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Wein, Ignoranten und anderes Lesenwertes - Egmont Graphic Novel startet

Am Thema Graphic Novel kommt seit einigen Jahren eigentlich niemand vorbei, der sich mit Comics beschäftigt. Bei Egmont erscheinen schon seit langem Comics in der Egmont Comic Collection, auf die man ohne Probleme auch "Graphic Novel" hatte schreiben können. Nun aber startet der Verlag ein eigenes Label für die Comicromane, eben Egmont Graphic Novel. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde das neue Label und einer der ersten Titel daraus vorgestellt.

Auf die Bühne gekommen waren dazu Lexa Germann, die als Verlegerin auch Egmont Graphic Novel verantwortet, und Étienne Davodeau, der einen der ersten Titel des neuen Labels geschrieben und gezeichnet hat. Wobei, geschrieben hat "Die Ignoranten" vor allem das Leben. Denn Davodeau berichtet darin von seinen Erlebnissen mit seinem Nachbarn Richard, einem Weinbauern. Der hatte bisher nichts weiter mit Comics am Hut, und Davodeau nicht wirklich etwas mit Weinbau. Man verstand sich aber gut und fasste den Entschluss, dass jeder der beiden den jeweils anderen in sein Metier einführen sollte.

Die erste Frage von Moderator Lars von Törne (Tagesspiegel) drehte sich allgemein um das neue Label. Er bat Lexa Germann zu erzählen, wie es zu Egmont Graphic Novel kam und warum man eigenes Label für diese Spielart des Comics ins Leben rief. Laut der Verlegerin hatte man, wie bereits erwähnt, schon früher Graphic Novels im Programm, ohne sie ausdrücklich so zu nennen. In den letzten Jahren wurde das Thema immer prominenter, und nun erschien Egmont die Zeit reif, ein eigenes Segment dafür zu starten. Außerdem nehme der Begriff "Graphic Novel" nach wie vor einigen potentiellen Lesern die Scheu davor, ein Buch in die Hand zu nehmen, auf dem "Comic" steht und das vermeintlich nur für Kinder geschrieben wurde.

Anschließend berichtete Ètienne Davodeau über die Bedeutung des Begriffs in Frankreich. In Davodeaus Heimatland haben Comics traditionell eine größere Bedeutung als hierzulande, aber auch dort wird der Begriff "Graphic Novel" zunehmend verwendet. Für Davodeau selbst sind es nach wie vor Comics, aber er sieht das Potential des Begriffs für Werbung und Aufmerksamkeitsgewinnung. Der klassische Name für Comics, "Bande Dessinée", wird in Frankreich eher nicht mit hochwertigen Geschichten in Verbindung gebracht. Daher findet Davodeau es wichtig, das Etikett "Novel", also "Roman" verwenden zu können.

Der allererste Band, der bei Egmont Graphic Novel erschienen ist, stammt sozusagen noch aus der Zeit vor dem neuen Label. Miguelanxo Prado ist mit seinen Comics schon seit langem im Egmont-Programm vertreten, und als der Künstler seine erste Graphic Novel "Ardalén" vorlegte, sicherte man sich die deutsche Lizenz für die Egmont Comic Collection. Damals war die Entscheidung, das neue Label zu starten, noch gar nicht gefallen. So kam es dazu, dass der erste Titel der EGN einige Wochen vor dem "eigentlichen" Start des Segments erschienen ist.

An dieser Stelle gab das Podium einen kurzen Überblick über das erste Programm von EGN. "Sailor Twain" von Mark Siegel erzählt die Geschichte einer Meerjungfrau im Hudson River, die auf einem Schiff für Aufregung sorgt. Bei "Scheitern als Erfolg" von David Cantolla (Text) und Juan Díaz-Faes (Zeichnungen) könnte man auf den ersten Blick meinen, hier wäre ein Funny-Titel ins Graphic Novel-Programm gerutscht. Aber gerade diese Spannung zwischen der eher ernsten Thematik und dem scheinbar unpassenden graphischen Stil macht den Reiz dieses Bands aus. In den USA viel diskutiert und auch mit Auszeichungen versehen wurde "Das Schweigen unserer Freunde", wo Mark Long und Jim Demonakos für den Text sowie Nate Powell für die Zeichnungen zuständig waren. Die Graphic Novel erzählt eine Geschichte aus dem Texas der 1960er. Vor dem Hintergrund von Bürgerrechtsbewegung und Rassenkonflikten freunden sich zwei Familien an, die eigentlich auf unterschiedlichen Seiten stehen. Der Band "Feynman" nutzt die Figur des ebenso legendären wie exzentrischen Physikers und Nobelpreisträgers Richard Feynman, um seine Leser in die Quantentheorie einzuführen.

