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Specials Eventspecials

Die 25 für den Max und Moritz-Preis 2014 nominierten Titel
Wir stellen Euch hier die Titel vor, die für den Max & Moritz-Preis 2014 nominiert sind. Sie sind in alphabetischer Reihenfolge sortiert. Die Reihenfolge stellt also keine Wertung dar.

Anyas Geist
von Vera Brosgol. Übersetzung: Monja Reichert
Tokyopop

„Trau keinem Geist“ könnte das Motto dieses Buches sein, aber bis mindestens zur Mitte des Debüt-Comics von Vera Brosgol, „Anyas Geist“, ist man als Leser sehr wohl geneigt, dem freundlichen Geistermädchen zu trauen, das sich der Teenagerin Anya angeschlossen hat und ihr in der Schule und außerhalb auf die Sprünge hilft. Auf den ersten Blick kommt „Anyas Geist“ wie eine nicht sonderlich auffällige amerikanische Geschichte daher, samt Schülerpartys, High School-Stress und Einwanderer-Herkunft. Dann jedoch kippt, was gut schien, in ein ziemlich unheimliches Böses, und die erzählerische Volte hält den Leser bis zur letzten Seite in Atem. Brosgol kommt aus dem Animationsfilm und arbeitete unter anderem an Skripts von Neil Gaiman. Schwarz-weiß-blau-graue Panels verflüssigen sich in dieser Graphic Novel für nicht ganz kleine Kinder zu einer wunderbar gruseligen Lektüre – die Art von Erzählung, in der auch ein Erwachsener für mindestens eine glückliche Stunde verschwinden kann.

Ardalén
von Miguelanxo Prado. Übersetzung: Sybille Schellheimer
Egmont Comic Collection

„Ardalén“ ist ein Roman, wie ihn nur die grafische Literatur erzählen kann. Denn nahezu magisch verweben sich hier Texte und Bilder. Bilder, die berichten, Atmosphäre erzeugen und Visionen visualisieren. Texte, die Informationen vermitteln, aber auch Charaktere umreißen und die immer wieder an die Grenze der Sprache führen. Denn wenn Sprache Erinnerung artikulieren soll, wird sie zum unsicheren Instrument. Doch mit der Unsicherheit spielt der nordspanische Künstler Miguelanxo Prado in seinem Buch sowieso. So hat er scheinbare Dokumente eingefügt, die tatsächlich Fakes sind. Eine junge Frau sucht in einem Pyrenäendorf nach den Spuren ihres Großvaters. Ein alter Seemann könnte ihn gekannt haben. Aber das weiß er nicht mehr. So wie das Gedächtnis des Seemanns verblasst ist, so wirken Prados Wachskreidezeichnungen wie mit Firnis überzogen. Die ganze Handlung scheint versunken zu sein. Prado fordert die Leser quasi auf, sie vom Meeresgrund zu heben. Dann könnten Wale und Delfine durch Pyrenäentäler schweben.

Billy Bat
von Naoki Urasawa. Ko-Szenarist: Takashi Nagasaki. Übersetzung: Yvonne Gerstheimer
Carlsen Manga

Noch ist die Serie „Billy Bat“ zwar nicht abgeschlossen, die erzählerische und grafische Kraft der ersten sieben Bände reicht jedoch vollkommen aus, um den Manga in die Nominierungsliste aufzunehmen. Mit einem vielschichtigen Plot und verblüffenden Stilwechseln arbeitet sich seine Story durch Zeiten und Kulturen, von den Samurais bis zum Kennedy-Mord, von japanischen Nachkriegsstädten bis zur Bürgerrechtsbewegung in den Südstaaten der USA. Den Ausgangspunkt und roten Faden gibt ein aus Japan stammender, amerikanischer Comic-Künstler, der feststellt, dass seine erfolgreiche Serienfigur Billy Bat, ein Fledermaus-Detektiv, möglicherweise unbewusst von einem Charakter aus einer viel älteren japanischen Geschichte inspiriert wurde. Nur: Wer ist dieser Billy Bat? Und was will er von den Künstlern, denen er seine Geschichte einflüstert? Ein Plot, der sich verzweigt, ohne sich zu verzetteln, mit einem sensationellen Arsenal von Figuren: Das Beste an diesem packend konstruierten Manga ist nicht zuletzt, dass er noch nicht abgeschlossen ist. Da kommt noch einiges. Freude!

