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Volker Reiche: Kiesgrubennacht (Graphic Novel, Suhrkamp)

Update: Einen Videomitschnitt dieser Veranstaltung bieten wir hier.

Volker Reiche, bekannter Zeichner der Comicserie Strizz (F.A.Z.), hat heute auf der Buchmesse sein neues Werk "Kiesgrubennacht" vorgestellt. Dieses kommt als Graphic Novel daher, einem Medium, dass Reiche als "wohltuend" empfindet und auch vom Suhrkamp Verlag durchaus unterstützt wurde. Den Vorteil an Graphic Novels sieht Reiche vor allem darin, dass sie, anders als Comics, nicht diese Erwartungshaltung von lustigem Inhalt hervorrufen, sondern auch ernste Inhalte in einem großen Umfang verbreiten können.

Doch erstmal etwas zum Inhalt von "Kiesgrubennacht". Es handelt sich um eine Autobiographie von Volker Reiche (69), allerdings beschreibt er darin nur seine Kindheit aus der Sicht eines Kindes, von seinem sechsten bis neunten Lebensjahr. Er versucht, im Originalton und mit dem Wissen seines kindlichen Ichs von damals zu erzählen. Und zu erzählen gibt es viel: Obwohl Reiche und seine zwei älteren Brüder sehr behütet (von Seiten ihrer Mutter) aufgewachsen sind (es war "nicht gerade Bullerbü aber doch so ähnlich"), so hat er doch zum Beispiel sporadische Gewalt erlebt, zum Beispiel in der Gewalt des Vaters gegenüber der Mutter oder in dessen beiläufigen Tötung von Haustieren.

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Kiesgrubennacht von Volker Reiche
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Kiesgrubennacht von Volker Reiche - Volker Reiche
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Kiesgrubennacht von Volker Reiche
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Kiesgrubennacht von Volker Reiche - Volker Reiche
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Kiesgrubennacht von Volker Reiche - Andreas Platthaus
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Kiesgrubennacht von Volker Reiche

Reiches Vater war sogenannter Kriegsberichterstatter im Dritten Reich und hat nebenbei Gedichte geschrieben, die der Nazi-Ideologie huldigten und Propaganda für den Völkermord betrieben. Davon hat Reiche in dem Alter, in dem das Buch spielt, zwar nichts mitbekommen - trotzdem ist es als Thema in seiner Graphic Novel vertreten, denn chronologisch im Laufe des Entstehungsprozesses hat Reiche Zwischenkapitel eingebaut, in denen sein Alter Ego als Comicfigur mit seinen Tierfiguren aus Strizz seine Gedanken teilt. Dabei spricht Reiche aus seiner heutigen, erwachsenen Sicht, im Gegensatz zu den Erzählungen aus kindlicher Perspektive im Rest des Buches.

"Kiesgrubennacht" wurde heute im Rahmen eines Künstlergesprächs vorgestellt. Moderiert von Lars von Törne vom Tagesspiegel, standen neben Herrn Reiche noch Winfried Hörning vom Suhrkamp Verlag und Andreas Platthaus von der F.A.Z. Rede und Antwort. Der erste Teil des Gespräches drehte sich vor allem um den Weg zur fertigen Graphic Novel. Herr Hörning hat betont, dass Herr Reiche für ihn ein Profi und Könner ist und direkt einen Vertrauensvorschuss bekommen hat, als Herr Platthaus ihn auf ein neues Werk von Herrn Reiche angesprochen hat. Auch das Medium war Herrn Hörning durchaus recht, denn obwohl er betont hat, dass z.B. Krimis voller "sinnloser" Gewalt nicht in das Programm von Suhrkamp passen, so sagte er auch, dass er durch diese Veröffentlichung einiges über Gewalt gelernt hat. Ein Lektorat sei praktisch nicht notwendig gewesen, man hätte mit der Anfrage für die Veröffentlichung quasi "offene Türen eingerannt".

Da es sich um ein Künstlergespräch und weniger um eine Buchvorstellung gehandelt hat, kann ich jetzt gar nicht so sehr auf den Inhalt des Buches eingehen, so gern ich mehr darüber sagen würde. Die Screenshots, die zwischendurch eingeblendet wurden, haben allerdings eine interessante Diversität gezeigt. Zum einen gibt es da die Geschichten über den kleinen Volker, wie er die Interaktion zwischen seinen Eltern und mit seinen Brüdern erlebt. Zum anderen gibt es die besagten Zwischenkapitel, in denen ein gereifter Reiche mit den Strizz-Tieren seine "erwachsenen" Gedanken teilt. Und zum dritten tauchen in den Zwischenkapiteln auch einige Bilder, also Gemälde, von Reiche auf, die unter dem Eindruck der Geschehnisse im dritten Reich entstanden und zum Teil sehr verstörend sind. Diese unterscheiden sich in Form und Inhalt absolut vom Rest des Buches und verleihen dem Ganzen eine zusätzliche, düstere Note. Auch ein Beispiel von Vater Reiches Dicht"kunst" wird gegeben.

