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Dick und beliebt - Comicfrühstück für Buchhändler und Bibliothekare

In der dritten Ausgabe des diesjährigen Comicfrühstücks konnten sich Buchhändler, Bibliothekare und allgemein alle Interessierten über Comics in Gesamtausgaben informieren. Dr. Alex Jakubowski (ARD) sprach mit Steffen Boiselle (Carlsen Verlag), Dominik Madeki (Splitter Verlag) und Volker Hamann (Comic-Händler und -Journalist) über die immer beliebter werdende Publikationsform.

Zunächst zur Begriffsbestimmung: In der Praxis meint "Integralausgabe", "Werksausgabe" und "Gesamtausgabe" im Wesentlichen das Gleiche, nämlich mehrere Comicbände in einem dicken, oft bibliophil aufgemachten und mit Zusatzmaterial ausgestatteten dicken Band. In den Details unterscheiden sich die Begriffe noch, beispielsweise bezieht sich eine "Integralausgabe" generell auf mehrere Bände, muss aber keine "Gesamtausgabe" im Sinne von "alles" sein.

Die meisten Verlage produzieren sowohl Einzelbände als auch Gesamtausgaben. Splitter geht dabei nach einem doppelten Prinzip vor: Zum einen beginnt die jeweilige Gesamtausgabe ab dem ersten Band. Parallel dazu werden oft die neuesten Bände als Einzelbände veröffentlicht, damit die langjährigen Fans nicht auf das aktuelle Material warten müssen, bis die Gesamtausgabe dort angelangt ist. Carlsen veröffentlicht pro Halbjahresprogramm ein oder zwei Gesamtausgaben-Bände und sieht diesen Bereich als Ergänzung.

Die ersten Gesamtausgaben gehen bis in die 1970er Jahre zurück. Damals produzierte ein französischer Verlag eine edel angehauchte Ausgabe von Asterix. Um diese nach Deutschland zu bringen, gründete Egmont Ehapa die neue Verlagstochter Horizont, die die Bände im Direktvertrieb anbot. Der aktuelle Boom begann mit der Hergé-Gesamtausgabe, die 1999 bei Carlsen herauskam.

Als nächste befasste sich die Runde mit der Frage, was taugt überhaupt für eine Gesamtausgabe? Steffen Boiselle brachte die Antwort auf eine einfache Formel, wenn genügend Leser (und Käufer) sich dafür interessieren, ist eine Gesamtausgabe denkbar. Scherte sich schon bei der Erstveröffentlichung niemand um eine Serie und heute auch nicht, ist eine Gesamtausgabe eher unwahrscheinlich. Wichtig ist auch, dass es noch etwas gibt, das die Gesamtausgabe als "Mehrwert" liefern kann, beispielsweise Skizzen oder redaktionelles Zusatzmaterial. Die Serien, bei denen sich eine Gesamtausgabe anbietet, dürften in circa vier bis fünf Jahren "abgearbeitet" sein.

Danach ging es um Zahlen. Bei Carlsen und wohl auch bei den meisten anderen Verlagen verkaufen sich von einer Gesamtausgabe etwa 3.000 bis 5.000 Exemplare pro Band. Das sind in der Comicbranche ordentliche Zahlen, und durch den vergleichsweise hohen Stückpreis kommen relativ hohe Umsätze zustande. So kommt es, dass schon mal unter den ersten fünfzehn Positionen einer Bestsellerliste sieben Gesamtausgaben zu finden sind. Gleichzeitig ist aber die Anzahl derjenigen Käufer, die sich eine Serie, unter Umständen zusätzlich zur damaligen Erstausgabe, ins Regal stellen, doch begrenzt, so dass auch diese Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Diese Leser haben oft einen hohen Qualitätsanspruch. Dominik Madeki merkt dazu an, dass bei den Produkten des Splitter Verlags ohnehin sehr stark auf die Qualität geachtet wird. Beispielsweise wird ein spezielles Verfahren für die Aufbereitung der Druckdaten verwendet, und Co-Verlagschef Horst Gotta investiert viel Zeit in die Aufarbeitung der teils jahrzehntealten Comicseiten, oft in enger Abstimmung mit dem Künstler.