Buddha
von Osamu Tezuka. Übersetzung: John Schmitt-Weigand
Carlsen Verlag

Mit „Buddha“ legte Osamu Tezuka (1928–1989), der bedeutendste japanische Mangaka aller Zeiten, eines seiner Hauptwerke vor. Zwischen 1972 und 1983 erzählte er auf knapp 3.000 Seiten, wie aus dem von der Welt abgeschirmt aufgewachsenen, kränklichen Königssohn Siddhartha Gautama Buddha wurde. Tezuka schildert Siddharthas Lehr- und Wanderjahre als ein süffiges Abenteuer, ein opulentes Epos mit Dutzenden von Schauplätzen und zahllosen Figuren. Dabei nahm sich Tezuka etliche Freiheiten und verknüpfte bekannte Fakten und Legenden aus der Vita Siddharthas mit eigenen Zutaten. Die Handlung aber dient immer dazu, das Entstehen und die zentralen Aussagen der buddhistischen Lehre zu vermitteln und sie auch in ihrem historischen Kontext zu zeigen. Wenn der Königssohn rebelliert, das unmenschliche Kastensystem Indiens in Frage stellt und sich während seiner Wanderjahre als Asket mit dem Alltag der mehrheitlich elend lebenden Bevölkerung auseinandersetzt, dann findet das immer vor dem Hintergrund politischer Unruhen statt, Kriegen, Aufständen, Hungersnöten und Seuchen. „Buddha“, jetzt endlich auf Deutsch erhältlich, ist unbestreitbar ein Meisterwerk und für alle Altersgruppen geeignet.

Das Erbe
von Rutu Modan. Übersetzung: Gundula Schiffer
Carlsen Verlag

In „Das Erbe“ geht es vordergründig um eine Wohnung in Warschau, die eine alte Israelin und ihre Enkelin siebzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zurückfordern. Tatsächlich aber geht es auch um ein größeres, kollektives Erbe, um den Holocaust, auch wenn dieser kaum angesprochen wird, obschon seine bis in die Gegenwart reichende Wirkung in der Handlung allgegenwärtig ist. Rund um die beiden Jüdinnen und die Wohnung tritt ein halbes Dutzend weiterer, sehr glaubhaft gezeichneter Menschen mit Ecken und Macken mit- und gegeneinander an. Aus ihren kleinen Konflikten und Geheimnissen, aus ihrer Sturheit und ihren irrationalen Entschlüssen baut Modan eine kriminalistisch verschachtelte, tragisch grundierte Komödie, in der sich die große Geschichte nur beiläufig zu spiegeln scheint. Die raffinierte Verknüpfung von Humor und Tragödie, von Klarheit und Verdrängung, von Gegenwart und Vergangenheit macht aus „Das Erbe“ eine sehr vielschichtige, überaus spannende und unterhaltsame, aber auch zutiefst bewegende Erzählung, deren Fäden sinnigerweise an Allerseelen, dem Tag der Toten, auf dem jüdischen Friedhof von Warschau zusammenlaufen.

Das versteckte Kind
von Loïc Dauvillier, Marc Lizano und Greg Salsedo. Übersetzung: Monja Reichert
Panini Comics

„Weißt Du, wenn ich Albträume habe, erzähle ich sie Mama und danach geht’s viel besser“, sagt die kleine Elsa, die mitten in der Nacht auf dem Schoß ihrer schwermütigen Oma sitzt: „Willst du ihn mir erzählen? … Los! Erzähl in mir!“. Die Großmutter zögert, doch schließlich lösen sich die ersten Worte. „Es war vor langer Zeit“, beginnt sie. „Oma war noch ein kleines Mädchen, so alt wie du jetzt.“ Und dann tastet sich Dounia langsam vor bis zu dem Tag, als sie von der Schule nach Hause kam und ihr der Papa erzählt, sie seien jetzt eine „Sheriff-Familie“ und müssten deshalb nun alle einen gelben Stern tragen. Als eines Nachts die Eltern abgeholt werden – Elsas Oma entgeht der Deportation in ihrem Versteck im Schrank –, beginnt für Dounia eine traumatische Odyssee auf der Suche nach ihrer Familie. „Das versteckte Kind“ ist vor allem auch ein Comic über den Umgang mit der Erinnerung – eine bemerkenswert feinfühlige Erzählung, für die der französische Zeichner Marc Lizano wunderbare, tief bewegende und geradezu schwerelos wirkende Bilder gefunden hat.