Ein weiterer Titel hat eine interessante Hintergrundgeschichte, denn "Antoinette kehrt zurück" von Antonia Vieweg ist kein Lizenztitel aus dem Ausland, sondern bereits die erste Eigenproduktion des neuen Labels. Der Band ist entstanden aus dem Comic-Stipendium, das Egmont 2012 erstmals auslobte. Folgerichtig ermutigte Lexa Germann auch auf der Buchmessen-Bühne nochmals alle ambitionierten Zeichentalente, sich um das Stipendium 2014 zu bewerben. Das Thema von 2012 war "Heimat", und entsprechend dreht sich Viewegs Geschichte um die Rückkehr der titelgebenden Antonia, wodurch einige alte Wunden wieder aufgerissen werden.

Nun wandte sich das Gespräch dem zweiten Hauptthema zu, nämlich der Graphic Novel "Die Ignoranten" von Étienne Davodeau. Als der Band dem Verlag als mögliche Lizenz vorgestellt wurde, war man begeistert - von dem Comic selbst, dem Erfolg in Frankreich, aber auch vom Thema Wein. Schließlich gibt es im Verlag auch so einige Liebhaber des Rebensaftes.

Die Idee zu der Graphic Novel entstand, als Davodeau sich mit seinem Nachbarn Richard unterhielt. Der Zeichner stellte fest, dass sein Freund mit der gleichen Begeisterung und Leidenschaft über Wein sprach, wie er selbst oft über Comics. Also traf man eine Vereinbarung: Davodeau arbeitet kostenlos im Weinberg, dafür liest Richard ausgewählte Comics, geht mit zu Ausstellungen und so weiter. Denn beide hatten sich bisher kaum bis gar nicht mit dem Interessengebiet des jeweils anderen beschäftigt.

Für Davodeau bedeutete das eine Umstellung: Obwohl er lieber zeichnen wollte, musste er im Weinberg durchaus schwer körperlich arbeiten. Aber er hatte immer einen Block und eine Kamera in der Tasche, damit er zwischendurch Skizzen und Fotos machen kann. Diese dienten später als Vorlagen für die Graphic Novel.

Umgekehrt bot Richards Reaktion ein erstaunlich gutes Maß für die Qualität eines Comics: Wenn Richard nach einem anstrengenden Tag über der Lektüre einschläft, kann der Comic so gut nicht sein. Davodeau hatte für seinen Freund bewusst nicht die altbekannten Klassiker wie Tim und Struppi oder Asterix ausgewählt. Inzwischen - die Ereignisse liegen rund zwei Jahre zurück - ist aus Richard ein Comicliebhaber geworden.

Auch Davodeau hat die Erfahrung in seinem Beruf weitergeholfen. Die Notwendigkeit, Richard zu vermitteln, was er eigentlich tut, zwang ihn, sich die "Basics" seiner Kunst wieder bewusst zu machen. Diese Wirkung funktionierte sogar länderübergreifend: Die fertige Graphic Novel hat Verlegerin Lexa Germann eine neue Variante des Zaubers gezeigt, den Comics vermitteln können.

Étienne Davodeau hat in Frankreich schon über 20 Comics veröffentlicht, vor "Die Ignoranten" erschien nur eines davon auch in Deutschland, nämlich "Lulu - Die nackte Frau" (Splitter Verlag). In diesem Buch spielen die Farben eine große Rolle. Das brachte Lars von Törne auf die nächste Frage, nämlich warum "Die Ignoranten" in schwarz/weiß gehalten ist. Der Künstler brachte es auf eine einfache Formel: Für manche Projekte benötigt er Farben, für andere benötigt er keine. Bei Lulu sind die unterschiedlichen Farben notwendig, um die die Seelenzustände der Hauptfigur zu beschreiben und ihre Gedankenwege zu erklären. Für die Graphic Novel waren Graustufen besser, weil Davodeau wenig Zeit hatte - schließlich arbeitete er den ganzen Tag im Weinberg. Bei der Beschreibung eines Tages hätte er allerdings dann doch gerne Farben zur Verfügung gehabt. Bei einem Gewitter war das Grün der Weinreben so vibrierend und der Kontrast zu den tiefschwarzen Wolken so stark, dass der Künstler Sorge hatte, diesen Eindruck in schwarz/weiß nicht nachempfinden zu können. Aber am Ende war er mit dem Ergebnis doch zufrieden.

Zum Abschluss kam das Gespräch nochmal auf Egmont Graphic Novels allgemein zurück. Ein weiteres Programm mit sieben neuen Titeln ist bereits in Arbeit, das laut Lexa Germann sehr abwechslungsreich ausfallen wird. Die oft gestellte Frage über digitale Veröffentlichungsformen im Comicbereich tauchte auch diesmal auf. Die Verlegerin ist überzeugt, dass sich hier in den nächsten Jahren noch einiges tun wird. Allerdings ist es für einen Verlag, der stark als Lizenznehmer auftritt, kein einfaches Feld. Denn für jeden Titel müsste man mit dem Lizenzgeber außer über die Printversion auch über die digitalen Rechte verhandeln.



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 12.10.2013 - 17:49
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
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