hier einfügen, sobald die Kollegen vom Schnitt das Material aufgearbeitet haben. Update: Der Film ist nun online.



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Bericht vom: 24.06.2014 - 14:38
Kategorie: Filmmitschnitte
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
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