Der gigantische Bart, der böse war
von Stephen Collins. Übersetzung: Tim Jung
Atrium Verlag

Dave ist ein kleiner Angestellter, der niemandem ein Haar (!) krümmen könnte. Er wohnt in einem Land namens „Hier“. Alles ist ordentlich und geregelt, kein Gartenzaun schief, kein Mensch unfrisiert. Dave hat, seit er denken kann, nur ein einziges Haar am Körper. Jeden Tag macht er dasselbe: aufstehen, zur Arbeit gehen, nach Hause kommen, schlafen. Dazwischen zeichnet er gerne seine ordentliche Straße. Als er sich jedoch während einer Power-Point-Präsentation eines Tages die Sinnfrage stellt, beginnt ihm aus seinem einzigen Haar ein schwarzer Bart zu wachsen. Er wächst und wächst und wächst … selbst die geballte Kompetenz der vereinigten Friseure von Hier kann das Wachstum nicht bremsen, der Bart bedroht das Viertel, die Stadt und bald das ganze Land. Der britische Zeichner und Autor Stephen Collins hat mit „Der gigantische Bart, der böse war“ eine großartige Parabel über die Angst vor dem Fremden (seit Nine-Eleven im Westen auch durch schwarze Bärte symbolisiert) geschaffen und verneigt sich damit  gleichzeitig vor George Orwell, Franz Kafka und Godzilla. Ein großformatiges, atemberaubendes Buch, für das der Begriff Comic-Kunst hätte erfunden werden müssen.

Didi & Stulle
von Fil
zitty

„Warum greift Stulle nicht endlich mal ein“, heißt es am Ende einer unlängst erschienenen Folge, dort, wo bei anderen Comics „Fortsetzung folgt“ steht. „Wird Frauke jemals gebären und wird das Baby süß? Ihr müsst dranbleiben, tut mir leid.“ „Didi & Stulle“-Fans kennen diese burlesken Cliffhanger seit Jahren, seit 1997 erscheinen die haarsträubenden Abenteuer der beiden prolligen Schweinsköpfe aus dem Märkischen Viertel in Berlin regelmäßig alle 14 Tage ganzseitig im Berliner Stadtmagazin „zitty“. Ihr Schöpfer Fil, der eigentlich Philip Tägert heißt, zeichnet aber nicht nur Comics, sondern ist zudem Komiker, und so fehlt auch in kaum einer Folge der Hinweis auf seine nächsten Auftritte. In seiner surrealen Soap-Opera verschlägt es den blöd-prahlerischen Didi und den verklemmten Stulle (die eigentlich Dieter Kolenda und Andreas Stullkowski heißen) auch schon mal an Schauplätze wie den Nordpol und das Weltall oder fix im BVG-Bus zur Hochzeitsfeier der Hexe Hexena. Wem nach einer verpassten Folge ein „Was bisher geschah: Frauke sagte nein und ging. Didi folgt ihr.“ nicht ausreicht, um am Ball zu bleiben, für den liegen bereits über ein Dutzend Sammelbände bereit.

Don Quijote
von Flix
Carlsen Verlag

Flix’ höchst gelungene „Neuinszenierung“ von Cervantes’ Roman über einen Ritter von trauriger Gestalt erschien zunächst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und liegt nun als Buch vor, dessen Cover sich ans Design von Reclam-Heften anlehnt – die augenzwinkernde Behauptung vielleicht, die Geschichte könnte vom Zeitungs-Strip direkt in die Hochkultur springen. Gerechtfertigt wäre ein solcher Übertritt allein schon deswegen, weil sich Flix ganz vom Comic-Kanon aus an die Frage von „Rittern“ (und Monstern) herantastet: Der alte Don Alonso aus dem Dorf Tobosow hängt zwar am klassischen Ritter-Kodex aus dem höfischen Roman, sein Enkel Robin dagegen kennt nur den „schwarzen Ritter“ aus der Superheldenwelt. Die Unternehmungen, die die beiden einander näherbringen, sind ähnlich zum Scheitern verurteilt, wie diejenigen in der Originalvorlage, und die Geschichte, die die Demenz des alten Mannes immer offensichtlicher zutage treten lässt, verweigert sich nicht der tristeren Realität hinter den inspirierten Fluchtfantasien des Duos. Gegen allzu viel Schwermut arbeitet dann Flix’ zuverlässig freundlicher Strich, dessen Grundheiterkeit auch graue Bleistiftzwischentöne keinen Abbruch tun.