Das Gespräch hat sich später weg von dem eigentlichen Buch entwickelt, hin zu der Fragestellung, wie authentisch eine Autobiographie eigentlich sein kann. Direkt zu Anfang des Buches sagt Reiches Alter Ego, dass sämtliche Personen und Ereignisse als fiktiv zu betrachten sind, nur um ins Grübeln zu kommen, da er ja seine eigenen Erinnerungen niederschreibt… Fakt ist, sagte er vorhin im Gespäch, dass man im Laufe seines Lebens und je nach aktueller Lebenssituation ein sehr unterschiedliches Bild seines bisherigen Lebens hat. Da man gezwungenermaßen im Rückblick berichtet, aber mit dem Wissen von heute, nimmt man die Geschehnisse automatisch verzerrt wahr. Außerdem, so berichtete Reiche interessiert, besagt die moderne Gehirnforschung, dass ein "ungefähres" Erinnern deutlich energiesparender für das Gehirn ist. Dazu hat er die Anekdote erzählt, wie er auf dem 70. Geburtstag eines seiner Brüder eine Anekdote aus dem Buch vorgetragen hat, wie er und besagter Bruder damals eine Nacktschnecke gequält haben - nur um später von seinem anderen Bruder zu erfahren, dass dieser mit dabei gewesen war, und nicht der erstgenannte Bruder. Aus diesem Grund traut Reiche seinen eigenen Erinnerungen nicht ganz über den Weg und diskutiert dieses Problem auch angeregt mit dem Strizz-Tieren (die Katze Herr Paul ereifert sich zum Beispiel darüber, dass in Reiches Erinnerung eine Maus mit einem Messer gejagt wurde, während keine einzige Katze in der Erzählung auftaucht - das kann ja nur falsch sein!)

Abschließendes Thema, das an sich nicht so viel mit dem Buch zu tun hatte, waren philosophische Gedanken über die Faszination und den Unterhaltungswert des Tötens. Reiche hat sich als Computerspieler geoutet, der zwar keine Egoshooter, aber beispielsweise Rollenspiele gern mal durchspielt, in denen man natürlich "gerechtfertigt" die Angreifer abschlachtet, da man sich ja nur selbst verteidigt. In der Zeitschrift PC Games, so Reiche, wird die Gewalt in Computerspielen dadurch erklärt und heruntergespielt, dass gesagt wird, dass es sich ja alles um Virtualität handelt und nichts davon real passiert, aber Reiche bezweifelt das stark. Seiner Meinung nach hat ein sogenannter Amoklauf, etwa an einer Schule, deutlich mehr Ähnlichkeit mit einem Egoshooter (weil geplant und vorbereitet) als mit einem ursprünglichen Amoklauf, wo jemand ungeplant durchtickt und ausrastet. Er interessiert sich sehr dafür, wieso Gewalt überall so einen großen Unterhaltungswert hat. So wie ich das verstanden habe scheint er ein bisschen die Befürchtung zu haben, in seiner Kindheit unterbewusst so geprägt worden zu sein - auch da viele seiner gleichaltrigen Bekannten Kunst und Unterhaltung, die unangenehm ist oder Gewalt abbildet, angewidert von sich weisen. Sämtliche Sprecher schienen sich allerdings einig, dass jemand, der sich zumindest darüber Gedanken macht, warum er z.B. Action Filme unterhaltsam statt abartig findet, immer noch auf der richtigen Seite einer definitiven Grenze steht.

Nach dem Gespräch wurde noch auf die folgende Signieraktion hingewiesen - außerdem findet am Sonntag (18.10.13) in der Art Virus Galerie in Frankfurt eine Lesung des Buches statt, in der als besonderes Schmankerl Andreas Platthaus der Figur von Herrn Paul die Stimme leiht.



Daten dieses Berichts
Bericht vom: 09.10.2013 - 17:39
Kategorie: Tagebuch
Autor dieses Berichts: Skrollan Kannengieer
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