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Reinhard Kleist: Der Boxer

Reinhard Kleist (Berlinoir, Cash) hat auf der Buchmesse seine neue Graphic Novel "Der Boxer" (Carlsen) vorgestellt, mit der er gerade den Jugendliteraturpreis in der Kategorie Sachbuch gewonnen hat. Kleist ist seit 1994 in der Comicszene unterwegs und hat vor etwa 3 Jahren für die Süddeutsche Zeitung zum Thema Holocaust / Völkermord recherchiert, als er zufällig ein Buch von Alan Haft gefunden hat, in der dieser die Geschichte seines Vaters Hertzko Haft schildert. Diese Geschichte hat Kleist so fasziniert, dass er das Buch gekauft und sich überlegt hat, dass er zu diesem spannenden Stoff gerne eine Graphic Novel machen würde.

Kleist hat sich mit Alan Haft in den USA getroffen und hat ihn interviewt. Alan Haft hatte ein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater, aber als Hertzko Haft ihm kurz vor seinem Tod seine Lebensgeschichte erzählt hat, hat Alan Haft dann dieses Buch über ihn geschrieben, um seine Geschichte bekannt zu machen. Das hat leider nicht so gut funktioniert, so dass er sich gefreut hat, dass Kleist den Stoff benutzen wollte, auch wenn es "nur ein Comic ist".

Alan Haft hat Kleist später originales Fotomaterial geschickt, damit Kleist sich an den Fotos orientieren konnte und die Geschichte möglichst originalgetreu wiedergeben konnte. Dies ist die Geschichte von Hertzko Haft:

Aufgewachsen in einem kleinen Dorf in der Nähe von Łódz in Polen, in dessen Nähe eine Grenze verlief, musste Hertzko Haft bereits als Kind Sachen über die Grenze schmuggeln. Irgendwann flog dieses Familiengeschäft auf, er wurde mit 16 Jahren von den Nazis verschleppt und ist im Anschluss durch viele Arbeitslager geschickt worden, in denen er auch Schmuggelarbeiten erledigen musste. In einem KZ wurde er von einem SS-Mann protegiert und musste in dem Lager gegen andere Mithäftlinge boxen, wobei der Verlierer höchstwahrscheinlich im Anschluss getötet worden ist. 1945, als die Rote Armee in Anmarsch war, wurden die Häftlinge auf einen Todesmarsch geschickt, in dessen Verlauf Hertzko Haft fliehen konnte. Nach Kriegsende wurde er von Amerikanern aufgegriffen, für die er auch wieder Schmuggelarbeiten erledigte und half, eine Art Bordell einzurichten, bis er mit der Polizei in Konflikt kam. Schließlich beschloss er aus mehreren Gründen, nach Amerika auszuwandern. Zum einen hatte er nie einen Beruf gelernt, zum anderen war seine Familie von den Nazis im Krieg ermordet worden und seine Jugendliebe Lea war in der Zwischenzeit auch in die USA ausgewandert.

In den USA suchte er erfolglos nach Lea und nach einem Job, aber leider fand er beides nicht. Schließlich beschloss er, wie viele andere Juden, Boxer zu werden, und trug den unter jüdischen Boxern üblichen Davidsstern auf der Boxerhose. Nun war sein Plan, ein erfolgreicher Boxer zu werden - unter anderem darum, damit er berühmt werden und sein Name groß in den Zeitungen stehen würde, um es Lea zu ermöglichen, ihn zu finden. Anfangs war Hertzko Haft sehr erfolgreich und seine Boxkarriere ging steil nach oben, denn auch wenn er keine gute Technik hatte, so war er doch energisch und schnell. Irgendwann stagnierte seine Karriere, und sein Manager arrangierte einen Kampf gegen Rocky Marciano, wo Haft sich im Vorfeld sogar hypnotisieren ließ. Den Kampf hat er trotzdem verloren. Später erzählte er seinem Sohn, er sei im Vorfeld von der Mafia bedroht worden.

Nach diesem Kampf gab Haft seine Boxkarriere auf, arbeitete fortan in einer Hutfabrik und heiratete schließlich seine Freundin, die er in der Zwischenzeit kennengelernt hatte. 1962 traf er tatsächlich doch auf Lea, die noch vor ihrer Auswanderung geheiratet hatte und in den USA nach Florida gezogen war, während Haft in New York lebte und boxte. Kurz vor seinem Tod wurde Hertzko Haft noch in die jüdische Hall of Fame des Sports aufgenommen.

Reinhard Kleist betrachtet einige Details aus Alan Hafts Buch mit Vorsicht, da Hertzko Alan erst 50 Jahre nach den Geschehnissen seiner Jugend von ihnen berichtet hat und sich an vieles nicht erinnern konnte, wie etwa an den Namen des SS-Mannes, der ihn protegiert und zu den Boxkämpfen gezwungen hatte. Darum sind ein paar Details aus der Graphic Novel von Kleist hinzugefügt worden, um die Lücken zu füllen. Außerdem musste er sich ein paar künstlerische Freiheiten nehmen, um Hertzko Haft zum Beispiel so aussehen zu lassen, dass er vom Leser immer wieder erkannt werden würde, egal in welchen Klamotten oder in welchem Alter er gezeigt werden würde.

Kleist hat irgendwann Andreas Platthaus von der F.A.Z. angesprochen. Herr Platthaus war begeistert, und so ist "Der Boxer" ursprünglich als Fortsetzungscomic in der F.A.Z. erschienen. Dort ist er vier Monate gelaufen und hatte das typische Comicstrip-Layout. Diese Position der Panels hat Kleist für die Veröffentlichung bei Carlsen dann noch einmal überarbeitet und ein paar Panels hinzugefügt und Details geändert. Kleist hat im Gespräch erzählt, dass er von den größtenteils ausbleibenden Reaktionen der Zeitungsleser sehr enttäuscht war, bis ihn am Ende der Serie private Emails von Lesern erreichten, die von der Geschichte sehr gerührt gewesen sind. Die Nachricht, dass seine Graphic Novel den Jugendliteraturpreis gewonnen hat, hat ihn sicher noch weiter darin bestätigt, dass er eine wichtige Geschichte aufgegriffen hat, die nicht ungehört (bzw. ungelesen) verhallt.



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 12.10.2013 - 18:21
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Skrollan Kannengieer
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