Earth unplugged
von Jennifer Daniel
Jaja Verlag

Was geschieht, wenn auf der Erde plötzlich der Strom ausfällt, die dunklen Städte zu Gefahrenzonen werden und die Menschen nur noch auf dem Land etwas zu essen finden? In Jennifer Daniels „Earth unplugged“ geht es um nichts Geringeres als das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Doch wer eine grimmige Apokalypse im epischen Format erwartet, wie man sie üblicherweise mit Endzeit-Szenarien verbindet, der wird angenehm überrascht: Erzählt wird die Story auf 40 kompakten Seiten, und illustriert ist sie mit warmen, siebdruckartigen Bildern, die über weite Strecken ohne Text auskommen. Das kleine Meisterwerk der 28-jährigen Illustratorin zeigt, welche magische Wirkung ein großes Thema auch in einer kleinen Bildererzählung entwickeln kann, wenn sie so sorgfältig komponiert und gestaltet ist wie diese. „Earth unplugged“ ist Jennifer Daniels zweiter Comic, entstanden ist er als Diplomarbeit. Herausgebracht hat ihn die Verlegerin Annette Köhn, die sich mit ihrem Jaja Verlag seit drei Jahren der Publikation „fein illustrierter Machwerke“ widmet. Und prämiert ist das Kleinod auch schon: Gleich nach der Veröffentlichung gab es eine „lobende Erwähnung“ vom Interessenverband Comic e. V.

Ein Leben in China
von P. Ôtié und Li Kunwu. Übersetzung: Christoph Schuler
Edition Moderne

Zum ersten Problem im Leben des kleinen Li wird, dass er zwar früh schon „Papa“ sagen kann, der Name des Vorsitzenden Mao ihm jedoch noch nicht über die Lippen gehen will. Xiao Li – der „kleine Li“ – kommt Mitte der Fünfzigerjahre zur Welt und wächst in einem China des dramatischen Wandels auf. Die Gründung der Volksrepublik liegt erst wenige Jahre zurück, die Partei verordnet den radikalen Umbau von Landwirtschaft und Industrie, den „Großen Sprung nach vorn“ – der schon bald zur größten Hungerkatastrophe der Menschheit führen wird. Li Kunwu (geboren 1955), der seine Comic-Karriere als Propagandazeichner begann, schildert in seiner autobiografischen Trilogie Chinas harten Weg von der Kulturrevolution zur Wirtschaftsmacht und erzählt auf 700 brillant in Schwarz-Weiß inszenierten Seiten mit beeindruckender Lebendigkeit davon, wie die historischen Umwälzungen das Leben der Menschen tiefgreifend verändern. „Ein Leben in China“ ist in Zusammenarbeit mit dem Asien-Kenner Philippe Ôtié entstanden und zuerst in Frankreich erschienen, eine chinesische Ausgabe folgte erst im letzten Jahr.

Eva
von Claude Jaermann und Felix Schaad
Tages-Anzeiger Zürich / Sewicky Verlag

Eva Grdjic ist die Kassiererin des Cosmos Supermarkts in unserer Nähe: Sie ist Ausländerin, unterbezahlt und den Launen ihrer Vorgesetzten und der Konjunktur ausgeliefert – und hat dabei den notwendigen Mutterwitz entwickelt, um auf den unteren Stufen der sozialen Leiter zu überleben. Seit 2001 schildern der Autor Claude Jaermann und der Zeichner Felix Schaad Tag für Tag im Zürcher Tages-Anzeiger die großen und kleinen Dramen aus Evas Leben, ob sie nun im Supermarkt ausgenutzt wird, sich zu Hause mit ihrer aufsässigen Tochter und ihrem Enkel herumschlägt oder sich gegen den rassistisch polternden Hauswart wehren muss. Dann und wann bricht Eva Grdjic auch zu großen Abenteuern auf, wird von somalischen Piraten entführt oder landet auf dem Mond. „Eva“ ist eine intelligente Satire des Lebens im Shopping-Center Schweiz, die vor keinem Thema zurückschreckt, gepaart mit bissigem Humor und absurder Komik.