Ein Verlag in den Dimensionen von Carlsen oder auch beispielsweise Egmont kann dies allerdings nicht leisten. Dem steht die reine Kostenstruktur im Wege. Ein Verlagschef persönlich kann sich, wenn möchte, die Nächte mit dem Grafikprogramm um die Ohren schlagen, von einem "normalen" Angestellten bei einem großen Verlag kann man das eher nicht verlangen. Eine Hürde für Verlage jeder Größe sind auch die Bedingungen des Lizenzgebers. Mit dem muss jede Veränderung bei der Übertragung ins Deutsche abgeklärt werden. Das bedeutet, wenn der Originalverlag nicht zustimmt, kann beispielsweise ein Text in einer Gesamtausgabe über die Erstveröffentlichung in Frankreich nicht gegen einen über die Erstveröffentlichung in Deutschland ausgetauscht werden.

Volker Hamann kann davon berichten, dass es mittlerweile immer schwerer wird, für die redaktionellen Texte für eine Gesamtausgabe noch etwas neues zu finden, dass noch nicht in ähnlichen Texten stand. Teilweise entscheidet sich die Qualität auch an anderen Dingen: Einer der beiden großen französischen Verlage beauftragt meist einen ausgewiesenen Fachmann für die redaktionellen Teile ihrer Gesamtausgaben, der andere überlässt dies einem Freund des Verlagschefs. Die Unterschiede, findet Hamann, sind deutlich zu sehen.

Als nächstes sprachen die Podiumsteilnehmer über eine oft geäußerte Kritik an Gesamtausgaben. Denn nicht selten steht der Vorwurf im Raum, der Verlag wolle einfach dieselben Comics nochmals verkaufen. Das wollten die vier aber so nicht gelten lassen. Denn bei den doch relativ kleinen Auflagenzahlen im Vergleich zum Aufwand, der bei den Verlagen getrieben wird (ob groß oder klein), kann man von Geldschneiderei oder ähnlichem nicht sprechen. Und manchmal ist eine Gesamtausgabe einer Serie, deren Einzelbände längst vergriffen sind, die beste Möglichkeit, heute dranzukommen.

Die meisten Gesamtausgaben, die man aktuell in den Läden und Verlagsprogrammen findet, stammen aus dem frankobelgischen Bereich. Die nächste Frage, die auf dem Podium aufgeworfen wurde, drehte sich folgerichtig um die anderen "Comicwelten". Warum beispielsweise gibt es kaum bis keine Gesamtausgaben von Superheldencomics? Ein Grund mag sein, dass Superhelden oft weniger Autorencomics wie in Frankreich oder Belgien sind, sondern mehr figurenzentriert sind und oft über die Jahrzehnte von verschiedenen Zeichnern in Studios produziert werden. Andererseits fangen die Amerikaner bereits an, ihre Comicgeschichte nach und nach aufzuarbeiten. Das zeigen beispielsweise die sehr wohl existierenden Gesamtausgaben von Tarzan oder Prinz Eisenherz, die es auch schon nach Deutschland geschafft haben. Volker Hamann ist der Meinung, dass hier in den kommenden Jahren noch mehr folgen wird.

Zum Abschluss wollte Alex Jakubowski noch wissen, welche kommenden Gesamtausgaben die vertretenen Verlage für die nähere Zukunft so in petto haben - und was vielleicht wünschenswert wäre, aber aus den verschiedensten Gründen wohl nicht realisiert werden dürfte. Steffen Boiselle erwähnte die geplante Spirou-Gesamtausgabe bei Carlsen. Womit er in der Vergangenheit nicht gerechnet hätte, was aber tatsächlich erschienen ist, ist die Gesamtausgabe der Gifticks.

Dominik Madeki berichtete von den Splitter Doubles, die im neuen Katalog vorgestellt werden. Denn in Frankreich ist es mittlerweile üblich, Verträge mit Zeichnern und Autoren nur über zwei oder drei Bände abzuschließen. Finden diese genügend Käufer, folgt der nächste "Block" in dieser Größe. So entstehen häufig auch inhaltlich kleine Zyklen über eben diese zwei oder drei Bände. Diese bringt Splitter dann eben unter dem Titel "Splitter Double".

Volker Hamann weist auf die Gesamtausgabe von "Isabella", an der Finix Comics arbeitet. Leider kann dieses Projekt nicht so schnell voranschreiten wie man es sich wünschen würde, aufgrund komplexer Verhandlungen mit den Lizenzgebern. Die Finix-Macher sind allerdings noch immer an Thema dran. Wünschen würde er sich eine Gesamtausgabe von "Anatol", glaubt aber nicht, dass sich je ein Verlag bei der doch sehr kleinen Zielgruppe rantrauen wird.

Den Videomitschnitt kann man sich hier ansehen...



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 11.10.2013 - 14:24
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Henning Kockerbeck
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