Flughunde
von Ulli Lust nach dem Roman von Marcel Beyer
Suhrkamp Verlag

Nach ihrer international gefeierten Graphic Novel „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Leben“ hat Ulli Lust nun Marcel Beyers in der NS-Zeit spielenden Roman „Flughunde“ als Comic adaptiert. Einerseits vertraut die aus Österreich stammende und in Berlin lebende Zeichnerin darin fest auf die Stärken des Romans, der 1995 erschien und von der Kritik wegen seiner sprachlichen Brillanz und seiner ungewöhnlichen Perspektiven auf den nationalsozialistischen Terror gefeiert wurde. So gibt sie den Worten Beyers viel Raum und übernimmt streckenweise ganze Absätze von ihm. Zugleich findet Lust aber ihre ganz eigenen Bilder und Formen, um Beyers kunstvoll montierte Parallel-Erzählung neu zu strukturieren und visuell eigenständig umzusetzen. Mit ihren auf das Wesentliche reduzierten, teilweise karikierenden Bildern vermittelt sie einen noch unmittelbareren Zugang zu den menschlichen Dramen als der Roman selbst. Zusätzlich zu den mit den Akteuren wechselnden Erzählstilen kontrastiert Lust die Weltsicht der Hauptfiguren durch unterschiedliche Zeichenstile und entsprechendes Lettering.

Hilda und der Mitternachtsriese
von Luke Pearson. Übersetzung: Matthias Wieland
Reprodukt

Hilda, ein resolutes Mädchen mit blauem Haar, lebt mit ihrer Mutter in einer Berghütte, umgeben von Elfen, Trollen, Holzmännchen und anderen fantastischen Wesen wie dem Mitternachtsriesen, der seit Jahrhunderten auf der Suche nach seiner Geliebten durch die magische Bergwelt geistert. Manche sind niedlich, andere furchterregend, die meisten sind Hildas Freunde. Außer den unsichtbaren Elfen, die die Menschen mit nächtlichen Steinwürfen zu vertreiben versuchen. Hilda möchte aber bleiben und macht sich auf den langen Irrweg durch die elfische Bürokratie, um ihre Situation mit dem Elfenkönig zu klären. Die Geschichte ist nicht ohne einen gesellschaftlichen Subtext um Integration, Ausgrenzung und Toleranz, aber in erster Linie erzählt Pearson eine emotionale Geschichte. In „Hilda und der Mitternachtsriese“ durchdringen sich Wärme und Witz, Melancholie und Hoffnung, Realität und Fantasie zu einem bezaubernden Comic für alle „jungen Leser zwischen 7 und 77“.

Im Himmel ist Jahrmarkt
von Birgit Weyhe
avant-verlag

Mit den Mitteln der Bilderzählung hat sich Birgit Weyhe auf die Suche nach den Spuren ihrer Vorfahren gemacht. Die Künstlerin ist 1969 in München geboren – was in diesem Fall wichtig ist. Denn die Recherche führt zurück an den Anfang des 20. Jahrhunderts, und Münchner Stimmungen und Schauplätze spielen eine große Rolle. Mit ihrer auf den ersten Blick vielleicht ein wenig spröde wirkenden Schwarz-Weiß-Grafik sucht Weyhe Zeichen und setzt sie zugleich. Sie zitiert viele Dokumente und bringt sie mit kluger Semiologie zum Tanzen. So entdeckt sie Lebensläufe, die lange verschüttet waren. Krumme, gerade, gelingende und scheiternde Leben. „Im Himmel ist Jahrmarkt“ hat sie das Buch überschrieben, denn die eigene Genealogie wird mehr und mehr zu einem Fest voller Wirren, Einsichten, aber auch Schrecken. Die große Qualität des Bandes liegt darin, dass der Leser Birgit Weyhes Geschichtsforschung sehr schnell zu seiner eigenen Angelegenheit macht und ihren Entdeckungen mit dem Vergnügen eines Rätsellösers zu folgen bereit ist.

Jimmy Corrigan – Der klügste Junge der Welt
von Chris Ware. Übersetzung: Tina Hohl und Heinrich Anders
Reprodukt

Wenn es einen Comic gibt, der sich mühelos an den Höhepunkten der nongrafischen Literaturmoderne messen kann, dann ist es „Jimmy Corrigan“ von Chris Ware. Dieses Buch ist in jeder Hinsicht so komplex konstruiert, dass es selbst den erfahrenen Comic-Leser herausfordert. Es enthält unangekündigte Zeitsprünge, es wechselt wie mit Filmschnitten von der Handlungsebene auf die Ebenen von (Tag-) Traum oder Assoziation. Der Komplexität der Handlungsführung entspricht die Komplexität der grafischen Präsentation. Ware hat eine eigenwillige Aufteilung der Seiten in (meist sehr viele kleine Panels)  entwickelt. Er kann einen einzigen Blick in unendliche Blickwinkel zerlegen. Dazu gibt es einen Helden, dessen Einsamkeit beinahe physisch auf den Leser überspringt. Chris Ware hat das Hohe Lied der Depression angestimmt und damit das amerikanische Comic-Publikum verstört und zugleich begeistert. Da das Buch bis ins letzte typografische Detail vom Künstlerwillen entworfen wurde, sind Übertragungen in andere Sprachen große Herausforderungen. Die deutsche Übersetzung von Tina Hohl und Heinrich Anders schmiegt sich jedoch perfekt an Chris Wares Original an.

Kiesgrubennacht
von Volker Reiche
Suhrkamp Verlag

Erstaunlich schnell ist die Graphic Novel zu einem Medium der Selbsterforschung geworden. Grafische Autobiografien nehmen in allen Nationalliteraturen rasch zu. Doch kaum eine ist so interessant wie Volker Reiches „Kiesgrubennacht“. Der vielseitige deutsche Künstler erzählt von seiner Kindheit und sucht die Auseinandersetzung mit dem autoritären und in Momenten gewalttätigen Vater. Die Masken des Rückblicks hat Reiche aus dem Fundus seines Zeitungs-Strips genommen. Reflektierende Zwischenkapitel zeigen den Zeichner im verfremdenden Diskurs mit den „Strizz“-Tieren. Es geht um Erinnerung und um die Zweifel daran. Es geht auch um die traumatisierenden Folgen von verdrängten Erinnerungsprozessen. Reiches Vater war Kriegsberichterstatter und hat einer Massenerschießung in einer Kiesgrube beigewohnt. Daher der Titel. Daher vielleicht der zementierte Charakter, dessen rauer Erziehung wohl noch die aktuellen Gemälde von Reiche in ihrem schmerzhaften Neoexpressionismus zu verdanken sind. Mit „Kiesgrubennacht“ liefert der Künstler einen Schlüssel.

Kililana Song
von Benjamin Flao. Übersetzung: Resel Rebiersch
Verlag Schreiber & Leser

Die zweibändige Graphic Novel „Kililana Song“ ist die erste Comic-Veröffentlichung des französischen Zeichners Benjamin Flao, für die er selbst auch das Szenario verfasst hat. Herausgekommen ist ein bildgewaltiges Abenteuer über den Konflikt zwischen Tradition und Moderne, über ein von skurrilen Charakteren bevölkertes Paradies an der Küste Kenias, über das die globale Realität hereinzubrechen droht – was die alten Geister des Dorfes in Zorn versetzt. Dabei gelingt es Flao ganz erstaunlich, die jeweilige Atmosphäre seiner Schauplätze – hitzeflimmernde Strände und Savannen, moskitoverseuchte Flussläufe im Dschungel, vom Sturm gepeitschte Wellen oder sternenklare, eisige Nächte – auf den Leser überspringen zu lassen. Oft bedient er sich dabei einer beim Comic eher seltenen Technik und breitet immer wieder „stumme“ Bilder sogar über ganze Doppelseiten aus, um die Stimmung eines Ortes oder einer Situation präzise und geradezu zwingend nachfühlbar zu kommunizieren: „Kililana Song“ ist eine höchst eindrucksvolle Bilderzählung – grafische Literatur im allerbesten Wortsinn.

Kinderland
von Mawil
Reprodukt

„Kinderland“ ist die erste lange Comic-Erzählung des Berliner Autors und Zeichners Markus Witzel alias Mawil in den zurückliegenden zehn Jahren. Sie spielt kurz vor dem Fall der Mauer in Ostberlin, Hauptfigur ist der Siebtklässler Mirco. Der hat es anfangs nicht leicht, zum einen wegen seiner schüchternen, eigensinnigen Art, zum anderen, weil er als Messdiener und Kind regimekritischer Eltern eher quer zum System steht. Aber durch ein paar glückliche Zufälle und vor allem dank seiner Tischtennisbegabung emanzipiert sich der strebsame Brillenträger und zeigt auch den halbstarken Rabauken an seiner Schule, wo die Kelle hängt. Die mit dynamischen Bildfolgen, einem perfekten Gespür für Pointen und geschickt angelegten Charakteren erzählte Coming-of-Age-Geschichte entfaltet sich vor dem Hintergrund des Endes der DDR. So wird die Selbstfindung der autobiografisch inspirierten Hauptfigur auch zur Metapher für die Befreiung der Ostdeutschen aus der SED-Vormundschaft. Vor allem aber ist es eine mitreißend erzählte, allgemeingültige und trotz ihres locker wirkenden Funny-Stils in die Tiefe gehende Geschichte darüber, wie verwirrend, aufregend und beglückend es sein kann, als junger Mensch seinen eigenen Weg zu finden.

Quai d’Orsay – Hinter den Kulissen der Macht
von Christophe Blain und Abel Lanzac. Übersetzung: Ulrich Pröfrock
Reprodukt

Eine Horrorgeschichte aus den Hinterzimmern der politischen Macht. Nicht einer fiktiven Macht, sondern aus dem sehr konkreten französischen Machtapparat. Es geht um das Pariser Außenministerium, den „Quai d’Orsay“. Dort rotiert das Teufelsrad, dort kocht der Hexenkessel. Zu eng getaktete Termine kollidieren miteinander. Fachleute und Redenschreiber verirren sich im Labyrinth der Fakten und Interessen, und der Außenminister ist in seiner Exzentrik kaum zu bremsen. Auch für den gibt es ein reales Vorbild: Dominique de Villepin. Der Autor Abel Lanzac (selbstverständlich ein Pseudonym) hat für ihn gearbeitet und seine Erfahrungen in ein Szenario der alltäglichen Groteske einfließen lassen. Der Zeichner Christophe Blain zieht alle Register, die die grafische Literatur zu bieten hat, und lässt durch dichte Bildfolgen, enge Schraffuren und schräge Typisierungen Politik als atemlose Achterbahn am Rande von Abgründen erscheinen. Nie waren Hände so sprechend wie in diesem bereits mit Preisen hoch dekorierten Buch. Nach der Lektüre wundert sich der Bürger, dass sein Gemeinwesen trotzdem zu funktionieren scheint.

Saga (nominiert durch das Publikum)
von Brian K. Vaughan und Fiona Staples. Übersetzung: Marc-Oliver Frisch
Cross Cult

„Liebe der Sterne“ so könnte man „Saga“ titulieren, das Science-Fiction-Epos nach Texten des Comic-Routiniers Brian K. Vaughan, umgesetzt in Zeichnungen der Newcomerin Fiona Staples. Denn im Gegensatz zum Großteil der Genre-Literatur, die regelmäßig von US-Verlagen zu uns herüberschwappt, geht es auf vielen Seiten von „Saga“ nicht um knallharte Action (auch wenn diese durchaus ihren Platz hat), sondern findet sich auch ein gehöriger Schuss Romantik. Im Mittelpunkt der Handlung steht das Liebespaar Alana und Marko. Sie gehören unterschiedlichen Spezies an, die einen intergalaktischen Krieg führen. Trotzdem verlieben sich die beiden – mehr noch, sie bekommen ein Kind: ihre Tochter Hazel. Wie diese zunächst ziemlich berechenbar anmutende „Romeo und Julia“-Geschichte dann aber weitergesponnen wird, weiß immer wieder zu überraschen. Und es rührt wirklich an, wie Alana und Marko inmitten des Chaos’, das sie umgibt und immer wieder bedroht, ihren privaten Familienfrieden zu verteidigen bemüht sind.

Schisslaweng (nominiert durch das Publikum)
von Marvin Clifford
www.schisslaweng.net

Web-Comics, in deren Mittelpunkt der Künstler selbst steht, sind im Internet längst Legion. Aber „Schisslaweng“ von Marvin Clifford sticht deutlich hervor. In den letzten zwei Jahren hat der Zeichner aus der deutschen Hauptstadt mit seinen Kurzepisoden zu Recht eine große Fangemeinde um sich geschart. Mit seinem eleganten, in der Computerspiel-Branche geschulten Strich, fängt er wöchentlich kleine Szenen ein, die er zwar humoristisch überspitzt darstellt, die so aber (fast) jedem von uns passiert sein könnten. Diesen Tücken des Alltags geht dann nicht selten genau jene Leichtigkeit ab, die ja eigentlich der der Berliner Mundart entlehnte Begriff „Schisslaweng“ suggeriert. Ganz besonders betrifft das natürlich die – nicht gerade wenigen – Episoden, in denen die Freundin auftritt. Schon mit kürzesten Kommentaren versteht sie es, auch noch die (vermeintlich) heroischsten Aktionen des Protagonisten der Lächerlichkeit preiszugeben. Alles wie im richtigen Leben!

TEN (nominiert durch das Publikum)
von Martina Peters
Cursed Verlag

Mit „TEN“ setzt die Düsseldorfer Germangaka Martina „Chiron-san“ Peters ein Web-Comic-Projekt fort, das ursprünglich unter dem Titel „KAE“ schon 2001 startete. Im Mittelpunkt stehen die Erlebnisse von Kae und Inori alias Ten, die sich auf der Flucht vor den Häschern eines „Center“ genannten Labors, das Experimente an Menschen ausführt, näherkommen. Wobei dieses „näherkommen“ durchaus auch wörtlich genommen werden kann – denn zunächst noch recht dezent, mit der Zeit aber durchaus konsequenter gibt sich der Manga als Vertreter des Shonen Ai- beziehungsweise Boys Love-Genres zu erkennen. Diese Stoffe, in denen oftmals androgyn gestaltete Männerfiguren romantische Liebesbeziehungen erleben, sind gerade in der deutschen Manga-Szene beim weiblichen Publikum sehr beliebt. Martina Peters gelingt es mit „TEN“ aber auch, einen packend umgesetzten Mystery-Thriller vorzulegen, der eine deutlich breitere Zielgruppe anzusprechen vermag. Zudem unterstreicht sie eindrucksvoll, dass ihr Artwork inzwischen zum Besten zählt, was die deutsche Manga-Szene zu bieten hat.

Totes Meer
von 18 Metzger
Jungle World / Ventil Verlag

Erstaunlich. Da erscheint der Comic-Strip „Totes Meer“ von einem Künstler-Kollektiv mit dem rätselhaften Namen „18 Metzger“ bereits seit 2003 in der Wochenzeitung „Jungle World“, aber erst die Buchausgabe des Ventil Verlags hat die Aufmerksamkeit der Max und Moritz-Jury endlich auf dieses wunderbare Kleinod gelenkt. Vielleicht liegt es daran, dass die Jungle World nicht zur regelmäßigen Lektüre der meisten Juroren gehört. Egal. Gerade das Durchblättern der Sammlung macht Lust auf mehr (das findet sich dann auf der Website der Metzger), ganz zu schweigen von Meer ... Aus dem toten Gewässer im Strip-Titel blühen Matrosenscherze in Farbstift-Strich, hin und wieder ergänzt durch fotografisch genaue Großschiff-Ansichten. Manchmal ist auch weit und breit kein Wasser zu sehen, dafür die Schweiz. Auf vier Panels, manchmal auch in einem einzigen, überlangen Panel, breiten 18 Metzger eine Weltsicht aus, die politisch und abstrus, humorig und scharfzüngig ist. Wie viele Metzger wirken nun tatsächlich an der Sache mit, zwei? Oder doch 18? Es kann einem schon vorkommen, als sei dieser Strip geradewegs einem dunklen Comic-Erdteil entstiegen. Wie schön, dass es ihn gibt!

Unsichtbare Hände
von Ville Tietäväinen. Übersetzung: Alexandra Stang
avant-verlag

In dem akribisch recherchierten Flüchtlingsdrama „Unsichtbare Hände“ schildert der finnische Autor und Zeichner Ville Tietäväinen die qualvolle Odyssee eines nordafrikanischen Flüchtlings in die Europäische Union. Die fiktive, aber auf Fakten beruhende Geschichte des marokkanischen Familienvaters Rashid ist geprägt von weitgehend realistisch gezeichneten Bilderstrecken, die durch die Verbindung von Aquarell, Ölpastell und Computernachbearbeitung einen eigenen, düsteren Look haben. Das passt zu der dramatischen Handlung, die den Überlebenskampf der Flüchtlinge ausführlich ergründet. In bildgewaltigen Panels werden die Schrecken der nur knapp überlebten Reise übers Meer und vor allem das sich anschließende Leid in Südspanien geschildert. Denn statt im erhofften Paradies landet die Hauptfigur, wie zahllose andere Flüchtlinge, in einem neuen Leben, das von Gewalt und Ausbeutung geprägt ist. Das Buch wurde 2011 mit dem Finnish Cultural Foundation Award, dem bedeutendsten Kulturpreis Finnlands ausgezeichnet.


Daten dieses Berichts
Bericht vom: 15.05.2014 - 21:54
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Bernd Glasstetter
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